Einmal angenommen, mein Freund erzählt mir etwas, und ich habe die Vermutung, dass es nicht stimmt. Ich frage nach, aber er beharrt auf seiner Darstellung.Â
Nehmen wir weiter an, dass es mir möglich wäre, den Wahrheitsgehalt seiner Behauptung zu überprüfen.
Was soll ich tun?Â
Nun, für mich liegt die Antwort mittlerweile klar auf der Hand. Zugegeben, ich habe das nicht immer so gesehen:Â
Ich nehme das, was er sagt, als gegeben hin, insistiere nicht, bringe ihn nicht in Bedrängnis, denn:Â
Es könnte gut sein, dass er unbeabsichtigt und unwissentlich die Unwahrheit gesagt hat, weil er selber eine falsche Information erhalten oder etwas missverstanden hat. Wenn die Angelegenheit von Bedeutung ist, wird er meine in der Nachfrage steckenden Zweifel ernst nehmen und selber heraus finden, ob er sich geirrt hat. Denn um mehr als einen Irrtum geht es hier nicht und ich kann mir und ihm die unangenehme Situation ersparen, ihn als vermeintlichen Lügner zu enttarnen. Nebenbei erspare ich es mir, gegebenenfalls zugeben zu müssen, dass meine Zweifel unberechtigt waren, wenn das, was er sagte, stimmt.Â
Es könnte aber auch sein, dass er absichtlich nicht die Wahrheit sagt, mir falsche Informationen gibt oder richtige Informationen vorenthält. Er lügt mich also ganz bewusst an. Ich werde dennoch nichts weiter unternehmen, denn es könnte gut sein, dass er zum Beispiel eine Überraschung plant und ich mir und ihm die Freude durch mein Herumspionieren verderben würde.Â
Vielleicht ist die Lüge aber auch nicht so leicht zu erklären und nachzuvollziehen. Vielleicht hat er sich mit jemanden getroffen und ich soll davon nichts erfahren, vielleicht hat er wieder eine neue Küche bestellt und ich soll es erst erfahren, wenn die Bestellung nicht mehr rückgängig zu machen ist.Â
Einerlei: Ich schnüffle nicht herum, versuche nicht durch hochnotpeinliche Verhöre mehr heraus zu finden. Denn ich vertraue meinem Freund.Â
Es mag merkwürdig klingen, aber Vertrauen und Unwahrheit schließen sich nicht aus. Nur allzu oft höre ich, dass manche sich eine Beziehung nur unter absoluter Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit vorstellen können; eine Lüge sei ein Trennungsgrund. Das ist aber Unsinn, denn damit wird die Beziehung an eine Bedingung geknüpft, die nur Übermenschen erfüllen können. Allein die Drohung, ‘wenn Du mich anlügst, dann…’ markiert das nahende Ende der Beziehung. Denn was soll der Lügner machen? Die Rückkehr zur Ehrlichkeit bezahlt er mit dem Ende der Beziehung. Also bleibt ihm nur, die Lüge mit weiteren Lügen zu vertuschen. Das ist aber keine Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung. Wir sind alle nur Menschen und machen Fehler. Wer nicht bereit ist, Fehler zu verzeihen, ist genau so wenig für eine Beziehung geeignet, wie jemand, der von sich annimmt, ohne Fehl und Tadel zu sein.Â
Gar nicht so selten kommt es zu Unehrlichkeiten, weil Regeln verletzt wurden. Regeln in einer Beziehung. Wer stellt sie auf und warum werden sie aufgestellt? Braucht Liebe ein Regelwerk? Sollte eine feste Beziehung nicht auf wahrhaftiger Liebe aufbauen und nicht auf einem Geflecht aus Regeln?Â
