Rauswurf mit Glockengeläut

Im nordrhein-westfälischen Bergneustadt hatte sich der Autozulieferer ISE in die Insolvenz manövriert. Schnell stand ein Finanzinvestor (Nordwind Capital aus München) bereit, das Unternehmen und einen großen Teil der Mitarbeiter zu übernehmen, wenn die Beschäftigten sich mit einer geringeren Entlohnung zufrieden gegen würden.

Unschön muss es im idyllischen Bergneustadt zugegangen sein, glaubt man den Schildungen einiger Leserbriefschreiber:

[...] denn die Art und Weise, wie man im Unternehmen mit denen umgegangen ist, die den Auflösungsvertrag nicht unterschreiben wollten, erinnert an Wildwest-Methoden des Steinzeit-Kapitalismus. Wie Schwerverbrecher wurden Abweichler vor aller Augen von Sicherheitspersonal aus dem Werk geführt, fristlos entlassen, davongejagt. Andere erhielten zu Hause ungebetenen Besuch und die Drohung, sich nicht mehr im Unternehmen blicken zu lassen.

Das Angebot des Investors aber, nur dann die Firma zu „retten“, wenn ausnahmslos alle die neuen Verträge unterschreiben, betrachten wir als sittenwidrig und infam. Alle sollen rechtmäßig erworbene Ansprüche aufgeben und danach sortiert der Investor die einen ins Töpfchen und die anderen ins Kröpfchen. Außer vagen Versprechen (die oft genug gebrochen wurden) hat keiner wirklich was in der Hand. Die Älteren, Kranken, Geringverdiener und Behinderten müssen nach der so genannten Transfergesellschaft den sozialen Absturz bis hin zu Hartz IV natürlich besonders fürchten.

Dieses Angebot hetzt die Arbeitnehmer gegeneinander auf, es übt einen ungeheuren Druck auf die Verweigerer aus, die Angst und Wut einer ganzen Stadt wird auf sie gerichtet, so als wären sie die Schuldigen für die Pleite. Niemand aber darf in einem Rechtsstaat zur Unterschrift unter Verträge gezwungen werden, schon gar nicht, wenn sie ihm schaden. Wer solchen Zwang ausübt, macht sich wegen Nötigung strafbar. Der Investor aber ‚lässt nötigen’. Denn Rat und Bürgermeister machen bedauerlicherweise dieses üble Investorenspiel mit, wodurch die „Verweigerer“ wie Aussätzige dastehen.

Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet:

„Bedrückend“, „komisches Gefühl“, „deprimierte Gesichter im Werk“ - Die Stimmung unter vielen ISE-Mitarbeitern, die gestern Mittag aus dem Werk strömten, war sehr gedämpft, obwohl sie weiterhin beschäftigt werden.

„Die Motivation ist ganz unten“, bemerkte ein Mann, der wie so viele andere nicht namentlich genannt werden will. An 20 Pflichtsamstagen müsse künftig gearbeitet werden, Weiterbildung sei da nicht mehr möglich, sagt einer. Man sei reingelegt worden, findet ein anderer, es gebe weniger Festverträge als versprochen.

Viele bewegt die Frage, nach welchen Kriterien die Mitarbeiter einen unbefristeten, befristeten oder gar keinen Vertrag bekommen haben. Jüngere Leute hätten Zeitverträge bekommen, ältere Festverträge. „Das ist eine Schweinerei“, erzürnt sich einer.

Die römisch-katholische Kirche ist ob dieses göttlichen Eingriffs in die Bergneustädter Geschicke so begeistert, dass sie aus lauter Dankbarkeit über den von Gott gesandten Finanzinvestor die Glocken läuten lässt.

Eine Antwort hinterlassen