Wo ist Ahmet Yildiz’ Freund?

Ahmet Yildiz +

Erneut ist es der Londoner Zeitung ‘The Independent’ zu verdanken, dass das Schicksal schwuler Männer in der Islamischen Welt einer größeren Öffentlichkeit bekannt wird. Am 19.07.2008 berichtete das Blatt über die Ermordung von Ahmet Yildiz.

Was Ahmet Yildiz the victim of Turkey’s first gay honour killing?

Ahmet Yildiz, 26, a physics student who represented his country at an international gay gathering in San Francisco last year, was shot leaving a cafe near the Bosphorus strait this week. Fatally wounded, the student tried to flee the attackers in his car, but lost control, crashed at the side of the road and died shortly afterwards in hospital. His friends believe Mr Yildiz was the victim of the country’s first gay honour killing.

GGG.at hat daraus eine deutschsprachige Meldung gemacht:

Erster schwuler “Ehrenmord” in der Türkei?

Erstaunlich ist, dass in diesen und anderen Beiträgen immer wieder davon die Rede ist, das Ahmet das erste Opfer eines gegen einen schwulen Mann gerichteten Ehrenmordes sei. Das dürfte falsch sein. Ich vermute vielmehr, dass im islamischen Dunstkreis schon viele Männer wegen ihres Schwulseins von Familienmitgliedern ermordert wurden - bekanntlich fordern der Islam und dessen Matadore zur Ermorderung schwuler Menschen auf -, ohne dass die Weltöffentlichkeit davon Notiz nahm.

Es liegt nun also der Verdacht auf der Hand, das Ahmet gestorben ist, weil eine Religion, die ihre Ehre schon längst verloren hat, die Rettung der Familienehre fordert. Leider haben die Medien, westliche Menschenrechtsorganisationen und die Bloggerszene von der Gefahr, in der sich Ahmet Yildiz befand, erst Notiz genommen, als es schon zu spät war. Es bleibt nur, Aufklärung zu verlangen und die Hintergründe der Tat zu beleuchten. In diesem Sinne hat sich die Hirschfeld-Eddy-Stifung an den türkischen Botschafter in Deutschland gewandt:

[...]Nachdem kürzlich die Organisation Lambda Istanbul, die sich für die Rechte von Lesben, Schwulen und Transsexuellen einsetzt, von einem Istanbuler Gericht verboten wurde, wurde vergangene Woche Ahmet Yildiz Opfer eines Hassverbrechens. Ahmet Yildiz hatte sich bei Lambda Istanbul engagiert. Laut Presseberichten gibt es Anzeichen dafür, dass Ahmet Yildiz Opfer der als ‚Ehrenmord’ bezeichneten Praxis familiärer Hinrichtung geworden ist. Wir wenden uns mit der Bitte an Sie, sich bei Ihrer Regierung dafür einzusetzen, dass die türkische Behörden die Sicherheit von schwullesbischen Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten garantieren. Wir sind sehr bestürzt darüber, dass Presseberichten zufolge die türkischen Behörden sich trotz wiederholter Morddrohungen nicht um den Schutz von Ahmet Yildiz gekümmert haben. Angesichts zahlreicher Berichte über Gewalttaten an Lesben, Schwulen und Transsexuellen bitten wir die Regierung der Republik Türkei dringend darum, sich gegen Diskriminierung und mittels Aufklärung und Menschenrechtsbildung für den Aufbau von Vorurteilen einzusetzen. Projekte wie Lambda Istanbul, die sich um den Abbau von Vorurteilen und Hass bemühen, verdienen staatliche Unterstützung. Hassverbrechen an Schwulen, Lesben und Transsexuellen muss entschieden entgegengetreten werden.[...]

Es sollte übrigens nicht allein Sache der Hirschfeld-Eddy-Stiftung sein, hier tätig zu werden. Mehr können wir allerdings für Ahmet Yildiz nicht mehr tun.

Aber nicht nur die Türkei sollte hier im Interesse der Aufmerksamkeit stehen. Ahmet hatte einen deutschen Lebensgefährten.