Entscheidend ist nicht, dass man immer ehrlich zueinander ist, sondern dass man alles tut, um die Beziehung nicht zu gefährden. Und genau in diesem Punkt vertraue ich meinem Freund. Und manchmal ist eine Lüge, ein Verschweigen, eine modifizierte Darstellung der Wahrheit, für eine Beziehung besser, als die schonungslose Wahrheit.Â
Ich möchte nicht gerne missverstanden werden: Ich meine nicht, dass eine Beziehung auf einem Gerüst von Lügen und Unehrlichkeiten aufgebaut werden kann. Wenn gar nichts stimmt, kann kein Vertrauen entstehen. Wer in einer Beziehung glaubt, unbequemen Gesprächen durch einfache Lügen entgehen zu können, wird bald merken, dass es nichts mehr zu sagen gibt.Â
Ich liebe meinen Freund. So wie er ist, mit seinen Stärken, aber auch mit seinen Schwächen. Ich kann mir nicht nur die mir angenehm erscheinenden Seiten aussuchen und sagen ‘ich liebe 95,4 % von Dir’. Es geht nur ganz oder gar nicht. Ich kann nicht erwarten, dass er immer nur ’stark’ ist. Zu glauben, er würde niemals seinen Schwächen nachgeben, wäre reinste Traumtänzerei. Da ich aber genau das weiß, da ich um seine Schwächen weiß, gibt es nichts, was er ‘beichten’ müsste.Â
Wenn er irgend etwas nicht offenbart, weil er vielleicht einen möglichen Streit fürchtet, weil er nicht möchte, dass ich mich über eine Belanglosigkeit aufrege, weil er das Thema nicht für wichtig hält, weil es ihm unangenehm ist, weil er die Situation und Stimmung für unpassend hält, dann ist es so in Ordnung für mich. Ich vertraue darauf, dass mein Freund abzuwägen weiß, was er mir wann und in welcher Form erzählt. Und ich vertraue darauf, dass er gute Gründe hat, wenn er etwas verschweigt oder falsch darstellt. Ich vertraue darauf, dass er weiß, was unsere Beziehung weiter bringt und was unserer Liebe nützt.Â
Enttäuschen kann er diese Vertrauen nicht. Sollte ich eines schönen Tages mitbekommen, dass er mir essenzielle Dinge nicht erzählt, müsste ich mich fragen, warum er mir in entscheidenden Angelegenheiten nicht vertraut.


01/07/2008 um 1:09 Uhr nachmittags
Ich würde sagen, es kommt auf die jeweilige Sache an. Wenn es sich um etwas Wichtiges dreht, würde ich das schon nachprüfen, so diese Möglichkeit besteht. Denn wie Du richtig sagst, kann auch er sich irren und Dir unwissentlich die Unwahrheit sagen bzw. selbst Probleme irgendeiner Art bekommen, weil er einer Falschinformation aufliegt.
Wie Du in der Überschrift richtig schreibst, ist Vertrauen wichtig, aber Kontrolle besser. Nun muss man nicht ständig alles kontrollieren, aber Kontrolle ist manchmal ganz gut, um z. B. zu wissen, dass das Vertrauen noch immer berechtigt ist. Ist aber wirklich sehr situationsabhängig.
01/07/2008 um 8:18 Uhr nachmittags
ja, liebe geht nur ganz oder gar nicht. da stimme ich dir voll und ganz zu, von herzen. so ist auch meine erfahrung. und vertrauen ist eine der, wenn nicht die basis für beziehung.
insofern stimme ich auch michael nicht zu - ich kontrolliere dezidiert nicht - erst recht nicht, um zu ‘prüfen’ ob mein vertrauen noch gerechtfertigt ist. ich vertraue. punkt. ohne bedingung. in liebe.
