“There are enough marriage licenses to go around for everyone”, schreibt Chief Jugde Judith S. Kaye of the New York Court of Appeals.
Ähnlich sieht es auch der Supreme Court of California in seiner Entscheidung vom 15.05.2008 über die Verfassungsmäßigkeit von Same-Sex-Marriages. Die Entscheidung hat erwartungsgemäß die religiösen Fundamentalisten in den USA auf die Palme gebracht. Deren Strategie[1] lässt sich grob in zwei Vorgehensweisen einteilen. Die eine Gruppe verkündet unverblümt, Schwule müssten aus der amerikanischen Gesellschaft eliminiert werden, weil sie verschiedenerlei Krankheiten verbreiten, Kinder missbrauchen und ähnliche Dinge mehr. Die andere Gruppe gibt sich im Ton gemäßigter, lässt aber keinen Zweifel daran, dass sie die Unterdrückung von schwulen und lesbischen Menschen nach Kräften fortsetzen wird. Zu diesem Zweck versucht sie durch das Verbreiten vermeintlicher Horrorszenarien Schwulenfeindlichkeit weiter zu schüren. Beim Stöbern durch die Kommentare bei GayWest fand ich einen Hinweis auf eine deutsche Übersetzung (von ‘Füchsin’; die Richtigkeit und Vollständigkeit der Übersetzung habe ich nicht überprüft) einer Kolumne eines Vertreters der zweitgenannten Gruppe. Ein gewisser Dennis Prager meint, die Entscheidung des CA Supreme Court werde das Gesellschaftssystem zusammen brechen lassen, wenn nicht sofort eingeschritten werde.
Um jeden Zweifel an seiner gottgegebenen Auffassung zu unterdrücken, versucht er folgenden Trick:
Um ein paar Reaktionen zu dieser Kolumne – sowie zu jeder Verteidigung der Ehe zwischen Mann und Frau - vorwegzunehmen, wie z.B. dass diese Kolumne oder ihr Autor „homophob“, d.h. bigott und einer respektvollen Erwiderung nicht wert sei, ist es mir wichtig zu betonen, dass sich nichts von dem, was hier geschrieben steht implizit, und schon gar nicht explizit gegen Schwule richtet. Dass ein homosexueller Mann oder eine homosexuelle Frau als Gottes Abbild geschaffen wurde und genauso wertvoll wie jeder andere Mensch ist, setze ich als unumstößliche Wahrheit voraus. Ich gebe bereitwillig zu, dass es ungerecht ist, wenn ein Erwachsener nicht den Menschen seiner Wahl heiraten darf. Aber Sozialpolitik kann nicht nur darauf basieren, alle Ungerechtigkeiten des Lebens zu beseitigen. Daraus folgt, dass wir homosexuellen Personen in Liebe begegnen müssen – und seinem oder ihrem Partner ebenso. Aber die Definition der Ehe dürfen wir niemals ändern. Der Preis dafür ist für die Gesellschaft und für kommende Generationen zu hoch.
Prager ist entgegen seiner durchsichtigen Schutzbehauptung zutiefst homophob, denn, wie zu zeigen sein wird, verlangt er nichts anderes, als dass Homosexualität sich auf eine kleinstmögliche Zahl von Menschen zu beschränkt bleibe, mehr noch dass Homosexualität im Keim zu ersticken sei, und dass, wenn überhaupt, Homosexualität sich in den Hinterhöfen der Gesellschaft abzuspielen habe, da wo Menschen zweiter Klasse nun einmal hingehören.
Zunächst versucht Prager schon durch die Überschriftenbildung Panikstimmung auszulösen:
Kalifornische Entscheidung wird Gesellschaft radikal verändern
Nun, die Gesellschaft, einerlei ob weitweit betrachtet oder nur auf den Nabel der Welt, also die USA, bezogen, hat sich im Laufe der Geschichte der Menschheit immer wieder verändert. Man mag solche Veränderungen, wenn sie sich in kurzer Zeit abspielen, als radikal bezeichnen, sie sind jedoch für sich betrachtet zunächst nichts Negatives. Vielmehr bedeutet das Ausbleiben von Veränderungen Stillstand. Stillstand ist es jedoch, was konservatives Denker hier wie dort jeder Unbequemlichkeit vorziehen. Nicht zuletzt haben Judentum und Christentum zu radikalen Veränderungen der Gesellschaft geführt, unter denen die Menschheit nach wie vor schmerzhaft leidet.
