Kölner CSD-Befindlichkeiten [ergänzt 12.07.2008]

Eine kleine CSD-Nachlese:

1.

Faschistische Sektierer der Ortschristenheit sind natürlich an vorderster Front dabei, wenn es gegen Schwule geht. Von Berufsschwulen und Eiferern ist die Rede in

Es ist wieder CSD-Zeit“, vorzüglich aufbereitet von GayWest in “Quadratur des Kreises op kölsch“.

Das kirchliche Fußvolk ist über ‘Pro Köln’ und ‘Christen pro Köln’ wenig erbaut, während ich den erzbischöflichen Behörden und dem Erdbeerschorsch höchstselbst, gewiss ohne ihnen Unrecht zu tun, unterstellen darf, dass sie das Treiben der ‘Christen pro Köln’ mit Wohlwollen betrachten.

2.

Schamlos intolerant schreibt ein schwuler Redakteur des Kölner Stadtanzeigers. Und die Intoleranz wirft er den Schwulen vor. Bemerkenswert dämlich und mit genug Stoff für einen Post versehen, aber ich habe keine Lust, mich hier immer wieder zu wiederholen. Erstaunt bin ich, wer alles regulierend in den CSD eingreifen und (vor)schreiben will, wie sich schwules Leben darzustellen hat.

3.

Im Stadtmenschen-Blog des KStA gibt es mehrere Posts zum CSD:

Roeschen, extra zu Fuß ins Sauerland geflüchtet schreibt

CSD? Ich bin noch nie hingegangen!

Damit lockt sie das braune Pack aus den Löchern und Schwule werden bei ihren Claqueren schnell zu Kinderfickern und Bekloppten.

Bienschen hingegen sagt

CSD! ich bin schon oft hingegangen …

und Sua Sponte führt eine Diskussion über den nackten Arsch des Übels in

Grässlich.

heiwe meint in

CSD: Ich werd nicht hingehen

Schwulsein sei überhaupt kein Problem. Recht hat er, wenn man sich gerne beleidigen, mobben, bespucken, erschlagen und ermorden lässt, ist es wirklich sehr eingenehm, schwul zu sein.

Lenaa schreibt

CSD - Da simmer dabei, dat is prima!

und jumboline und Sua Sponte beenden mit mehr oder weniger geglückten Versuchen (?) ihre satirischen (?) Talente (?) ans Tageslicht zu befördern vorläufig den dortigen Post-Reigen:

Schluss mit Hetero, ich will der …

Schluss mit Hetero! … sagt Jumbo …

 

Zu 2. und 3. sei besonderes auf die Kommentierungen in den verlinkten Dokumenten hingewiesen.

 

Mir wird deutlich, dass

  • sich insbesondere Menschen zu Wort melden, die nicht zum CSD gehen, aber ganz genau wissen, was dort vor sich geht.
  • Menschen sogar ins ferne Sauerland ziehen, um dort Erkenntnisse über den CSD zu sammeln.
  • in Köln (viele ?) Menschen leben, die einem hinterwäldlerischen Rechtsaußendorf alle Ehre machen würden.
  • Schwule sich gefälligst normal verhalten sollen. So normal, dass niemand merkt, dass sie schwul sind.
  • zu den größten feinden schwuler Menschen schwule Menschen gehören.
  • in der Argumentation gegen den CSD immer wieder Kinder vorgeschickt werden. “Wie soll diesen und jenes den lieben Kleinen erklärt werden?”. Heuchlerischer geht es nicht. Wie, liebe hochanständige Eltern, erklärt ihr denn den lieben Kleinen das sonstige, eher unerquickliche Tagesgeschehen auf den Kölner Straßen, Bahnen und Schulhöfen? Oder in der eigenen Wohnung? Gibt’s da keinen Sex? Ist da nie was zu hören und zu sehen? Wie wird denn sichergestellt, dass die Kinderchen Mami und Papi nicht auch mal nackt sehen? Und die Flimmerkiste und der PC bleiben vermutlich den ganzen Tag ausgeschaltet, oder wie?
  • jeder schwulenfeindlich eingestellte Mensch mindestens einen schwulen Menschen in seinem Freundeskreis hat, der mindestens genau so schwulenfeindlich eingestellt ist, wie er selbst.
  • schwule Menschen mindestens einen nicht schwulen Freund haben, der den CSD eklig findet.
  • selbst das recht schlichte Motto des Kölner CSD offenbar den geistigen Horizont mancher Menschen übersteigt.
  • die Energie, die hier und da auf die Heilung von schwulen Menschen verwendet wird, besser zur Heilung mancher nicht schwuler Menschen von ihren Minderwertigkeitskomplexen, die in den Posts/Kommentaren so schamlos zur Schau getragen werden, eingesetzt würde.

