Was wäre, wenn …?

In the period October 1980 – May 1981, five young men, all active homosexuals,

so, lieber Leser, liebe Leserin, beginnt der erste wissenschaftliche Bericht über eine Infektion, die wir heute HIV, und eine Krankheit, die wir heute AIDS nennen – verfasst vor dreißig Jahren.

Ich weiß, die Frage, wie es heute wäre, wenn es damals anders gelaufen wäre, ist eine unzulässige, da niemand die Antwort geben kann. Und doch möchte ich einen Gedanken daran verschwenden, denn der Verfasser der zitierten Textstelle hat – unwissenschaftlich und dumm – Schlussfolgerungen gezogen und Vorurteile gefällt, die noch heute in den Köpfen vieler festzementiert sind:

The fact that these patients were all homosexuals suggests an association between some aspects of a homosexual lifestyle or disease acquired through sexual contact and Pneumocystis carinii pneumonia in this population.

Was wäre, wenn es nicht fünf schwule Männer gewesen wären, sondern heterosexuelle Männer und Frauen?

Die Krankheit AIDS und der Erreger HIV wäre wohl nicht so schnell erkannt worden, denn vermutlich hätte kaum jemand den Zusammenhang (der nicht in der Homosexualität der Betroffenen liegt!) zwischen den Krankheitsfällen gesehen. Anders gewendet: HIV gibt es nicht erst seit 1980 mindestens seit den 1950-iger Jahren und schon vor 1981 sind Menschen an AIDS erkrankt und daran gestorben. Aufmerksamkeit erregten seinerzeit nicht die Krankheitssymptome, sondern die Tatsache, dass die fünf Männer homosexuell waren und einen homosexual lifestyle pflegten; gemeint ist: sie hatten Sex mit Männern. Kurzerhand wurde darin die Ursache für die Krankheit gesehen.

Was wäre, wenn die fünf Männer nicht eingeräumt hätte, homosexuell zu sein?

Sie wären als normale Männer behandelt worden und niemand hätte einen Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und ihren tödlichen Verläufen gesehen. HIV wäre weiterhin unentdeckt geblieben.

Ich möchte auf folgendes hinaus: HIV und AIDS werden seit dreißig Jahren, zum Teil mit drastischen Begriffen, als Problem schwuler Männer behandelt. Schwulenkrebs, Schwulenpest, Geißel Gottes. Man glaubte, und dieses man umfasst ein weites Spektrum von Politikern wie Gauweiler bis hin zu Medien wie Der Spiegel, das Problem, die Krankheit nur in den Begriff bekommen zu können, wenn man die Schwulen in den Griff bekommt, sie diszipliniert und unschädlich macht, denn die Schädlinge, das waren (und sind) die schwulen Männer, nicht etwa irgendwelche Viren. Diese grundlegende Fehleinschätzung hat viele Jahre lang sowohl die wissenschaftliche Forschung als auch die gesellschaftspolitischen Bemühungen in eine falsche Richtung gelenkt. Wäre von Anfang an erkannt worden, das die HI-Viren weder nach dem Geschlecht noch nach der sexuelle Orientierung der Menschen fragen, wären schwulen Männern viele Demütigungen erspart geblieben.

Hätten die fünf Männer damals nicht Auskunft über ihre sexuelle Orientierung gegeben, wäre vermutlich nicht erkannt worden, das es sich um Krankheitsfälle mit vergleichbaren Verläufen handelte. Es ist deshalb schwulen Männern zu verdanken, dass das später als AIDS bezeichnete Krankheitsbild 1981 erkannt und der auslösende Virus 1983 entdeckt werden konnte. Mit der Formulierung verdanken verbinde ich übrigens nicht den Wunsch, Dankbarkeit zu zeigen, sondern ganz schlicht den Hinweis, dass es nicht schwule Männer waren und sind, die HI-Viren verbreiten, sondern das es schwule Männer waren, die den ersten Hinweis darauf lieferten, dass sich HI-Viren verbreiten.

Die Fehlschlüsse und Vorverurteilungen der 1980er Jahre sind angesichts des heutigen Forschungsstandes und des Zahlenmaterials über die HIV-Infektionen obsolet. Was bleibt sind dreißig Jahre Trauer und Leid. Leid, das nicht nur auf das Konto mikroskopisch kleiner Viren geht.

Herzlichst,

Ihr

 

 

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2 Antworten auf Was wäre, wenn …?

  1. alivenkickn sagt:

    Meinen Respekt
    Du verblüffst mich immer wieder, denkst in Richtungen, in die Andere noch nicht einmal zu denken wagen . . .

    Ich differenzier mal ein wenig: Wenn es heterosexuelle Männer gewesen wäre, dann hätte kein Hahn danach grkäht wie Du es bemerktest.
    Wären es heterosexuelle Frauen gewesen dann wäre eine der ersten Vermutungen, Fragen die man in den Raum gestellt hätte: Möglicherweise handelt es sich bei diesen Frauen die der Prostituition nachgegangen sind . . .

    Auf jeden Fall wären sie nicht “ehrbar” gewesen . . .

    Ja wir Heten sind schon eine spezielle Spezies . . .

  2. Norbert Blech sagt:

    Die CDC wurde auf das Problem aufmerksam, weil ein seltenes Medikament plötzlich in Massen geordert wurde. Dass in ersten Berichten Zusammenhänge gesucht werden, ist auch durchaus vernünftig und wissenschaftlich: wie sonst soll man die näheren Details über Infektionswege herausbekommen (ohne das Virus oder das Bakterium oder was auch immer selbst zu kennen). “Lifestyle” ist natürlich ein dämlicher Begriff, aber Poppers galt als einer der möglichen Verursacher. Später wurde der vermeintliche Zusammenhang HIV und Schwule allerdings ein Problem. Tipp: Besorg dir mal das Buch “Und das Leben geht weiter”. Das ist spannend und mehr als lehrreich.

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