Prager meint:
Sollten die kalifornischen Wähler nicht die kalifornische Verfassung modifizieren, oder der Kongress die Verfassung der Vereinigten Staaten, werden vier Richter des Obersten Kalifornischen Gerichts die amerikanische Gesellschaft mehr verändert haben, als irgendein Individuum seit Washington, Jefferson, Adams und Madison.
Damit wird deutlich, dass er erstens das Urteil überschätzt, denn es ist lediglich eine deklaratorische Klarstellung der Verfassungslage in Kalifornien - die Zulässigkeit von Same-Sex-Marriages ist der kalifornischen Verfassung innewohnend, selbst der dortige Gouverneur sieht das mittlerweile ein -, es ist nicht konstitutiv, und dass er zweitens das Urteil nicht gelesen hat.
Denn es sind nicht nur die vier Richter, die diese Verfassungsauslegung tragen. Neben vielen im Urteil zitierten konform gehenden Richtermeinungen aus verschiedenen Teilen der USA, ergibt sich beim Studium des Urteils folgenden Bild: 4 der 7 berufenen Richter tragen das Urteil vollinhaltlich, ein weiterer Richter sieht die Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben als geboten an, hält aber das Gericht nicht für zuständig, und zwei Richter tragen das Urteil mit, soweit es die vollständige rechtliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen mit verschiedengeschlechtlichen Partnerschaften verlangt, wollen aber den Begriff ‘marriage’ nicht auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften ausgedehnt wissen.
Außerdem übersieht Prager die Entscheidung des Supreme Judicial Court of Massachusetts (in Opinions of the Justices to the Senate (Mass. 2004) 802 N.E.2d 565) aus dem Jahr 2004.
Prager führt aus:
Ein weiterer Grund für diese Entscheidung ist Arroganz. Erstens: Die Arroganz von vier Individuen, ihr Verständnis von Recht und Unrecht dem Rest der Gesellschaft aufzuzwingen. Und zweitens: Die Arroganz der vier einfühlsamen Richter, davon auszugehen, dass alle Denker, Theologen, Philosophen, alle Religionen und Moralsysteme in der Geschichte falsch waren, während sie selbst und ihre Unterstützer eine moralische Erleuchtung hatten, die es zuvor nie gegeben hat. Seit der Antike hat keine einzige Religion oder moralisch-philosophisches System im Westen wie im Osten die Ehe definiert als Ehe zwischen Menschen desselben Geschlechts.
Nun, ein Blick in den Urteilstext zeigt, dass die Richter sich sehr wohl mit der Genese der Ehe auseinander gesetzt haben. Sie kommen aber, alter amerikanischer Rechtsprechungstradition folgend, dahin, dass Traditionen und auch Präzedenzfälle, wichtig, aber nicht allein maßgebend für die Rechtsfeststellung sind (”Tradition alone, however, generally has not been viewed as a sufficient justification for perpetuating, without examination, the restriction or denial of a fundamental constitutional right.”). Und nicht zuletzt weist das Gericht darauf hin, dass die amerikanische Gesellschaft, allen Glaubensbewahrern zum Trotz, mittlerweile ein anderen Verständnis von Ehe und Familie hat, als zu Zeiten von Dennis Prager.
Aktuelle Umfragen ergeben darüber hinaus, dass die Zahl der Gegner von Same-Sex-Marriages in den letzten Jahren drastisch zurückgegangen ist - trotz der unentwegten Agitation evangelikaler Kreise.
Dann steigt Prager hoch hinauf ins Religiöse:
Das ist ein Grund, warum das Argument, dass diese Entscheidung dasselbe sei, wie die Aufhebung des Verbots der Ehe zwischen verschiedenen Rassen, falsch ist. Keine der Weltreligionen – weder das Judentum, noch das Christentum, noch der Islam, noch der Buddhismus – haben jemals die Ehe von Menschen verschiedener Rassen verboten.
