Beziehungskrise

In welcher Krise steckt die Beziehung zwischen schwulen und nicht schwulen Menschen?

Nun einerseits gibt es einen erheblichen Defekt im strukturellen Miteinander. Peter schildert in Thommens Senf das Wechselspiel zwischen erwarteten und gewährten Minderheitenrechten und es wird sehr deutlich, dass die Mehrheit ihre ‘Mehrheitsfunktion’ verliert, wenn sie der ‘Minderheit’ alle Rechte, die sie für sich als Mehrheit ohne weiteres in Anspruch nimmt, gewährt. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass sich Mehrheiten, um überhaupt als solche zu entstehen, erst einmal ihre Minderheiten schaffen müssen. Zunächst wird ausgegrenzt und stigmatisiert, um in einem zweiten Schritt den Ausgegrenzten generös ein paar Teilhaberechte zuzugestehen; aber nur, wenn sich die Minderheit den Vorstellungen der Mehrheit entsprechend formt und verhält. Diese wohlgeformte, normalisierte und pflegeleichte Minderheit wird dann mit einem kleinen Bündel Minderheitenrechte ausgestattet, hat sich ob dieser glücklich zu schätzen und liefert der Mehrheit das Alibi für ihr Fortbestehen als Mehrheit.

Auf der anderen Seite gibt es den zwischenmenschlichen Bereich, den unmittelbaren Umgang miteinander, der offenbar immer dann zum Problem werden kann, wenn die unterschiedliche sexuelle Orientierung bekannt wird.

Gerät ein Hetero unversehens an Schwule [...] kommt oft noch Unsicherheit dazu: „Wo bin ich hingeraten? Was sagen meine Freunde, wenn sie es erfahren?“

lese ich in einem Stadt-Anzeiger-Artikel. Und tatsächlich: Oft ist es nicht die eigene Empfindung, die zur Ablehnung von schwulen Menschen führt, sondern die Angst vor der Reaktion ‘der Anderen’, der Freunde, der Nachbarn, der Verwandten.

Ich habe schon oft erlebt, dass ich mit nicht schwulen Männer ohne weiteres über alles mögliche (sogar über Fußball - jawohl!) reden kann, auch über Sex, sowohl in der heterosexuellen wie in der homosexuellen Variante, über Beziehungen gleichgeschlechtlicher wie verschiedengeschlechtlicher Art. Ein von mir meinem männlichen nicht schwulen Gesprächspartner gemachtes Kompliment über dessen Aussehen/körperliche Attraktivität hat noch nie eine Abwehrreaktion ausgelöst. Das alles, solange es sich um ein Vieraugengespräch handelt oder die Unterhaltung in allerkleinstem Kreis stattfindet! Sobald andere Menschen dabei sind, werden solche Gespräche oft unmöglich. Sind Frauen dabei, können die wenigsten Männer über ihre Gefühle sprechen. Komplimente von mir werden dennoch gerne entgegen genommen, insbesondere wenn sie von weiblicher Seite bestätigt werden. Das scheint gut für das Selbstwertgefühl nicht schwuler Männer zu sein. Bitte, gern geschehen!

Sind noch andere nicht schwule Männer dabei, geht kaum noch etwas. Alles was irgendwie ein ’schwules Thema’ sein könnte, wird von den nicht schwulen Männern, auch denselben, die unter vier Augen durchaus interessiert/neugierig sind oder zumindest aufmerksam zuhören, gemieden. Komplimente, damit meine ich nicht dumpfe Anzüglichkeiten, werden schroff und aggressiv zurückgewiesen. Es gibt offenbar bei vielen nicht schwulen Männern eine riesengroße Angst davor, in die schwule Ecke gesteckt zu werden.

Schwulen Jungs vor dem coming out wird oft zu Mut und Selbstbewusstsein geraten, um ihre durchaus begründete Angst vor der nicht schwulen Welt zu überwinden. Nicht schwulen Männern kann ich nur zu Mut und Selbstbewusstsein im Umgang mit schwulen Männern raten, um ihre Angst vor ihren nicht schwulen Mitmenschen zu überwinden. Homophobie wurzelt oft nicht in der Angst vor Schwulen, sondern in der Angst vor der Reaktion der nicht schwulen Mitmenschen, wenn man mit schwulen Männern ‘ganz normal’ umgehen würde.

