Wo sind die Schwulen geblieben?

Im vergangenen Jahr hat uns der iranische Präsident darüber belehrt, dass es im Iran keine Schwulen gibt. Deshalb sind im Iran auch keine Schwulen hingerichtet worden, sondern nur Verbrecher aller Art. Daraufhin meldete sich der britische Parlamentarier Galloway zu Wort und, des Präsidenten These folgend, stellte er die Behauptung auf, dass die im Königreich lebenden Iraner auch nicht schwul seinen; es seien vielmehr alles Kinderschänder. Diese Einsichten haben dann John Scott, Direktor des Lesbian, Gay, Bisexual, and Transgender Rights Programme von Human Rights Watch, dazu bewogen, Peter Thatchell und andere aufzufordern, endlich Ruhe zu geben und nicht weiter zu behaupten, im Iran würde Schwule hingerichtet. Es sei denn natürlich, man könne endlich mal ein paar Hingerichtete präsentieren, die erwiesenermaßen echte Schwule waren.

Nun hören bzw lesen wir via GayWest, dass offenbar auch Darmstadt schwulenfrei ist. Und überhaupt soll es ja in Deutschland ganz wenige Schwule und Lesben geben. Von 1,3 % ist die Rede. Diese Zahl stammt aus einer Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2001, die die Eurogay Media AG in Auftrag gegeben hatte. Im Rahmen der Erhebung (übrigens durch Telefonumfrage, siehe dazu unten) schätzten sich 1,3 % der Männer und 0,6 % der Frauen als schwul beziehungsweise lesbisch sowie 2,8 % beziehungsweise 2,5 % als bisexuell ein. Gerne verschwiegen wird, dass 9,4 Prozent der Männer und 19,5 Prozent der Frauen den Interviewern gegenüber einräumten, sich erotisch vom eigenen Geschlecht angezogen zu fühlen. Befragt wurden Personen im Alter von 14 bis 69 Jahren. Letztlich leidet die Aussagekraft und die Verwertbartkeit dieser Studie an der unklaren Terminologie.

Allerdings, so ist bei GayWest zu lesen, sind manchem auch diese 1,3 % beängstigend (zu)viele Schwule. 100 dürfen’s sein. Nicht in %, nein 100 Schwule für ganz Deutschland, das wird für angemessen gehalten. Hehe, wenn dem so wäre: Ich kenne sie alle, und sogar noch ein paar mehr!

Sicherheitshalber, also um sicher zu gehen, dass ich nicht in einer schwulenfreien Zone wohne und ich auch wirklich schwul bin, habe ich heute zusammen mit meinem Freund eine kleine Versuchsreihe durchgeführt. Das Ergebnis war beruhigend: Alles in Ordnung!

Der LSVD schreibt:

Wissenschaftler vertreten heute die Einschätzung, daß sich in den westlichen Gesellschaften etwa 3 % der über 20jährigen Männer selbst als homosexuell verstehen und damit eine “homosexuelle Identität” haben. Zusätzlich zu den 3 % Schwulen weisen weitere 3 % der Männer in ihrer Biographie längere bisexuelle Phasen auf oder gehen über einen längeren Zeitraum gleichgeschlechtliche Sexualkontakte ein.

Das erscheint mir sehr merkwürdig, aber es passt zu einer Studie aus den USA, über die die Queer berichtet.

Laut einer repräsentativen Umfrage des Hunter College sind nur 2,9 Prozent der erwachsenen amerikanischen Bevölkerung homo- oder bisexuell.

Den Volltext dieser Studie der New York University habe ich nicht finden können. Ein paar Informationen mehr haben advocate.com und washingtonBlade anzubieten.

Die Studie soll repräsentativ sein:

Professor Patrick Egan of New York University, one of the poll’s authors, explained that exit polls generally provide an over-representative sample of LGBs. “Exit polls are based on voters — the people who show up at the polls. Gays and lesbians vote much more consistently than the general population,” Egan said.

The poll’s authors said it provides the most comprehensive and truly representative picture of the lesbian, gay, and bisexual population to date because it was specifically designed for the LGB population.

Patrick Egan ist ein Märchenonkel. Seine Studie ist den Speicherplatz nicht wert, den sie beansprucht:

1. Fehler

Es wurde Telefonumfragen durchgeführt (wie schon bei der seinerzeitigen Emnid-Studie). Das heißt, es wurden Menschen angerufen und gefragt, ob sie bereit sind, über ihre sexuelle Orientierung Auskunft zu geben. Es liegt auf der Hand, dass viele, vielleicht die meisten Menschen, nicht bereit sind, überhaupt diese Eingangsfrage zu beantworten. Ich stelle mir gerade den ungeouteten Jungen vor, der so ein Telefongespräch annimmt, während seine Eltern neben ihm stehen. Eine Studie, die notgedrungenerweise nur auf die freiwilligen Angaben von Menschen zu einem heiklen Thema zurückgreifen kann, läßt keine Rückschlüsse auf die breite Bevölkerung zu.

2. Fehler

Im Anschluß an das Telefongespräch wurde ein Internetfragebogen eingesetzt. Internetfragebogen? Das hatte ich doch kürzlich erst. Mich würde doch mal interessieren, wie der New Yorker Fragebogen aussah. Wenn ich vor’m PC sitze, tippe ich in so einen Fragebogen ein, was mir gerade in den Sinn kommt. Und: Die IP wird aufgezeichnet. Es ist jederzeit feststellbar, von welchem PC welche Angaben übermittelt wurden. Ist das Vertrauen der Befragten in die Datensicherheit wirklich so groß, dass sie ehrlich antworten. Die Befrager behaupten zwar immer, dass ihre Fragebogen so intelligent und pfiffig seien, dass sie absichtlich falsche Antworten herausfilter können. Indes, den Beweis dafür, dass sie es wirklich können, müssen naturgemäß schuldig bleiben.

