Bürgermeisterwahl in London: Farewell Ken

Nun hat er es also nicht mehr geschafft, der rote Ken (Livingston). Knapp, aber eindeutig: Die Londoner haben ihn nicht wiedergewählt. Boris ist jetzt neuer Mayor of London. Und das ist nicht gut so! Gut ist vor allem nicht, dass ‘meine Londoner’ sich von den Medien haben vorschreiben lassen, wen sie zu wählen haben.

10 Kandidaten standen zur Wahl. In den Umfragen der letzten Wochen zeichnete sich ein Kopf an Kopf Rennen ab zwischen Ken Livingston und einer Vogelscheuche namens Boris Johnson. Andere Kandidaten, wie Brian Paddick, der frühere stellvertretende Chef von Scotland Yard, folgten mit großem Abstand.

Kaum zu glauben, aber dieser Boris Johnson von den Tories erfreute sich bei den Medien großer Beliebtheit. Dabei ist sein Wahlprogramm ausgesprochen lächerlich.  Aber nicht anders als in Deutschland sind auch im Königreich Witzfiguren bei den Medien besonders beliebt. Insbesondere wenn sie nur gequirlte Hühnerkacke und nichts Inhaltliches von sich geben. Warum Boris Bürgermeister von London werden wollte, beschreibt er so:

I put myself forward for this job because I have the energy and fresh thinking to turn the tide on our problems with crime, transport, housing and the local environment.

Er hat vielleicht ein paar energy drinks zu viel getrunken, mehr aber auch nicht.

Blicken wir kurz zurück: Ken Livingston war der erste Bürgermeister von London (nicht zu verwechseln mit dem Lord Mayor der City of London), den die Geschichtsschreibung kennt. Bis Mitte der 80iger Jahre gab es ein Verwaltungsgremium, das für einen großen Teil des heutigen Stadtgebiets zuständig war. Livingston saß diesem Gremium vor, war aber nicht Bürgermeister im heutigen Sinne. Die konservative Thatcher-Regierung löste diese Verwaltungsbehörde auf und übernahm selbst die wichtigsten Verwaltungsangelegenheiten der Stadt. Von da an ging es mit London abwärts, und zwar im Sturzflug! London wurde eine der unsichersten Großstädte, der öffentliche Personennahverkehr an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. London wurde zum Schreckgespenst für seine Einwohner. Konservativen Daseinsvorstellungen entsprechend wurden einige wenige Nobelviertel gehegt und gepflegt; hier stiegen die Miet- und Grundstückpreise deutlich an. In weiten Teilen der Stadt jedoch verkam die Infrastruktur. Allein der ungenügend ausgebaute ÖPNV zwang viele Menschen, in der Stadt, und damit in der Nähe ihrer Arbeitsplätze, wohnen zu bleiben und Mieten zu bezahlen, die nicht ansatzweise gerechtfertigt waren.

All diese von den Konservativen herbeigezwungenen Probleme will der konservative Boris also lösen. Jedoch: Er kommt damit 8 Jahr zu spät.

Im Jahr 2000 wurde eine gesamtstädtische Verwaltung (wieder) hergestellt und Ken Livingston zum Bürgermeister gewählt. Seitdem erlebt die Stadt einen unglaublichen Aufschwung. Die Kriminalitätsrate ist drastisch gesunken, es gibt wieder bezahlbaren Wohnung in guten Lagen und der ÖPNV hat, allen Unkenrufen zum trotz, mittlerweile einen guten Standard erreicht. Selbstverständlich sind noch längst nicht alle Probleme gelöst und Ken Livingston ist gewiss nicht der einzige, der diese Probleme lösen könnte. Und Livingston hat sich nicht nur mit Ruhm bekleckert. Seinem konservativen Nachfolger Boris Johnson ist er jedoch haushoch überlegen. Der Politikclown Johnson wird mit London und den Londonern ein Kasperletheater veranstaltet.

Schade, liebe Londoner, dass Ihr Euch und uns das nicht erspart.

Einzelheiten zur Wahl gibt es hier und hier.

10 Antworten zu “Bürgermeisterwahl in London: Farewell Ken”

  1. Adrian sagt:

    Ich könnte nicht glücklicher sein. Gut, dass dieser antisemitische Islamistenkommunist abgewählt wurde.

  2. ondamaris sagt:

    schade, in der tat.
    wobei … liegen die urachen des wahlergebnisses bei livingston, oder nicht eher (auch) bei labour generell, und herrn brown?

  3. TheGayDissenter sagt:

    @ Adrian:

    Na, wir unterhalten uns nochmal, wenn Boris uns seine wahren Absichten und Ansichten offenbart hat.

  4. Adrian sagt:

    Es geht mir nicht darum, dass ich Boris gut finde, sondern dass Ken weg ist. Nur weil ich gegen den einen bin, muss ich nicht für den anderen sein.

  5. TheGayDissenter sagt:

    @ ondamaris:

    Nun, Livingston hat sich in London auch viele Feinde gemacht. Nicht zuletzt durch die Ausweitung der CC (einer Art City-Maut) auf die ‘reichen Wohngebiete’ im letzten Jahr. Ein Rolle spielt sicher auch das Anwachsen des Rechtsextremismus in GB. Immerhin hat die BNP auch den Einzug ins ‘Stadtparlament’ geschafft.