was die frage vertrauen und lüge angeht, liegt der pfeffer denke ich in deinem letzten satz. die kleinen unkorrektheiten, notlügen, schummeleien (auch “für einen guten zweck”) mögen okay und lässig sein. schwierig würde es, wenn es an dinge von substanz ginge - ich glaube dann würde ich mir bei meinem mann schon sorgen machen und auch nachfragen - wenn es die grundfesten der beziehung tangiert. aber … das scheint mir nach all den gemeinsamen jahren unwahrscheinlich …
01/07/2008 um 10:02 Uhr nachmittags
Ich kann Dir und meinen Vorrednern nur zustimmen im Großen und Ganzen. Abgesehen davon ist es von der Verhaltenspsychologie her erwiesen, daß der Mensch zu “kleinen” Notlügen, Unterschlagungen, Unwahrheiten (ich meine jetzt nichts Substanzielles) im alltäglichen Leben neigt aus den verschiedensten Gründen und das dies einfach zum Menschsein dazu gehört und nicht tragisch ist für unserer Beziehungen bzw. deren Stabilität und Kontinuität, wenn die grundsätzlichen Dinge “im Lot sind”. Selbst bei höher entwickelten Tieren mit ausgeprägtem Sozialverhalten gilt dies mittlerweile als nachgewiesen.
Das soll natürlich jetzt kein Freibrief sein, ich möchte da nicht mißverstanden werden.
Ohne jetzt mal eben die Urheber nachzuschlagen möchte ich zwei Zitate die mir gut gefallen und zu deinem Geschriebenen IMHO passen erwähnen.
“Wir sollten einen Menschen seiner Fehler wegen lieben und seine positive Eigenschaften als Zugabe betrachten.”
Anm.: Sicherlich ein etwas verklärtes und unerreichbares Ideal, aber es steckt schon etwas Wahres darin.
“Der (wirklich) Starke kann seine Schwächen zugeben bzw. steht zu seinen Schwächen.”
Anm.: Das denke ich auf jeden Fall und handele gemeinhin auch danach (nicht immer, aber in den allermeisten Fällen).
01/07/2008 um 11:10 Uhr nachmittags
@ Michael:
Ich bezieht mich nur auf den Umgang in eine Beziehung. In anderen Bereichen (Arbeitsplatz, Bank, Versicherungsmakler,…) gilt meine Formel nicht.
Was ist denn der Anlass für Kontrolle? In der Regel wird es Mißtrauen sein. Und Mißtrauen in einer Beziehung durch Kontrolle zu beseitigen, nein, da würde ich mich nicht wohl bei fühlen.
Ein offentlichtlicher Irrtum, der schwerwiegende Folgen haben kann, sollte, da stimme ich Dir zu, nicht einfach stehen bleiben, denn das könnte bedeuten, dass ich meinen Freund sehenden Auges in ein Messer (nicht meins) laufen lasse. Hier wäre es dann meine Aufgabe, ihm seinen Irrtum in geeigneter Weise (zB durch Rückfrage, oder die Formulierung, ‘ich habe kürzlich gelesen, dass …) zu verdeutlichen.
@ Ondamaris:
In einer intakten Beziehung lernt man im Laufe der Zeit, was ‘entscheidend’ ist, was einen Vertrauenbruch darstellt, und was ‘lässliche Sünden’ sind.
@ Magic M.:
Der wirklich Starke wird dem (scheinbar) Schwachen seine Schwächen verzeihen!
Aber was ist Stärke. Braucht’s dass in einer Beziehung?
02/07/2008 um 12:18 Uhr vormittags
@ TGD: Den ersten Satz würde ich auch so unterstreichen.
Stärke ist sehr situationsabhängig und eine Definitionsfrage die durchaus sehr konträr vom einzelnen Individuum beantwortet werden kann (nebst den “allgemeinen” Definitionen und Vorstellungen von dem was Stärke ist oder aber zu sein hat).
In gewisser Weise u. U. schon möglich, der Begriff “Stärke” kann durchaus positiv besetzt sein.
15/07/2008 um 3:22 Uhr nachmittags
Der erste Punkt ist sich selber zu kennen. Wenn man von sich selber weiß, dass man immer mißtrauisch ist, dann sollte man versuchen sich zu ändern und in erster Linie den Fehler bei sich zu suchen.
Wenn man allerdings sehr wohl vertrauen kann und ein komisches Gefühl hat, dass der Partner nicht immer die Wahrheit sagt, dann liegt es an der Beziehung. Und wenn der Partner in Belangen lügt von denen er weiß, dass sie für einen wichtig sind, dann bricht das Vertrauen.
Man sollte vertrauen, aber nicht blind sein.