3. Fehler

Im Jahr 1445 wurde in Sansepolcro (nahe Florenz) Luca Pacioli geboren. Auf ihn geht nicht nur die ‘Doppelte Buchführung’ zurück. Auf der Grundlage seiner  mathematischen Arbeiten wurde über die Jahrhunderte hinweg das entwickelt, was wir heute unter Statistik, Stichtprobenverfahren, Wahrscheinlichkeitsrechnung und Hochrechnung verstehen. Diese Entwicklung scheint am Hunter College der New York University vorbei gegangen zu sein.

Werfen wir doch mal einen kursorischen Blick auf das Instrumentarium von repräsentativen Stichprobenerhebungen. Es gibt verschiedene Verfahren zur Stichprobendurchführung, der Hochrechnung ihrer Ergebnisse auf die Gesamtheit und die Ermittlung der Richtigkeitswahrscheinlichkeit. Allen Verfahren die zur Ermittlung der Zusammensetzung einer Population dienen, ist gemein, dass angenommen wird, dass selbst für einfachste Fragestellungen der Stichprobenumfang mindest 40 betragen muss. Beispiel: In einem Staat gibt es nur die Parteien A und B. Es besteht Wahlpflicht. Es soll festgestellt werden, wie viele Personen mit dem Vornahmen Tobias die Partei A gewählt haben. Um dies mit vernachlässigbarer Fehlerquote auf alle Personen, die Tobias heißen, hochrechnen zu können, wäre es erforderlich das Wahlverhalten von 40 Personen mit diesem Namen festzustellen. Für so eine einfache Fragestellung genügt es übrigens auch, 40 Personen zu befragen; es kommt nicht darauf an, wie viele Tobias’ es wirklich gibt. Möchte man nun das Ergebnis weiter aufschlüsseln, zum Beispiel nach Altergruppen, wären aus jeder gebildeten Altergruppe 40 Personen dieses Namens auszuwählen. Möchte man nach regionalen Gesichtspunkten aufgliedern, wären aus jeder Region aus jeder Altergruppe 40 Personen des Vornamens Tobias zu befragen. Wollte mann noch die Körpergröße, die Konfessionszugehörigekeit, die Haarfarbe oder was auch immer berücksichtigen, würde sich die Stichprobengröße entsprechend vervielfachen. Dies alles funktioniert nur, wenn von einer Normalverteilung hinsichtlich der festzustellenden Merkmale in der Grundgesamtheit der Bevölkerung (hier der USA) ausgegangen werden kann. Die USA sind aber geradezu das Paradebeispiel für eine fehlende Normalverteilung. Die Bevölkerungsstruktur, nicht zuletzt aufgrund der zerrissenen Siedlungsgenese, ist von einer Normalverteilung der hier relevanten Merkmale weit entfernt, lässt eine ungleichmäßige Merkmalsverteilung mehr als vermuten und erfordert aus Gründen der Verfahrenssicherheit eine deutliche Anhebung des Stichprobenumfangs.

Die New Yorker Studie trifft nach Geschlechtern, Altersgruppen und Regionen getrennte Aussagen zur Homo-, Bi- und Heterosexualität. Das vorstehende Beispiel zeigt sehr deutlich, dass ein Stichprobenumfang von 768 Personen niemals ausreicht, um die gemachten Aussagen zu tragen.

4. Fehler

Patrick Egan nennt die gefundenen Ergebnisse selbst ‘überraschend’. Ein seriöser Wissenschaftler wäre nicht mit diesen Ergebnissen in die Öffentlichkeit gestolpert, sondern hätte in der Situation, dass seine Ergebnisse deutlich von allen bisherigen Untersuchungen abweichen, zunächst seinen methodischen Ansatz überprüft und hätte anschließend seine Untersuchung wiederholt, um Fehler bei der Datenerhebung auszuschließen.

Egan gibt die Wahrscheinlichkeit der Richtigkeit seiner Studie mit 96,5 vH an. Für eine Studie, die bisherige Ergebnisse derart in Frage stellt, wäre eine Irrtumswahrscheinlichkeit im Nachkommbereich zu erwarten, wenn sie ernstgenommen werden soll.

 

Die vorgelegte Studie ist nichts anders als Scharlatanerie.

 

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Nachtrag 09/05/2007: The Numbers Game

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4 Antworten zu “Wo sind die Schwulen geblieben?”

  1. hephai sagt:

    Stichprobe klingt ganz schön zweideutig, vor allen aus Deiner Feder. ;-)
    Als ich noch alles befruchtete, was bei drei nicht auf dem Baum war, störte mich bei Heten (männern) nur, dass sie danach immer reden wollten… .

    tom

  2. TheGayDissenter sagt:

    Ja, wenn ich über meine früheren Stichproben Aufzeichnungen geführte hätte, könnte ich eine vorzügliche Studie vorlegen. ;)

  3. hephai sagt:

    Wenn ich das hier so lese, sind wir bereit für die Ruheecke im REWE, dort zu sitzen, an die guten, alten Zeiten zu denken und 18 jährigen hinter her zu speicheln

    tom

  4. TheGayDissenter sagt:

    Haha Tom, so ist’s gewiss nicht. Ich würde mal sagen, dass ich heute in der Lage bin, Dutzende 18jährige an mir vorbeiziehen zu lassen, und treffsicher den EINEN herauszufischen, dem es sich hinterher zu speicheln lohnt… ;)

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