Ich weiß nicht, ob das so stimmt und lasse es dahin gestellt.
Meinen Einwand nimmt Prager selbst vorweg:
Manche Religionen haben die Ehe verboten, wenn einer der Eheleute einer anderen Religion angehörte.
Nun, diese verschiedengeschlechtlichen Eheverbote gibt es heute noch. Aber Prager weiß, wie man/frau sie umgeht:
Aber da diese Religionen unbeachtet der Rasse jedermann erlaubten, zu konvertieren, d.h. ein Angehöriger dieser Religion zu werden, bedeuteten die Rasse oder ethnische Herkunft nie etwas im Hinblick auf die Ehe.
Mit anderen Worten: Der hochheilige Glaube an einen Gott und an ein gottgefälliges Leben wird einfach weg geworfen und durch eine andere Glaubensvariante ersetzt. Nimmt aber jemand seinen Glauben überwichtig, wie zum Beispiel dieser Prager es vormacht, und wechselt ihn nicht durch einen Glauben anderer Konfession aus, dann bleibt das Eheverbot bestehen. Anders gewendet: Religionen kennen sehr wohl verschiedengeschlechtliche Eheverbote und setzen sie auch durch.
Amerikas Verbot einer Heirat zwischen Menschen unterschiedlicher Rassen fußte nicht auf irgendeinem bedeutenden religiösen oder moralischen System; dieses Verbot war ein unmoralischer, geistiger Irrweg, ganz egal wie viele religiöse Menschen es auch unterstützt haben.
Danke, Herr Prager. Das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen ist ein unmoralischer, geistiger Irrweg, ganz egal wie viele religiöse Menschen es auch unterstützen.
Er kommt zum Wertesystem:
Da wir uns am Anfang eines säkularen Zeitalters befinden, wurde die Idee begraben, dass man seine Wertvorstellungen an der Religion orientiert (oder an irgendeinem Weisheitssystem aus der Geschichte).
Es war von Anfang an falsch, Wertvorstellungen an der Religion zu orientieren, und es wird Zeit, diese Idee zu begraben. Ist die Schadensquote aus 2000 Jahren Christentum und noch ein paar Jahren mehr Judentum nicht hoch genug? Ist es nicht an der Zeit, Jahrtausende des Mordens, Hassens, Verfolgens und Demütigens zu beenden und zu einem Wertesystem überzugehen, dass nicht auf Ausgrenzung und Unterdrückung beruht?
Er fährt fort:
Daher rühren auch die heutigen Bestrebungen, das jüdisch-christliche Wertesystem nicht mehr als Grundlage der amerikanischen Werte zu betrachten und die Gründerväter der USA als im Grunde genommen moralisch fehlerhaft zu verunglimpfen.
Was ist denn das jüdisch-christliche Wertesystem? Was ist ein Wertesystem wert, dass auf jeden Geldschein ‘In God we trust’ druckt und damit dem schnöden Mammon huldigt? Befreit man das amerikanische Wertesystem von all dem religiösen und pseudoreligiösen Gestrüpp bleibt als höchstes Gut die Freiheit des einzelnen Menschen. In den immer seltener werdenden Sternstunden der amerikanischen Politik- und Rechtsprechungsgeschichte wird die Freiheit des Individuums hochgehalten. Gott kommt in der us-amerikanischen Verfassung nicht vor. Und schon gar nicht kommt dort das Recht vor, aufgrund fragwürdiger Glaubensansichten andere Menschen maßregeln zu dürfen.
Und nun kommt Prager’s Prophezeiung:
Außerhalb der Privatsphäre zu Hause werden junge Frauen davon abgehalten werden, davon zu träumen, eines Tages ihren Traumprinzen zu heiraten – so etwas würde als „heterosexistisch“ erklärt werden, moralisch gleichwertig mit rassistisch. Statt dessen wird man ihnen sagen, doch von einem Traumprinzen oder eine Traumprinzessin zu träumen. In Schulbüchern wird man die Ehe nicht nur als Angelegenheit zwischen Mann und Frau beschreiben dürfen. Kleine Mädchen werden von anderen kleinen Mädchen und von Lehrern gefragt werden, ob sie später mal einen Mann oder eine Frau heiraten wollen.
