“Ich glaube, dass es kein intoleranteres Völkchen als Homosexuelle gibt.” – Einspruch!

Schwule Menschen sehen sich nicht selten dem Vorhalt ausgesetzt, sie seien Intolerant. Wer anderen Toleranz abverlange, müsse auch selber tolerant sein, heißt es, und dann werden allerlei Ansichten, Auffassungen, Verhaltensweisen und Erscheinungsbilder präsentiert, die Mann gut heißen soll – im Namen der Toleranz.

Schwule Menschen müssen sehr aufpassen, was ihnen da alles untergejubelt werden soll.

Dabei ist schon der Begriff ‘Toleranz’ ein schwieriger. Es geht nicht darum, dass gleichgeschlechtliche Liebe toleriert wird. Es gibt sie. Sie ist nicht wegdiskutierbar, nicht verhinderbar; damit ist es nur eine Frage der Akzeptanz eines ohnehin nicht änderbaren Zustands, nicht aber der Toleranz (=Duldung). Leider geht diese einfache Angelegenheit immer noch in zu viele Köpfe nicht hinein. Fragen der Toleranz, und damit diskutierbare Fragen des täglichen Miteinanders, sind eher im Bereich bestimmter Verhaltensweisen anzusiedeln. Und selbst in diesem Bereich kann nicht das eine gegen das andere aufgewogen werden. Nur weil ich erwarte, dass die Kölner die jährlichen Cologne Pride Veranstaltungen mit all ihren erwünschten und unerwünschten Nebenwirkungen tolerieren, kann niemand von mir erwarten, dass ich Naziaufmärsche toleriere oder gar faschistische Ansichten akzeptiere. Gleichgeschlechtliche Liebe ist nicht änderbar, geistige Umnachtung schon.

Auf jetzt.de, dem jugendlichen Teil der Süddeutschen Zeitung, beklagt nun jemand die angebliche Intoleranz schwuler Männer gegenüber schwulen Männern. Unter der Überschrift “schwul und intolerant…was sonst.” erhalten wir einen Einblick in ‘das schwule Leben’:

Lasst mich das mal zusammenfassen. Wir sind also eine Minderheit, ohne Zweifel sind wir das und gehen dafür in jeder Stadt mindestens einmal im Jahr auf die Strasse, um uns Gehör zu verschaffen. In diesem Zuge fordern wir dann Toleranz für unser Leben, für unsere Art und letztendlich für unsere Sexualität. Wir spannen den Bürgermeister dafür ein, der brav und winkend vor dem bunten Treiben herspaziert und kriegen sogar einen “eigenen” Sonntag im Zelt auf der Wies´n [Anm TGD: Das Drama spielt also in München]. An diesem Sonntag wird dann ob nun am Nachmittag, am Abend oder in der Nacht, auf dem Pissoir gevögelt, unter der Bavaria geblasen und unterm Tisch gewixt.

Mir stellt sich die Frage, warum damit immer bis zu dem fraglichen Sonntag warten? Der Verfasser des Beitrags auf jetzt.de jedoch mag dieses und sich selbst nicht so recht:

Die jenigen die sich jetzt angewidert den Text sparen, möchte ich um entschuldigung bitten. Die anderen, die jetzt aufschreien, denen soll gesagt sein, dass ich hier nicht als blinder von der Farbe spreche, sondern schon live bei solchen Aktion zu gegen sein durfte.

Wahrscheinlich wurde er von seinen lieben Mitschwulen zum unter dem Tisch ‘wixen’ gezwungen. So eine Ferkelei aber auch!

Also Minderheiten werben um Toleranz. Unter dieser Überschrift dürfte also das Leben des “gemeinen” schwulen wohl stehen. Aber warum benehmen wir uns dann einfach auch nicht so, als wäre unsere Form von Leben Normalität?

Vielleicht weil es schwule und nicht schwule Menschen gibt, die von der überkommenen Form patriachalischer Hetero- oder Homonormalität nicht viel halten?

Es wird sich ständig über alte, dicke, Ledertypen, Fister [Anm TGD: Über mich hat sich noch niemand beschwert!] oder Tucken beschwert, die sich ebenfalls in der Szene vergnügen. [...] Warum lachen wir eigentlich dann über den alten Ledertypen, der auf der Suche nach dem “Bau” versehentlich im Kraftakt gelandet ist? Oder weshalb wollen wir den 55 jährigen Bären in der Lederhose nur ausnahmslos in der “Teddy Bar” sehen und ghettoisieren uns somit selbst? Toleranz scheint immer nur dann wichtig zu sein, wenn man unmittelbar davon selbst betroffen ist.

Mit einer selektiven Wahrnehmung lassen sich solche Eindrücke, die für sich betrachtet sicher richtig sind, zu Vorurteilen ausbauen. Toleranz heißt nicht, immer und überall für alles offen sein (weder körperlich, noch geistig), alles gut finden und jeden mögen. Wenn ich mich an einem Ort aufhalten, der auch oder sogar in erster Linie der Anbahnung sexueller Kontakte dient und erkennbar eine bestimmte Zielgruppe anspricht, wäre ich wenig erfreut, wenn sich zielgruppenfremde Männer dazu gesellten. Wenn ich falsch gekleidet zu einer Sagger-Party (das Rechtschreibprogramm will daraus eine Sauger-Party machen) gehe, muss ich damit rechnen, dumm angemacht zu werden. Wer, ohne die Voraussetzungen zu erfüllen, zu einer XXL-Party geht, muss sich vorher überlegen, ob er mit dem Spott der anderen umgehen kann. Ich meide Parties für Jungs und Jüngelchen, weil ich trotz viel Schminke dort die Rolle eines Museumsstücks übernehmen müsste – ich kenne bessere Gelegenheiten, mein Selbstwertgefühl auszutesten. All das hat aber nichts mit Toleranz bzw fehlender Toleranz zu tun.