Diese Reaktionen, die sich in den oben erwähnten Veröffentlichungen und den Kommentaren dazu widerspiegeln, zeigen mir, wie wichtig der CSD gerade hier in Köln ist.

Mir hat der diesjährige CSD aus vielerlei Gründen nicht gefallen und ich hatte für mich schon beschlossen, im nächsten Jahr dem ‘Ereignis’ fern zu bleiben. Aber der sich aufbäumende, teilweise offen formulierte, teilweise mühsam hinter scheinheiligen Toleranzbekenntnissen versteckte Kleingeist, bedeutet mir, dass genau das Gegenteil richtig ist.

Ich werde wieder hingehen, und ich habe große Lust genau das zu machen, was die Damen und Herren Anstandswächter und Neidhammel so richtig auf die Palme bringt. 

Ergänzung 12.07.2008:

Nun hat sich auch der Organisator des ColognePride, der Kölner Lesben- und Schwulentag eV (KLuST), zu Wort gemeldet:

Kein Sägen am Ast der Freiheit

Quintessenz dieser Äußerung: Der KluST ist für die von der heteronormativen Öffentlichkeit als schön und angenehm empfundenen Seiten der Veranstaltung verantwortlich. Für die Empörung auslösenden Auftritte und ‘Erscheinungen’ sind allein die bösen CSD-Teilnehmer verantwortlich zu machen, die es wagen, nicht in zurückhaltendem grauen Straßenanzug vor die Schaulustigen zu treten.

Ich weiß nicht, wo dieser Typ

seinen Auftritt hatte. Aber spätestens wenn solche Leute nicht mehr beim CSD zu finden sind, wenn die Paradiesvögel und die ‘einmal im Jahr die Sau raus lassen Typen’ fehlen, wenn die nackten Ärsche, die Bartmänner und Lederkerle, die Latex- und Gummifetischisten nicht mehr da sind, wenn Ihr die Freaks, die Individualisten, die ganz Anderen, all diejenigen, die die schwule Welt so bunt, so reizvoll, so aufregend machen, vergrault habt, wenn Euch die vereinigte Spießbürgerschaft weichgekocht hat und Euer Reglement so anständig ist, dass Euch der Erdbeerschorsch zur Frohnleichnahmsprozession einlädt, dann habt ihr es endlich geschafft. Ihr seid akzeptiert! Ihr seid endlich eins mit dem Karnevals-Fußball-WM-EM-Sommerjam-Weihnachtsmarkt-Weltjugendtags-KölnerLichter-Einheitsbrei, und dürfte genau so ungeniert wie alle anderen die S-Bahn vollkotzen. Der CSD als Pfarrfest für die ganze Familie. Garantiert schwulenfrei! Macht nur weiter so, Ihr seid auf dem besten Weg dorthin. Aber diesen Weg gehe ich nicht mit Euch. Es wird Euch nicht weiter interessieren, denn ich habe keine Sponsorengelder zu verteilen, ich will auch nicht mit dem Oberbürgermeister und der Landesregierung frühstücken und brauche keine offiziellen Delegationen von Bundes- und Landtag, brauche keine Grußworte und auch nicht die Gunst der Öffentlichkeit. Dafür werde ich aber auch nicht das letzte bisschen Schwulen Stolz verlieren!

ColognePRIDE? Nein, CologneTruckle ist das neue Motto!

