Man kann mit vielen und vielem zusammen sein. Jeden morgen bin ich mehr oder weniger gezwungenermaßen mit anderen Menschen in der Bahn zusammen, an meinem Arbeitsplatz bin ich mit anderen Menschen zusammen. Ich wohne mit zwei Katzen und einer unbestimmten Zahl von Fischen zusammen. Ich war schon mehrfach mit anderen Menschen zusammen in einem Fahrstuhl eingeschlossen, ich erlebte vor einigen Wochen mit anderen Bloggern ein sehr angenehmes Zusammensein. Und doch gibt es nur einen Menschen, mit dem ich zusammen bin, mit dem ich unter allen Umständen zusammen sein will.
Was bedeutet es nun, mit jemandem zusammen zu sein?
Nun, es bringt auf jeden Fall den Wunsch nach körperlicher Nähe mit sich. Das bedeutet nicht unbedingt, körperliche Vereinigung. Vielmehr empfinde es einfach als angenehm und wohltuend, wenn ich mit meinem Freund im selben Raum bin, wenn wir uns ansehen können und ich ihn berühren kann. Ihn zu hören und seine Präsenz zu spüren, gibt mir Halt und Sicherheit.
Ich weiß von anderen, dass sie dieses räumliche Zusammensein immer nur Phasenweise ertragen. Sie wollen nicht mit ihrem Freund zusammen wohnen. Begründet wird dieses häufig, mit dem Bewahren von eigenen Freiräumen. Natürlich bringt ein getrenntes Wohnen trotz fester Beziehung Vorteile mit sich. Aber ich mache an jedes dieser Vorteile ein kleines Fragezeichen. Gewiß ist es schön, wenn ich meine Wohnung so gestalten kann, wie ich will. Aber ist nicht eine gemeinsam gestaltete Wohnung mindestens genau so schön? In getrennten Wohnungen kann man weniger kontrolliert werden. Aber ist das, was Vordergründig als Kontrolle empfunden wird, nicht in Wirklichkeit der Wunsch, am Leben des Anderen teilhaben zu wollen?
Getrennte Wohnungen erlauben eine sexuelle Freizügigkeit, die durch ein gemeinsames Schlafzimmer (Spielzimmer) sehr beschränkt würde. Aber was ist denn sexuelle Freizügigkeit? Dahinter verbirgt sich doch oft nur der Wunsch, ungestört sexuelle Wünsche ausleben zu können, die der Freund nicht erfüllen kann oder will. Häufig taucht in diesem Zusammenhang auch die Bezeichnung ‘offene Beziehung’ auf – offen in sexueller Hinsicht. Ich kann mit dieser Begriffsbildung nicht viel anfangen. Verhindert ein Zusammenleben in einer gemeinsamen Wohnung das Ausleben sexueller Wünsche? Ich bin vielmehr der Ansicht, dass es in einer guten und stabilen Beziehung möglich sein muss, über seine sexuellen Wünsche genau so zu sprechen, wie über Urlaubswünsche. Ob man dann seine in der Beziehung unbefriedigt bleibenden Sexvorstellungen mit anderen verwirklicht, ist eine Frage der Rücksichtnahme auf den Freund. Gerade wenn es um Sex außerhalb der Beziehung geht, kommt sehr oft Eifersucht mit ins Spiel. Eifersucht ist zunächst einmal nichts Schlimmes, spornt sie doch immer wieder dazu an, über das eigene Verhalten und darüber, was man selbst in der Beziehung besser machen kann, nachzudenken. Sobald aber die Eifersucht dazuführt, den anderen mit Verboten zu belegen, verwandelt sie das Zusammensein in ein Gefängnis, aus dem der andere erst recht versuchen wird auszubrechen. Deshalb sollte man in einer Beziehung soviel Rücksicht wie möglich aufeinander nehmen, aber auch so viele Freiräume wie möglich gewähren. Dafür gibt es keine feststehende Formel, es hängt von den Mentalitäten und Lebenseinstellung der Beteiligten und gewiss auch von dem ‘Alter’ der Beziehung ab. Ich glaube auch nicht, dass sich in einem klärenden Gespräch festlegen lässt, wer wann und wie oft mit wem was machen darf. Mit jemandem zusammen sein heißt vielmehr, den anderen kennen zu lernen. Nach und nach – ein Leben lang. Jemanden zu lieben heißt, dessen Bedürfnisse, die sich durchaus im Laufe der Zeit verändern können, kennen zu lernen und mit den eigenen Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Wer mit einer ‘Du darfst niemals nie’- Forderung ins Rennen geht, wird genau so verlieren, wie derjenige, der glaubt, alles zu dürfen.
Zusammen zu wohnen, in räumlicher Nähe zusammen zu sein, ist aber keine Voraussetzungen für das Zusammensein. Auch über große Entfernungen lassen sich Beziehungen leben. Sicher ist es schwierig, die fehlende (Möglichkeit der) körperliche Nähe auszugleichen und es gehört sicher einiges mehr an Vertrauen und Selbstvertrauen dazu, ein mentales Zusammensein aufzubauen und zu leben. Aber der Platz, den man einem geliebten Menschen im eigenen Inneren einräumt, ist vielleicht wichtiger, als der Platz in der Wohnung. Deshalb funktionieren auch Fernbeziehungen. Jedenfalls dann, wenn Vertrauen und Sehnsucht nicht durch Misstrauen und Eifersucht verdrängt werden. Sicher hilft es, wenn man sich davon leiten lässt, dass es wichtiger ist, zu wissen was der andere tut, als dem anderen vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat. Gerade dann, wenn die räumliche Trennung es nicht erlaubt, sexuelle Bedürfnisse miteinander zu erfüllen, sollte man sich darüber im klaren sein, dass diese Bedürfnisse vorhanden sind und nach Befriedigung verlangen. Zu glauben, dies könnte aus der Ferne überwacht und kontrolliert werden, wird sich als Irrtum erweisen. Und wer immer nur in Sorge ist, ob der Freund mit einem anderen ins Bett geht, sollte sich fragen, wie viel eine Beziehung wert ist, in der das sexuelle Ausschließlichkeitsbedürfnis so stark ist, vielleicht sogar bestimmend ist. Sex allein trägt keine Beziehung!