His partner, who held a German passport, left the country on the advice of the consulate.

heißt es in einer Meldung von pinknews, die zwischenzeitlich auch ein Interview mit Ahmet’s Freund veröffentlicht haben. Und dieser Freund braucht unsere Hilfe. Wenn es sich tatsächlich um einen Ehrenmord handelte, ist er auch in Gefahr, denn der Glaubenswahnsinn macht nicht an Landesgrenzen halt.

Ahmet’s Freund hatte Kontakt zu deutschen Behörden. Diese Wissen, wer er ist und wo er sich aufhält. Und ich hoffe, sie haben erkannt, dass es an ihnen ist, eine Ehrenmord an einem schwulen Menschen auf deutschem Boden zu verhindern.

8 Antworten zu “Wo ist Ahmet Yildiz’ Freund?”

  1. Markus sagt:

    Lieber Stefan!

    Es ist gut, dass es wenigstens eine “kleine” Öffentlichkeit für diese Morde gibt. Manchmal frage ich mich, wieso es interessanter ist, womit sich Paris Hilton ihren A…. abwischt (a bad example, maybe …), als so eine himmelschreiende Verletzung der Menschenrechte?!

    Heute morgen lässt mich die Meldung trotz sonigen Tages einfach nur unfassbar traurig hier sitzen (und einerseits hoffen, dass der Aufanthaltsort des Partners nie aufgedeckt werden kann, andererseits heftig schlucken bei dem Gedanken an ein Leben in fortwährender Angst, gefunden zu werden …). Es ist verdammt schwer, vor diesem Hintergrund an das Gute im Menschen zu glauben (der Begriff scheint mir im Augenblick aufgrund ganz anderer und doch ähnlich gearteter, auch hier und auf gaywest geführter Diskussionen unglaublich abgeschmackt) - vielleicht ist “hoffen” besser …

    Dass es Menschen gibt, die einfach so für sich billigen können, einen Mitmenschen zu töten, weil er nicht in ihr Wertesystem passt, ist etwas, das mich wirklich zu echter Verzweiflung und dem Gefühl von Ohnmacht treibt.

    Es verdeutlicht mir auch immer wieder, wie leicht ein von Menschen gemachtes Wertesystem ausgehebelt werden kann, indem jemand für sich beschließt, dass er sich nicht mehr an diese Regeln hält … Wenn ich jetzt weiterschreibe, drehe ich mich nur im Kreis.

    Ich bin trotzdem “froh”, dass Du es hier veröffentlicht hast, weil diese Meldung auch ein Fünkchen Hoffnung bedeutet, dass sich etwas ändert - wer weiß, wann …

    Verglichen damit leben wir hier wirklich auf einer Insel der Seeligen und klagen nur auf hohem Niveau - was jetzt aber nicht bedeutet,, dass mir die homophoben Attacken in Deutschland und den zivilisierten Teilen von Europa keine Sorge bereiten. Rein strategisch betrachtet sind sie die Anfänge von dem, was in letzter Konsequenz zum Mord führt. Wenn mann bedenkt, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach am Beginn mit der Furcht vor etwas Fremdem begannen …

    Die mit zunehmendem Abstand zum Anlass eintretende Ideologisierung und Institutionalisierung dieser Furcht sind es, die in der Konsequenz so unglaubliche Schwierigkeiten bei einer Gegen-Argumentation bereiten, wenn ohne Nachdenken / Hinterfragen einfach nur eine Ideologie / eine Form von Fanatismus gelernt und gelebt wird …

    I´ll stay tuned, Markus

  2. TheGayDissenter sagt:

    @ Markus:

    Unser hohes Niveau hat zB eine Richterin in Frankfurt am Main hervorgebracht, die zur Urteilsfindung den Koran heranzog.

    Ehrenmorde, religiöser Wahn, Unterdrückung von Minderheiten (nicht nur Schwulen), Mordaufrufe gegen Schwule, dass ist alles gar nicht so weit entfernt. Und gerade die Deutschen sind in bestimmten Bereichen Perfektionisten.