Es ist etwas anderes, ob ein schwuler Schüler in der Schule beschimpft wird, ob ein schwules Paar im Zug oder der Straßenbahn bedroht und aufgefordert wird, die Bahn zu verlassen. Solche Vorfälle im öffentlichen Raum sind nicht hinnehmbar; dort geht es tatsächlich um Fragen der Akzeptanz und bisweilen auch der Toleranz. Die unerfreulichen Eindrücke, die Mann bei einem Streifzug durch die schwule Welt, die immer nur die Welt einiger Schwuler ist, gewinnt, hat vielmehr mit fehlendem Anstand, fehlender Höflichkeit und unangebrachtem Benehmen zu tun. Wenn Mann jemanden an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Situation nicht dabei haben möchte, kann Mann das in unverletzendem Ton sagen. Den richtigen Ton zu treffen, ist aber nicht jedes Schwulen Sache. Und umgekehrt gilt das gleiche: Wenn Mann merkt, dass Mann sich den falschen Ort für die beabsichtigten Vergnügungen ausgesucht hat, sollte Mann tunlichst den Rückzug antreten und sich nicht grobschlächtig aufdrängen. Feingefühl ist auch nicht jedes Schwulen Sache.

Gayromeo wird von dem Verfasser auch noch abgeseift:

Von denen, die sich dank der vielen schwulen Seiten im Netz nur noch mit ihren Nicknames ansprechen und selbst in der Kneipe danch fragen (”wie heisst eigentlich dein Gayromeoprofil”), will ich gar nicht sprechen.

Er will nicht von mir sprechen. Wenn jemand lieber seinen Nickname verwendet als seinen realen Namen, ist das doch OK. Den Nickname haben wir uns wenigsten selbst ausgesucht, den realen Namen nicht. Und: Ich frage auch nach gr-Profilen. Warum denn nicht? Oder ist das neuerdings tabu? Kehren wir wieder in unsere Schränke zurück?

Mindestens einmal in der Woche werde ich dort nach meinen sexuellen Fantasien oder der Schwanzgrösse gefragt. Ist das normal?

*lach* Also daher weht der Wind! Nur einmal pro Woche? Nein, das ist wirklich nicht normal. (Diese Bemerkung ist nicht intolerant, aber unanständig – my bad!)

Ist das die Toleranz für die wir beim CSD werben?

Gewiss nicht! Aber ich fürchte, der Verfasser hat eh einiges durcheinander gebracht.

8 Antworten zu ““Ich glaube, dass es kein intoleranteres Völkchen als Homosexuelle gibt.” – Einspruch!”

  1. Magic M. sagt:

    Das scheint mir auch so.

  2. Thommen sagt:

    Die Leute fordern immer da Toleranz von Minderheiten, wo sie selber auf Ablehnung stossen. Mangelndes Reflektionsvermögen oder so…
    Ausserdem sind neuestens alle Formen des Lebens, die sich nicht unter “heterosexuelle Familie” reihen lassen bei den Schwulen angehängt:

    lesbischwulbitransgenderregenbogenqueer…

    Mir wäre lieber, jedeR würde für seine Interessen einstehen!
    Am Schluss sind wir Schwulen einfach ein Konglomerat von Monstern. Also lassen wir uns bitte das nicht unter einem “Toleranzzwang” aufoktruieren!

  3. Thommen sagt:

    PS. Ich habe noch nirgendwo so grosse Toleranz unter den Schwulen gefunden wie gegenüber Barebackern… Warum eigentlich?

  4. TheGayDissenter sagt:

    @ Thommen:

    1. Sehe ich auch so.

    2. Deine Anmerkung zum Barebacking ist mir, sei nicht böse, etwas zu schlicht. Zum einen dürfte die ‘Toleranz’ im nicht schwulen Bereich weitaus höher sein. Zum anderen mag ich nicht ohne weiteres in den Safer-Sex-Jubelgesang einstimmen. Das Thema bedarf aber wohl einer ausführlicheren Betrachtung, als ich das hier unten in den Kommentaren leisten möchte. Dabei dürfte sich aber zeigen, dass es weniger um Fragen der Toleranz, als mehr um Fragen der Information und des Risikobewußtseins geht.

  5. rene sagt:

    Das Posting würde wieder einmal 5 von 5 Sternen bekommen, wenn Du nur ein Bewertungssystem hättest ;)

  6. ondamaris sagt:

    tja, ich kann rené nur zustimmen mit den punkten … und an rené die frage weitergeben, wie’s denn mit den gedanken um bewertung & co aussieht?

    was das thema “die angebliche Intoleranz schwuler Männer gegenüber schwulen Männern” angeht – das mag der jetzt.de-autor wohl verfehlt haben. mehr respekt unter einander für verschiedene formen von homosexualitäten wünsch ich mir aber gelegentlich in der ein oder anderen szene auch …

    inhaltlich weiterführend: vielleicht würde es mancher debatte insgesamt gut tun, neben den begriffen akzeptanz und toleranz auch den begriff respekt zu beleuchten

  7. rene sagt:

    … der begriff für das, was der Autor beleuchten wollte, heisst “Benehmen”. Ein wenig viel Gedankensalat, aber der Wille war da.

    @Ulli: Ich bin noch ein wenig am Überlegen – Grundsätzliche Gedanken und vielleicht ein Lösungsansatz demnächst nochmal bei mir auf dem Sofa. ;)

  8. TheGayDissenter sagt:

    @ René:

    Ich habe ein Bewertungssystem! *fg*

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