Wenn es so käme: Was wäre daran schlimm?
Es ist die pure Angst, sich mit dem Thema Homosexualität auseinander zu setzen. Früher, da konnte man die Schwulen als Geisteskrank bezeichnen und wegschließen (oder endgültigere Lösungen finden). Jetzt wollen sie in die Schulbücher. Es ist die pure Angst, dass die eigenen Tochter eines Tages nach Hause kommt, davon erzählt, dass der Lehrer davon gesprochen habe, dass es Mädchen gäbe, deren sexuellen Orientierung auf anderen Mädchen hin ausgerichtet sei und hinzufügt: “Mama, Papa, ich fühle auch so!” Es ist pure Angst, dass immer mehr Menschen ihre Homosexualität offenbaren und damit den ‘Alltagsfrieden’ stören. Es ist pure Angst, pure Homophobie.
Die Tragweite der sexuelle[n] Verwirrung für junge Leute, welche die gleichgeschlechtliche Ehe stiften wird, kann man nicht völlig ermessen. [...] Es liegt an der Gesellschaft, die breit gefächerten menschlichen Facetten der Sexualität in eine ausschließlich heterosexuelle Richtung zu lenken –
Warum? Warum nur will Prager Homosexualität unterdrücken? Warum deklassiert er Homosexualität?
bisher wurde dies durch die Ehe erreicht.
Die berühmten Zwangsehen, die genau so zwanghaft (aber christlich-jüdisch) verlaufen, wie sie beginnen.
Aber das ist natürlich „Heterosexismus“, eine bigotte Vorliebe für die erotische Liebe zwischen Mann und Frau, der daher aus der Gesellschaft ausgerottet werden muss.
Es sind wohl zu allerletzt die schwulen und lesbischen Menschen, nachdem sie seit Jahrhunderten für ihre Liebe kämpfen, leiden und sterben mussten, die die Liebe ausrotten wollen. Die Ausführungen Pragers machen nur zu deutlich, wer hier wen ausrotten will. Menschen vom Schlage Pragers sollten ihre eigene Kurzsichtigkeit und Kleinkariertheit nicht auf andere übertragen.
Jedwedes Eintreten für die Ehe zwischen Mann und Frau wird als moralische Hetze betrachtet werden und kurz darauf wird das so auch gesetzlich gelten.
Er hat es nicht verstanden, will es nicht verstehen und wird es nicht verstehen: Es geht nicht gegen die Ehe zwischen Mann und Frau, es geht um die Ehe auch für Mann und Mann oder Frau und Frau. Das schadet den verschiedengeschlechtlichen Ehen überhaupt nicht.
Den dann folgenden Prager’schen Wahnanfall überspringe ich. Es geht, zum Ende kommend, mit der Scheidungsfrage weiter:
Und was wird nach einer Scheidung sein, deren Häufigkeit wahrscheinlich genauso groß sein wird wie bei heterosexuelle Scheidungen? Ein Junge, der von zwei lesbischen Müttern erzogen wird, die sich scheiden lassen und wieder heiraten, wird dann vier Mütter und keinen Vater haben.
Heterosexuelle Scheidungen im Dunstkreis traditioneller christlich-jüdischer Werte? Das kann doch gar nicht sein!
Ok, die heterosexuelle Scheidung: Ein Junge, der von zwei verschiedengeschlechtlichen Menschen erzogen wird, die sich scheiden lassen und wieder heiraten, wird dann zwei Mütter und zwei Väter haben. Abgesehen davon, dass ich mir für jedes Kind bis zu dessen eigenem Erwachsensein ein, egal wie geschlechtlich zusammengesetztes, intaktes Elterhaus wünsche, wage ich zu bezweifeln, dass die zwei Mütter und zwei Väter Variante besser ist, als die vier Mütter Lösung.
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[1] Vgl das Schaubild bei Box Turtle Bulletin [back]
[2] Damien von GayWest hat sich dem Thema bereits gestern zugewendet: Der Untergang des Abendlands - Version 4527[back]