  3. Markus sagt:

    @TGD

    Ich bin mir darüber im Klaren, dass wir nicht soooo weit davon entfernt sind - deswegen ja meine Bemerkung mit dem Aushebeln … Das Schlimme daran ist, dass der Wahn und die Unterdrückung in den entsprechenden Köpfen hier schon parallel existieren. Wovon sie größtenteils (?) noch in Schach gehalten werden? Vielleicht von dem Gefühl, dass derlei noch nicht mehrheitsfähig ist …

    Wie leicht Minderheitenrechte angegriffen oder angezweifelt werden können, ist ja immer auch daran zu bemerken, wenn andere Minderheiten ebenfalls mit dem Minderheitenpfund um Aufmerksamkeit wuchern gehen …

    Sollen wir also weiter gespannt sein, wie dünn unsere westliche Zivilisationsfolie ist und wann sie reisst? An unser ingenieuses Vernichtungssystem will ich gar nicht denken … “Wir” haben im vergangenen Jahrhundert wahrlich zur Genüge gezeigt, wozu wir fähig sind!

    Unser System krankt mit Sicherheit daran, dass wir glauben, wenn wir nur ein Gesetz gegen etwas erlassen, sei das zu behandelnde Problem handhabbar - darin sind wir auch sehr perfekt …

    Wie es in unserer Gesellschaft zu einem Klima kommen könnte, in dem man sich weitgehend angst- und restriktionsfrei als Mensch entwickeln kann, ohne übertriebenen Wettbewerb und mit Respekt voreinander? Ich weiß es auch nicht, aber ich lebe weiter, etwas anderes bleibt mir nicht, ein vorzeitiger Abschied aus Verzweiflung ist nicht nach meinem Geschmack …

  4. ondamaris sagt:

    um “denen” nicht die definition zu überlassen, was mehrheitsfähig ist, heisst es auch sich zu engagieren, den mund aufzumachen -partizipative demokratie …
    ich denke ein teil der blogger-landschaft ist da ein ziemlich tolles beispiel

    wenn dazu noch toleranz auch unter einander kommt … toleranz für verschiedene denk- und lebensweisen zb, könnte dies ein schritt sein hin zu dem was du ein klima nennst, “in dem man sich weitgehend angst- und restriktionsfrei als Mensch entwickeln kann”
    (nebenbei, eine sehr schöne formulierung … sich als mensch entwickeln … )

  5. Markus sagt:

    @ondamariis

    falls meine bemerkung so aufgefasst werden konnte, dass ich mich nicht engagiere - dem ist nicht so - aber: no offense taken =)

    ja, die blogger-landschaft ist ein tolles beispiel, auch wenn der spiegel vor wenigen tagen wieder geschrieben hat, wie unbedeutend und sich wenig einmischend / meinungsmachend die deutsche blogger-szene doch sei … ( http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,567038,00.html )

    mit dem begriff “toleranz” habe ich immer noch und immer wieder ein problem, denn ich will nicht “erduldet” werden, sondern frau / mann soll akzeptieren, dass ich so da bin wie ich bin, sie verlangen es mit dem heteronormativen automatismus ihrer existenz ja auch unausgesprochen für sich.

    um noch einmal auf ein utopisches gesellschaftliches klima zurück zu kommen - ausgehend von einem minimalkonsens über das, was geht und was nicht geht (wir werden nie um ge- und verbote oder auch regeln herumkommen), sollte es doch eigentlich möglich sein, sich mit freude an der vielfalt durchs leben zu bewegen … wobei neugierde nicht in einem klima wachsen und erhalten werden kann, in dem an allen ecken die weitere ökonomisierbarkeit menschlichen verhaltens gefordert wird (nützlichkeitserwägungen würden auch nicht dazu führen, dass ich einen teil meiner freiberufler-arbeitszeit darauf verwende, hier mit euch zu diskutieren)

    anfangen müsste es damit, das bei kindern schon klar bleibt, dass etwas / jemand, das / den man (noch) nicht versteht, deswegen nicht bekämpft werden muss, selbst, wenn man es nicht mag. dass das schwierig ist, ist mir klar, denn es gilt ja gegen die scheinbar menschen-immanente tendenz an zu kämpfen, sich ab zu grenzen und gleichzeitig zugehörigkeit zu erlangen (gelebte individualität im streit mit der furcht, allein zu sein …. ausgrenzung bedingt eingrenzung bedeutet aus jeder richtung “bis hierhin und nicht weiter” )

    ich definiere hier und anderswo gerne weiter mit, ein gruß in die runde )