10 Antworten zu “Beziehungskrise”

  1. hephai sagt:

    Das ist wie so oft meist reine Unkenntnis. Ich war auch lange die einzigste Schwuchtel in einer reinen Männerabteilung. Das war kein Büro, sondern “richtige” Arbeit.
    Am Anfang war Neugier, Ablehnung und Sachen, die ich gar nicht wissen will. Aber nun kann ich mich mit meinen Heten über alles unterhalten. Muss natürlich auch Hetensexerzählungen über mich ergehen lassen, die mich eher würgen lassen.. .

  2. gokui sagt:

    @hephai: ja solche netten erzählungen über das geschlechtsleben, oder besser gesagt triebleben lassen schon oft tief blicken, sehr tief. und zwar in den entwickelungsebene der person oder personen.

    im übrigen halte ich die ganze thematik von beziehungskriesen nicht mal nur auf hetero oder nicht hin beschränkt. es ist ein ganz großer umbruch der gesamten gesellschaft.

  3. ondamaris sagt:

    ich bin mir nicht sicher, ob die von dir beschriebene situation eine krise ist - oder nicht eher ein dauerzustand. war es (mehrheitlich) je anders?

    faszinierend finde ich oft diesen abwehr-reflex, wenn ein schwuler einem hetero in gegenwart anderer ein kompliment macht (ach … die könnten mich jetzt ja auch für schwul halten, wie unangenehm …). irgendwie liegt mir dann immer auf der zunge zu sagen, ne emanzipierte hete biste aber auch nicht … ;-)

  4. gokui sagt:

    naja emanzipierte hete hört sich auch recht weiblich an. dann sag doch einfach emanzipierter - oder noch besser - selbstständiger hetero - oder mann/ kerl.

    vieleicht kommt das besser an ?

  5. ondamaris sagt:

    ja okay, hetero statt hete. aber emanzipiert ist schon was anderes als selbständig … ;-)

  6. TheGayDissenter sagt:

    Die (Heten)Sexerzählungen sind oft pure Angeberei. Die angepriesenen Höhepunkte dürften oft gar nicht stattgefunden haben. Aber diese Art von Erzählungen meinte ich auch gar nicht.

    Auch eine Krise kann ein Dauerzustand sein. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Krise, angeheizt von den Medien, auf einen ihrer Scheitelpunkte zusteuert.

  7. gokui sagt:

    wie war das noch: es gibt sehr viele leute die steuern geradewegs auf den abgrund zu. ein paar wenige sind schon weiter. ;-)

    zum thema erzählungen: naja prahlerei war und ist halt schon immer alles gewesen. die krise dürften wohl nur die zuhörer bekommen, die den wahren sachgehalt heraushören können und natürlich die frauen selbst.

  8. Thommen sagt:

    Das Schlimme an der ganzen Sache ist die Verinnerlichung dieser “Hetenkrise” durch Homosexuelle. Nur immer straight-action, nur immer gegen Tunten und alles Weibliche im Mann…
    Insofern sind wir Homosexuellen genauso von dieser Krise betroffen wie die Heteros auch. Nebst dem, dass wir die ganzen Krisenabenteuer auch mitkriegen! :-P

    Ich veweise auf Giovanni dall’Orto (siehe mein Blog!): Wer ist im Ghetto? Sind es nicht vielmehr die Heteros, die nicht aus ihrem Paradies hinaus können! Wir Schwulen können zwischen verschiedenen Ghettos hin und her wandeln! :-P

  9. TheGayDissenter sagt:

    @ Thommen:

    Straight-action ist etwas, was mir ganz furchtbar die Haare zu Berge stehen lässt. Kein Schwuler muss betont schwul sein, aber wenn ein Schwuler sich betont Hetero-Like gibt, ist eine eine schlimme Form der Anbiederung.

  10. gokui sagt:

    @TheGayDissenter: das ist dann ganz einfach nicht authentisch.

    aber wie schon dein eingangstitel sagt: beziehungskiste. eine kiste ist in jedem falle ein räumlich eingegrnztes opjekt. man(n) befindet sich darin und versucht dann eventuell über derartige dinge einen authensität zu verschaffen. es ist dann aber nur ein “übernommenes bild”.

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