“Ich möchte für eine Stunde das Gefühl haben, nicht einer Minderheit anzugehören.”

In der Zeitschrift hinnerk spielt sich seit ein paar Ausgaben eine Diskussion über die  angebliche Entschwulung des Café Gnosa in Hamburg ab (siehe hierzu das Editorial der Ausgabe 04/2010). Ein Leserbriefschreiber merkt an:

Ich lebe offen schwul – natürlich auch am Arbeitsplatz –, habe viele heterosexuelle Freunde und behaupte, dass ich durchaus im Jahr 2010 angekommen bin. Trotzdem nervt es auch mich, dass sich im Café Gnosa immer mehr Muttis mit Kinderwagen bzw. Hetenpaare tummeln!

Ab und zu möchte ich gerne einen Milchkaffee trinken und dabei für eine Stunde das Gefühl haben, nicht einer Minderheit anzugehören.

Mir geht es nun nicht um das Café Gnosa. Minderheit in einem Café ist vielmehr mein Thema.

Es irritiert mich immer, wenn schwule Männer Orte exklusiv nur für sich fordern. Das mag okay sein, wenn es um Orte (oder auch Internetplattformen) geht, in denen Geschlecht und sexuelle Orientierung eine besondere Rolle spielen, ein Darkroom oder eine Datingplattform zum Beispiel, oder wenn die Lebenssituation es erfordert; ich denke da insbesondere an junge oder alte schwule Menschen oder an schwule Menschen die Opfer von homophoben Gewalttaten geworden sind. Darüber hinaus sehe ich für exklusiv schwule Gehege aber kaum eine Notwendigkeit.

Ich erinnere mich noch gut an eine Begebenheit in einem Londoner Pub (der sich nicht an eine anhand der sexuellen Orientierung spezifizierte Zielgruppe wendet). Zusammen mit meinem Mann saß ich bei vorzüglichem Fuller’s an einem Tisch, der vier Sitzplätze hatte. Sieben Iren, an der Farbe der Sprache und der Haare erkennbar, kamen herein, und, in Deutschland ebenso wie das vorzügliche Bier undenkbar, setzen sich, nach kurzer, höflicher Anfrage, ohne viel Aufhebens zu uns. Wir beide und sieben Iren, allem Anschein nach stramm hetero, auf vier Sitzplätzen – das geht! Der Abend nahm einen engen, gemütlichen, lustigen Verlauf. Ich musste die Finger nicht von meinem Mann lassen und genug zu trinken gab’s auch.

Minderheiten sind ebenso wie Mehrheiten nicht einfach da, sie werden gemacht indem willkürlich irgendwelche Differenzierungskriterien festgelegt werden. In dem Pub hätten sich, je nach Kriterium verschiedene Mehr- und Minderheiten ausmachen lassen: Männer, Frauen, über 40jährige, Rothaarige, Schwule, unter 1,90m Große, Dunkelhäutige, Tory-Wähler, Ausländer, Fulham-Fans, …

Ich weiß nicht, ob der Abend in dem Pub angenehmer verlaufen wäre, wenn ausschließlich schwule Männer dagewesen wären. Ein Pub-Besuch, oder, um zum Ausgangpunkt der Betrachtung zurückzukehren, ein Café-Besuch dient doch in erster Linie dazu, etwas zu trinken und zu essen und sich eine zeitlang in angenehmer Gesellschaft aufzuhalten. Ob eine Gesellschaft angenehm ist oder nicht, hat wenig bis gar nichts mit Minderheits-Mehrheits-Differenzierungskriterien zu tun, sondern hängt von durch möglicherweise viele Faktoren bestimmte Sympathien oder Antipathien ab. Es hängt ganz entscheidend davon ab, ob die anderen bereit sind, mich für die Zeit des Zusammenseins so zu nehmen, wie ich bin und wie ich mich gebe. Diese Bereitschaft ist bei schwulen Männern nicht, jedenfalls nicht wesentlich stärker ausgeprägt, als bei nicht schwulen Menschen. Ein Café mit dem Label schwul und schwulem Publikum ist deshalb kein Garant für einen automatischen Wohlfühleffekt. Im Gegenteil: Schräge Blicke und verbale Ablehnungen sind in so einer Umgebung – weil unerwartet – vielleicht schmerzhafter als andernorts.

Ich empfinde es als wohltuend, wenn ich in nicht schwuler Umgebung den Eindruck gewinne, willkommen zu sein. Willkommen mit dem Verhalten, dass ich für mich als normal empfinde.

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4 Antworten auf “Ich möchte für eine Stunde das Gefühl haben, nicht einer Minderheit anzugehören.”

  1. Hans-Georg sagt:

    Schwule Männer können manchmal ganz schön kompliziert sein. Oft ist es in einer “gemischten” Gesellschaft sehr viel angenehmer und netter.

  2. adrássy sagt:

    Ich gestehe offen, dass es mich auch nicht nach heterosexueller Gesellschaft verlangt, wenn ich die Wahl habe.

  3. caliban sagt:

    hm. Ich kann das für mich nicht so über einen Kamm scheren.
    Ich bin gern in “schwulen” Lokalen. Dort kann ich ungeniert flirten. Und ich meine damit keine Darkroom-Sofortsex-Dating-Nummern. Einfach nur simples flirten… Blicke zuwerfen, lächeln und so weiter.
    Ich geh zwar nicht in der primären Absicht aus, jemanden kennenzulernen – aber zumindest die gedachte Möglichkeit hätte ich gerne.
    Gar keine Frage: Ich habe viele heterosexuelle Freunde. Gemeinsam gehen wir mal schwul, mal hetero aus. Wies gerade kommt.
    Klar. Wir leben im 21. Jahrhundert bla! Keiner wird mich blöd anschauen, wenn ich flirte. bla.

    Aber so allgemein… ist mir ein schwules Lokal dann doch lieber.

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