  6. ondamaris sagt:

    nein nein, so (nichts tun) meinte ich das nicht :-)
    im gegenteil, mir gefiel ja dein kommentar sehr :-)

    und - der spiegel nölt gerne gegen blogger - wohl weil er merkt, wie sehr das an die substanz gehen kann …

    deine vorstellungen in sachen toleranz und vielfalt teile ich weitgehend … freude an der vielfalt … erziehung zur freiheit …oh ja, das fände ich spannend, da gelegentlich weiter drüber zu diskutieren :-)

  7. TheGayDissenter sagt:

    Spiegel? Wat is dat denn schon wieder? ;)

    Wir sollten uns nicht allzu sehr an Begriffen wie Toleranz oder Akzeptanz festhalten - sonst müssten wir tatsächlich erst einmal definieren, was darunter zu verstehen ist.

    Ich halte nach wie vor Neid für die Wurzel allen Übels. Neid kann fruchbar sein, in dem man versucht, genauso gut oder besser wie die anderen zu sein. Das kann positive Energie freisetzen. Meisten wirkt sich Neid aber dahin aus, dass versucht wird, das, was Andere haben den Anderen wegzunehmen oder es zu zerstören, wenn man es selber nicht besitzen kann. Das gilt nicht nur im Verhältnis schwuler und nicht schwuler Menschen, es gilt in allen Lebensbereichen und Lebenssituationen.

    Von Neidgefühlen sind wir wohl alle nicht frei. Ich versuche mich jedoch so weit wie möglich nicht an anderen Menschen zu orientieren, nicht an deren beruflichen Erfolgen, nicht an deren Besitz, deren Macht und Einfluß, deren Sex, … sondern versuche, meine eigenen Maßstäbe für mich zu setzen.

    Zurück zu Ahmet Yildiz. Auch diese Ehrenmorde an schwulen Männer oder auch an Frauen, die sich nicht dem Islamischen Verhaltenskodex unterwerfen, wurzeln in Neid. Im Neid der Mörder auf das freiere Leben, auf das Negieren von Glaubensregeln, auf Spaß und Freude. Weil sie (die Mörder) nicht den Mut finden, selber aus der gesellschaftlichen Zwangsjacke auszubrechen, zerstören sie das, was ihnen jeden Tag auf’s neue Dorn in ihrem Fleisch ist, das, was ihnen immer wieder zeigt, dass auch ein anderes Leben möglich ist, wenn man nur den Mut dazu aufbringt. Neid, im negativen Sinne, ist das Privileg feiger Menschen, die nicht den Mut haben, aus ihrem Leben etwas zu machen.

    Der Hass, den wir in Deutschland in Form von Schwulenfeindlichkeit erleben, gründet auch in diesem Neid. In dem Neid der Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind, die Chancen nicht erkannt oder vertan haben (gleichwohl nicht müde werden zu behaupten, sie hätten nie Chancen gehabt) und verhärmt nicht ertragen können, dass anderen Menschen ein (scheinbar oder tatsächlich) besseres Leben führen. Anstatt sich aus der Sackgasse ihres Lebens zu befreien, beselbstmitleiden sie sich und entwicklen Hass, der im Grunde nichts als Selbsthass ist, der auf andere projeziert wird.

  8. Neues zum Mord an Ahmet Yildiz « The Gay Dissenter sagt:

    [...] zum Mord an Ahmet Yildiz Der LSVD hat Neuigkeiten in Zusammenhang mit dem Mord an Ahmet Yildiz in [...]

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