Und das führt zu der Frage, ob Sex überhaupt Bestandteil einer Beziehung sein muss. Ich definiere eine Beziehung eher über das Zusammensein im Sinne eines immer neuen Zusammenfindens. Dabei kann Sex sehr hilfreich sein; Sex kann aber auch stören. Wenn die sexuellen Vorstellungen und Wünsche zu unterschiedlich sind, könnte der Sex, vielleicht sogar erzwungener Sex, zu einer Belastung für die Beziehung werden. Warum dann nicht den Sex ‘auslagern’ und den intakten Teil der Beziehung bewahren und ausbauen? Oder, wie ist es, wenn es durch Alter oder Krankheit nicht mehr klappt mit dem Sex. Ist die Beziehung dann nichts mehr wert? Wenn diese Frage mit ‘ja’ zu beantworten ist, war die Beziehung nie etwas wert. Und wenn Mann irgendwann aufhört, in der Beziehung Sex zu haben, so stellt sich die Frage, ob eine Beziehung nicht auch von Anfang an ohne Sex aufgebaut werden kann. Ich würde diese Frage bejahen. Guter Sex ist wichtig - so oft und so lange es geht. Aber ein gutes Zusammensein ist um ein vielfaches wichtiger!
Zum Schluss noch ein Gedanke daran, ob dieses Zusammensein sich immer nur zwischen zwei Personen abspielen kann. Dass es mindestens zwei Menschen sein müssen, liegt auf der Hand, obwohl ich manchmal den Eindruck habe, dass es auch Menschen gibt, die mit sich selbst zusammen sind. Kann Mann mit zwei, drei oder mehr anderen Menschen zusammen sein?
Für mich selbst in meiner gegenwärtigen Lebenssituation beantworte ich die Frage mit ‘nein’. Es hängt mit der Art der Beziehung zu meinem Freund zusammen, für deren Beschreibung angemessene Worte schwierig zu finden sind. Eine ins Einzelne gehende Analyse könnte die Bezüge innerhalb dieser Beziehung und die Abfolge bestimmter Entwicklungen aufzeigen. Das Wesentliche bliebe in einer solchen Analyse allerdings eher verdunkelt: Die ungeheure Kraft und Liebe, mit der unsere Beziehung Tag für Tag ihren Weg geht und immer wieder Erstaunliches und doch unmittelbar Überzeugendes bringt.
Ich sehe in dieser Beziehung keinen Platz für eine weitere Person, keine Möglichkeit, mit einem Dritten zu teilen.
Ich kann mir aber gut vorstellen, dass solche Mehrfachbeziehungen funktionieren. Mangels eigener Erfahrungen und nur unvollkommener Einsichten verweise auf die Schilderungen von GAY BANKER, der in lockerer Art und Weise schildert, wie sich die Zahl seiner Boyfriends auf mittlerweile drei erhöht hat (P, S und R). Er nennt sein Privatleben “complicated” und ich habe durchaus eine ganze Weile gebraucht, um zu durchschauen, wie das alles zusammen hängt. Ob diese Zusammenhänge aber auch ein ‘Zusammensein’ in meinem Sinne sind, wage ich zu beweifeln.
15/04/2008 um 6:29 |
No human relationship is simple. even in a monogamous relationship each partner needs friends of their own to share certain activities and interests with that the other partner isn’t all that keen on.
15/04/2008 um 11:12 |
@ Lars:
You’re damn right!
16/04/2008 um 7:10 |
sehr schön nachgedacht. so auf dei schnelle habe ich dem nichts zuzufügen, wenn ich auch ein zwei ansätze sehe. zuende gedacht könnte sie als bestätigung als auch zu fortgeführten denkansätzen führen. ich denke ich schaue noch mal vorbei – in ruhe und nicht so zwischen tür und angel.
22/04/2008 um 10:22 |
sehr schöne gedanken, mit denen ich sehr viel anfangen kann.
besonders “der Platz, den man einem geliebten Menschen im eigenen Inneren einräumt” …
meine gedanken dazu hab ich ja teilweise schon im blog formuliert und mochte öffentlich derzeit nicht wesentlich mehr dazu sagen.
allerdings – eines gehört -vielleicht seltsam klingend- für meinen mann und mich (neben dem stillen, nicht gesprochenen einverständnis) auch zum zusammensein: das gemeinsam schweigen können. gemeinsam in einem raum sein, lesen, denken, musik hören, dösen … gemeinsam ruhe. ich habe oft erlebt, dass menschen nicht gemeinsam schwiegen können, dies als unangenehm empfinden – und genieße es, auch das mit ihm zu können
04/05/2008 um 11:13 |
[...] auf ein sehr lesenswertes Post von TheGayDissenter, das gut zum Thema dieses Posts passt: “Zusammen sein“ Bookmarken Diese Icons verzweigen auf soziale Netzwerke bei denen Nutzer neue Inhalte [...]