    Wie auch immer: Bis gestern habe ich die Auffassung, dass London die Boomtown des 21. Jhr ist, mitgetragen. Heute nehme ich ein abwartende Haltung ein.

    Brown müsste einfach mehr grinsen. Blair hat fast die gleiche Politik gemacht wie Thatcher, nur er grinste dabei. Brown macht fast die gleiche Politik wie Blair, aber er grinst nicht.

  6. TheGayDissenter sagt:

    @ Adrian:

    Ich räume ja gerne ein, dass Livingston viel Mist gebaut hat (deshalb ja auch der Link auf Euren seinerzeitigen Post), aber er hat London aus einem tiefen ökonomischen Loch geholt. Für einen ‘Kommunisten’ wohl eine bemerkenswerte Leistung.

    Und Du kannst nicht einfach sagen, ‘weg mit ihm’. Du musst auch fragen, was danach kommt!

  7. Adrian sagt:

    Ich habe mich mit den Kandidaten nicht beschäftigt. Mein grundsätzliches Problem bei Wahlen ist allerdings immer das gleiche: Konservative sind mir zu konservativ, Linke zu links und die liberalen Parteien meist zu sozialdemokratisch ;-).
    Aber Ken ist für mich unwählbar - siehe oben - und Ökonomie ist für mich in seinem Fall nebensächlich. Ich will keinen Bürgermeister haben, der Islamisten in den Hintern kriecht, jüdische Journalisten beschimpft und mit linksautoritären Führern wie Chavez schäkert.

  8. Norbert Blech sagt:

    “Gut ist vor allem nicht, dass ‘meine Londoner’ sich von den Medien haben vorschreiben lassen, wen sie zu wählen haben.”

    Das ist eine gewagte These. Sicher war und ist Johnson bei den Medien beliebt: über Idioten und loose canons freuen sich Politik- wie Boulevardredakteure. Das war auch schon so, als der “rote Ken” erstmals in London - gegen Labour - gewann. Es ist bei Johnson aber nirgendwo der Eindruck vermittelt wurden, Johnson hätte so etwas wie Kompetenz. Im Gegenteil wurde (fast stereotyp, aber treffend) das Image des Oberklassentrottels verbeitet, der nix kann (außer Scousers und Ausländer beleidigen), nie großartig was gemacht hat und trotdem nach Eton und an Posten kommt.

    Soetwas hätte im Norden nie eine Chance gehabt (wo sich selbst seriöse Tories schwer tun), den haben sich die Londoner folglich selbst eingebrockt. Und nicht, weil sie gerne einen Chaoten zum Bürgermeister hätten oder Livingstone etwas selbstherrlich geworden ist und sich ein paar kleine Skandälchen leistete, sondern weil vor allem die Engländer deutlich mehr als hier aus Bauchgefühl und Eigennutz wählen. Wobei es für einen Wechsel von Labour zu Tories für viele schon ausreicht, dass der Eindruck entsteht, dass die Wirtschaft leicht erlahmt, Benzinpreise steigen und Hauspreise sinken etc (was übrigens die tatsächlichen Medien-Horrorstories sind) oder die poshen Londoner für ihren Chelsea-Traktor mehr Geld zahlen sollen. Da scheinen sie sich von Johnson (und vor allem seinen Leuten) mehr zu erwarten und sie werden es auch bei David Cameron tun.

  9. TheGayDissenter sagt:

    @ Adrian:

    Deine zweiten Satz kann ich nur unterschreiben!! Ansonsten, auch wenn es schwer fällt an Livingston irgendetwas Positives zu finden, weiß und wusste man, woran man bei ihm war und ist. Aus seinen Ansichten hat er nie einen Hehl gemacht.

    @ Norbert:

    Ja, die These ist gewagt. Ich bin aber im Moment auch ziemlich sauer. Die Vogelscheuche als Bürgermeister, die BNP im London Assembly. Das sind keine guten Nachrichten. Und die Murdoch-Presse hat dem Boris schon ziemlich unter die Arme gegriffen. Natürlich hat Livingston der Presse, die ihm lange Zeit wohlgesonnen war, einiges zu verdanken. Ich habe auch gar kein Problem damit, dass die ‘Labour-über-alles-Zeit’ ein Ende findet. Dass das in eine gegenteilige Übertreibugn ausartet, ist wohl ein typisches Menschheitsphänomen. Gut finde ich übrigens, dass so langsam das dortige ‘Zweiparteiensystem’ aufbricht (wenn da nicht das rechte Pack wäre).

    Schau Dir, wenn Du Zeit und Lust hast, mal die Londoner Wahlergebnisse im einzelnen an (Link oben im Post). Es ist nicht uninteressant, wo Boris und Ken ihre Wähler haben.

  10. ondamaris » Blog Archiv » Ein schwuler Präsident? sagt:

    [...] besonders bemerkenswerte Taten … während London sich fragt, was es denn mit dem da nach Livingston anfangen soll … während Rom sich erstaunt die Augen reibt, dass ein Ex-Faschist [...]

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