13 Antworten zu “Kölner CSD-Befindlichkeiten [ergänzt 12.07.2008]”

  1. ondamaris sagt:

    dass bestimmte damen und herren hier wieder ihre vorurteile austoben bzw. bestätigt sehen wollen, nun, wer hätte anderes erwartet. das ist der übliche ‘kleingeist’ (den es, zustimmung, auch gilt nicht zu unterschätzen in seiner potenziellen gefahr)

    wesentlich erschreckender finde ich immer wieder welch schwuler selbsthass durch so einige äußerungen durchscheint. wenn schwule schon vor sich (hier kann ich dann nicht “uns” schreiben) warnen, dreht sich mir der magen um …

    was die anstandswächter und das nächste jahr angeht - darf man sich anschließen? [nein, nicht bei den anstandswächtern, bei "den anderen" ;-) ]

  2. Adrian sagt:

    Also ich finde, dass der Text im Stadtanzeiger doch sehr ausgewogen geschrieben ist.

  3. ondamaris sagt:

    nachtrag - auch das kann passieren: mannheim - csd abgesagt, weil “nicht genug teilnehmer motiviert werden konnten” http://www.morgenweb.de/region/mannheim/artikel/20080711_srv0000002842667.html

  4. TheGayDissenter sagt:

    @ ondamaris:

    Klar darf man.

    Zu Mannheim: Richtige Entscheidung. Spätestens wenn man von den Parteien, die sonst die Erweiterung der ‘Homorechte’ mit allen Mitteln bekämpfen, zur Durchführung eines CSD gedrängt wird, stimmt etwas nicht.

    @ Adrian:

    Ausgewogen im Sinne von ‘gleich gemacht’?

  5. Adrian sagt:

    Nein, ausgewogen im Sinne davon, dass man weder den Extremisten huldigt, die meinen der CSD müsste von “Paradiesvögel” gesäubert werden, noch denjenigen der anderen Seite, die glauben, Sex gehöre als Ausdruck einer emanzipatorischen Haltung unbedingt in die Öffentlichkeit. Der Artikel im Stadtanzeiger tritt doch gar nicht für den Ausschluss von Lack, Leder und Fummel ein. Er bemerkt lediglich, dass es in der Öffentlichkeit Grenzen gibt, die für alle und eben auch für Schwule gelten sollten. Und Oralverkehr auf z.B. der Deutzer Brücke gehört nun mal dazu.

  6. TheGayDissenter sagt:

    @ Adrian:

    Ich stimme Dir gerne zu, dass es im öffentlich wahrnehmbaren Verhalten von Menschen Grenzen geben sollte. Jedoch: Wo liegen diese Grenzen und wer bestimmt die Grenzziehungen? Ich könnte Dir eine lange Liste von jeden Tag beobachtbaren Verhaltensweisen aufzählen, die die Grenzen des Anstands verletzen, die für ein gedeihliches Zusammenleben zwingend erforderliche Rücksichtnahme vermissen lassen und im öffenlichen Raum nicht zu suchen haben. Da wäre die Dauerbeschallung in öffentlichen Verkehrsmitteln durch Mitreisende, das mutwillige Verschmutzen und Zerstören der Verkehrsmittel, fahrlässige und vorsätzliche Gefährdungen im Individual(straßen)verkehr, das Anbringen und Tragen von Nazisymbolen, usw, usf. Ich frage mich, warum ausgerechnet beim Thema Sex die öffentliche Empörung einsetzt. Mich stört Sex auf Straßen und Plätzen überhaupt nicht. So etwas zu sehen macht mich nicht krank und behindert mich nicht in meinem Fortkommen. Wenn ich so etwas sehe und die handelnden Personen vertragen sich nicht mit meinem ästhetischen Empfinden, schaue ich einfach nicht hin. Das heißt nicht, dass ich so etwas unbedingt brauche. Wenn ich Oralverkehr sehen will, muss ich gewiss nicht auf der Deutzer Brücke lagern, um so einem Ereignis beizuwohnen.

    Warum also ausgerechnet bei dem Thema Sex dieser Aufschrei? Oder, noch zugespitzter, warum ausgerechnet beim Thema MSM dieses Getöse. Ich kann mich nicht erinnern, dass die hier erscheinenden ernstzunehmenden Zeitungen in den letzten Jahren sich über Sex am Rande der anderen Großverstaltungn echauffiert hätten. Gerade heute abend finden wieder die Kölner Lichter statt. Da wird schon seit dem späten Nachmittag auf den Straßen und Wiesen rechts und links des Rheins und am Rheinufer gefickt und geblasen - und zwar in der Heterovariante. Ich glaube nicht, dass in den nächsten Tagen ein ‘bekennender’ heterosexueller Redakteur des Stadt-Anzeiger sich vertieft mit diesen Randerscheinungn auseinander setzen wird.

