Erstaunliches Katholisches

Es kommt nur noch sehr selten vor, dass ich außerhalb des halben Dutzend mir lieb gewordener Blogs schaue, was andere Blogger schreiben. Dahinter verbirgt sich nicht etwa Desinteresse an der Arbeit der Anderen, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass es kaum noch etwas Neues zu entdecken gibt.

Soeben jedoch habe ich mir bis dahin Unbekanntes entdeckt.

Nicht neu und nicht unbekannt ist der explizite Hass, den katholische Medien gegen schwule Menschen schüren. kreuz.net und kath.net rangeln miteinander um die Vorherrschaft auf diesem Gebiet. Andere Medien einschließlich verschiedener Blogger sind im Ton meistens milder, in der Sache aber ebenso unnachgiebig. Flankiert von hochrangigen römisch-katholischen Würdenträgern dürfen schwule Menschen als das fleischgewordene Böse dargestellt werden. Fakten spielen keine Rolle oder werden passend gemacht.

Ebenfalls nicht neu ist, dass die übergroße Mehrheit der katholischen Christen all dies anstandslos hinnimmt. Zwar wird im persönlichen Gespräch eingeräumt, dass das so laut in die virtuelle Welt hinausgeblökte nicht geteilt wird, jedenfalls nicht in der verbalen Darstellung, aber eine ernsthafte und wahrnehmbare Distanzierungen von den Schwulenhassern im Allgemeinen und kreuz.net und kath.net im Speziellen findet über alle kirchlichen Ebenen hinweg so gut wie nicht statt. Das lässt mich annehmen, dass diese Menschen, die sich so gerne auf Jesus berufen, wohl annehmen, dass Jesus ein begeisterter Leser von kreuz.net und kath.net wäre.

Zeit zu beten ist ein Blog, nach dem ich bestimmt nicht suchen würde, bezeichnen sich die beiden dortigen Blogger doch als

papsttreu und “konservativ im besten Sinne”.

Doch gerade auf diesem zufällig entdeckten Blog finde ich die klare Distanzierung von den katholischen Hasspredigern, die ich im realen Alltagsleben und der virtuellen Welt der Katholiken sonst vermisse.

Unter der Überschrift

kath.net diskreditiert sich selbst

wird zum Beispiel ein kath.net-Angriff auf David Berger,

„Dabei wurde er unterstützt vom ehemaligen Religionslehrer David Berger, der bekennend homosexuell lebt…. Berger hatte KATH.NET in der Vergangenheit mehrere Kommentare angeboten, die im übrigen nach seinem Homo-Outing längst gelöscht wurden.“

abgewehrt:

“nach seinem Homo-Outing…gelöscht” – also sobald kath.net weiß, dass ein Mensch homosexuell orientiert ist, werden zuvor akzeptierte Beiträge gelöscht? Das soll also die im Weltkatechismus festgeschriebene Toleranz sein, besser gesagt, wie sie ein Medium, das sich zur Kirche Jesu Christi und ihrer Morallehre bekennt, versteht?

In einem anderen Post zur

Studie des JOHN JAY COLLEGE

durchleuchten die Blogger die bei der römisch-katholischen Kirche so beliebten Zahlenverdrehereien, mit denen der Welt weisgemacht werden soll, dass Pädophilie und Ephebophilie so gut wie ausschließlich bei schwulen Männern vorkommen:

Die Missbrauchstäter stellen eine sehr heterogene Gruppe dar: sie waren heterosexuell, homosexuell oder bisexuell. In diesem Punkt konnten keine signifikanten Unterschiede zu Tätern ausserhalb der Kirche gefunden werden.

[Diese Schlussfolgerung aus der großen Stichprobe von 4.230 Priestern im Zeitraum von 52 Jahren zeigt, dass eine Einengung der Täterschaft auf Homosexuelle nicht zulässig ist, denn außerhalb der Kirche ist empirisch klar, dass Homosexualitat nicht als entscheidende Verursacherin von Missbrauchsfällen verantwortlich zu machen ist.

+

80,9 % der Opfer sind männlichen, 19,1 % weiblichen Geschlechts.

[Im Anhang genannte Studien (z.B. Sipe, 1995) weisen darauf hin, dass die Dunkelziffer der weiblichen Opfer wesentlich höher ist, so dass sogar ein annähernd ausgeglichenes Verhältnis von männlichen und weiblichen Sexualpartnern vorstellbar ist. Loftus and Camargo (1993) erheben bei ihrer Untersuchung sexueller Beziehungen von 1.322 Priestern, dass 27,8 % aller Priester eine Beziehung mit erwachsenen Frauen, 8,4 % mit Minderjährigen eingegangen waren. Die Untersuchung [v]on Sipe weist schließlich darauf hin, dass die Aufdeckung einer homosexuellen Beziehung vier mal so wahrscheinlich ist wie die mediale Berichterstattung über die heterosexuelle Beziehung eines Priesters.]

+

64% der beschuldigten Priester hatten männliche Opfer, 22,6 % der Priester ausschließlich weibliche und 3,6 % sowohl weibliche als auch männliche Opfer, in 9,8 % der Fälle konnte das Geschlecht nicht erhoben werden.

[Das Faktum, dass (nur) 64% der beschuldigten Priester männliche Opfer missbrauchten, wird meist nicht genannt; da wird viel lieber auf die Gesamtzahl der 81% männlichen Opfer verwiesen, um die Schlussfolgerung „eindeutig homosexuell motivierter Missbrauchsfälle“ etwas anschaulicher darzustellen zu können.]

Zeit zu beten ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass es auch katholischen Menschen nicht unmöglich ist, Fakten zur Kenntnis zu nehmen, zu bewerten und sich selbst eine Meinung zu bilden, und hebt sich klar von dem sonstigen Einerlei der katholischen Medien- und Bloggerlandschaft ab.

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2 Antworten auf Erstaunliches Katholisches

  1. hp sagt:

    Bei Kreuz.net. frage ich mich immer wieder wie es möglich ist aus seinen GR Profil heraus Beiträge zu verfassen. ;-)

    Leider müssen wir aus Rücksicht auf den Teil der Menschheit, die das bei kreuznet geschriebene (Achtung Wortspiel) glauben, das sich selbst entlarvende Portal kritisieren, anstatt genüsslich derer Selbstdemontage beizuwohnen.

  2. Stefan sagt:

    Danke für die Besprechung der “kritischen Artikel” auf unserem Blog.
    Die Ablehnung, die ich mit den besprochenen Schlussfolgerungen in meinen Kreisen ernte, nehme ich gerne auf mich ;-)
    btw: bezüglich “papsttreu” ist zu unterscheiden zwischen dem Theologen (in diesem Punkt ist er für Kenner von Theologie und Spiritualität “state of the art”) und dem Staats- bzw. Kirchenpolitiker Benedikt XVI….

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