    Und hier wie dort, beim CSD, sind es immer nur Randerscheinungen. Es ist ja nicht so, als würde überall beim CSD nur gefickt und geblasen. Aber erstaunlicherweise sind alle als Augenzeugen live dabei gewesen und das bisserl Sex wird maßlos aufgebauscht. Wenn nun ein Vorzeigeschwuler des Stadt-Anzeigers sich ausgerechnet darauf stürzt und der hirnlosen Meute auch noch eine Steilvorlage für ihr homophobes Lamento liefert, vermag ich das nicht als ausgewogen zu bewerten. Es wird auch nicht besser durch einen Halbsatz, der darauf verweist, dass die Verhaltensnormen auch für heterosexuelle Menschen gelten. Denn allein, dass hier eine ’schwule Veranstaltung’ zum Anlass für den erhobenen Zeigefinger genommen wird, und nicht die viel häufigeren ‘nicht schwulen Veranstaltungen’, macht deutlich, dass nicht die Handlungen angegriffen werden, sondern die handelnden Personen, und zwar als Gruppe, als Gruppe der schwulen Menschen.

    Es würde mir übrigens viel leichter fallen, diese Randerscheinungen, die ich nicht für unabdingbar dazugehörig halte, zu verteidigen, wenn der Veranstaltungskern anspruchsvoller wäre. Gerade aus dem diesjährigen treffenden Motto hätte sich so viel machen lassen. Leider war der diesjährige hiesige CSD eine niveauarme Dauerbeschallungsveranstaltung. Seelenlos und konturarm. Insofern verwundert es nicht, wenn die Randerscheinungen nach wie vor den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung bilden. Wenn allerdings ein schwuler Mann die hochgeschätzte Öffentlichkeit um Mitteilung bittet, was beim CSD erlaubt ist und was nicht, komme ich nicht umhin, dass als schwer erträgliche , selbstvergessene Anbiederung an den fragwürdigen Mainstream einzustufen.

  7. ondamaris sagt:

    “Der CSD als Pfarrfest für die ganze Familie.” - einfach klasse!
    dein nachtrag bringt es klasse auf den punkt …

    ein gedanke noch zur frage öffentlich wahrnehmbaren verhaltens: ja, da sollte es vielleicht grenzen geben. schon aus respekt vor dem/der anderen. aber diese grenzen sollte idealerweise jeder selbst finden, meinethalben auch die communities in internen diskussionen. nicht jedoch eine wie auch immer geartete anstalt für besseren geschmack, heisse sie nun schorsch oder klust …
    und grenzen sind auch dazu das, sie im angebrachtem moment zu überschreiten …

    nebenbei, ähnliche debatten führten (u.a.) vor vielen jahren in berlin dazu dass es neben dem “offiziösen” auch einen spannenden csd gibt, den xberger …

  8. TheGayDissenter sagt:

    @ ondamaris:

    Ich sehen, Du möchstest mich wohl noch einmal nach Berlin locken.

  9. ondamaris sagt:

    @ TheGayDissenter:
    na … zumindest ist der xberger csd klein aber inhaltsreicher …
    und wenn du dich locken lässt - sehr gerne, u know ;-) - du bist jederzeit willkommen

  10. TheGayDissenter sagt:

    @ ondamaris:

    Wenn Adrian auch mitkommt, gehe ich wohl mal zum +berger CSD… :)

  11. ondamaris sagt:

    na why not … da musst du adrian fragen … ;-) wenn der’s mit mir aushält?

  12. Holt die Würstchen raus, … « The Gay Dissenter sagt:

    [...] in der Saure Gurken Sommerzeit nicht so recht, weiß Sie schreiben soll. Also wird das Thema “CSD in Köln” noch ein bisserl warmgehalten. Nun also Georg Uecker [...]

  13. Blog vom Mr. Fetish NRW 2008 » on Tour » CSD Köln - Pride-Parade der Superlative sagt:

    [...] “Kölner CSD-Befindlichkeiten” [...]

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