Wie soll ich meinen Freund nennen? Ich meine nicht seinen bürgerlichen Namen, der in seinem Personalausweis steht, und auch nicht Kurzformen dieses Namens oder irgendwelche Kosenamen. Ich meine eine Bezeichnung, die die Art unserer Beziehung ausdrückt. Ein Begriff, mit dem ich ihn anderen vorstellen und die Art unserer Beziehung begreiflich machen kann. Welcher Art diese Beziehung ist, habe ich hier schon beschrieben und dabei die Bezeichnung ‘mein Freund’ verwendet. Nun höre ich aber von anderen, die in ähnlicher Weise mit jemandem zusammen sind, häufig die Formulierung ‘mein Mann’. Damit kann ich nicht viel anfangen, denn ‘mein Mann’ drückt durch das Possesivpronomen ‘mein’ aus , dass eine Person männlichen Geschlechts mir gehört. Mein Freund gehört mir aber nicht. Zwar findet sich auch in ‘mein Freund’ das besitzanzeigende Fürwort ‘mein’, jedoch ist die Bezugsrichtung eine andere. Mit ‘mein Freund’ bezeichne ich denjenigen Menschen, dem meine Freundschaft gehört, ohne dass er mir gehört. Das ist etwas völlig anderes, als in dem ‘mein Mann’ steckt.
Nun ist Wort ‘Freund’ sehr verbraucht. Es wird für mehr oder weniger viele Menschen, die man kennt, gebraucht. Manchmal sogar in einer ironischen Verkehrung, manchmal in Wortkombinationen, wie ‘Internetfreundschaft’, ‘Schulfreund’, oä. Zwar gibt es zwischen den verschiedenen Freundschaften Abstufungen, die aber nicht immer klar zu erkennen, herauszuhören oder herauszulesen sind. Wenn ich meinen Freund jemanden als ‘meinen Freund ’ vorstelle, ist nicht ohne weiteres klar, ob es sich bei der Beziehung zwischen mir und meinem Freund um eine innige feste Freundschaft oder nur eine gute Bekanntschaft handelt. Es wird nicht klar, ob er der ‘eine Freund’ ist, oder ob er einer von vielen ist. Im Englischen gibt es die hilfreiche Unterscheidung zwischen ‘Boyfriend’ (respektive ’Girlfriend’), mit der eine Liebesbeziehung beschrieben wird, und dem Wort ‘Friend’, das bei alltäglichen Freundschaften verwendet wird.
Andere Begriffe wie ‘Lebensparter’ (oder gar ‘eingetragener Lebenspartner’ – so weit ist es aber auch noch nicht), ’Lebens(abschnitts)gefährte’ oder ‘Gatte’ sind viel zu umständlich oder erscheinen mir veraltert. Die auch zu hörende Bezeichnung ‘Partner’ ist mir zu unverbindlich; da kann sich alles mögliche hinter verbergen (Geschäftspartner, Geschlechtspartner, Tennispartner).
Ich werde, so lange mir nichts Besseres einfällt, weiterhin auf die Bezeichnung ‘mein Freund’ zurückgreifen. Dem uninteressierten Zuhörer ist es egal und der neugierige Zuhörer mag dann ruhig darüber rätseln, ob ich damit auf eine (nicht) schwule Freundschaft, ein Fickverhältnis oder eine Liebesbeziehung hindeuten will. Der interessierte Zuhörer jedoch wird schnell herausfinden, worum es geht.
12/04/2008 um 6:39 |
Das ist wirklich eine interessante Überlegung. “Lebensgefährter”, oder gar “Lebensabschnittsgefährter” klingt für mich z. B. viel zu neutral, zu gefühlsarm und zu leidenschaftslos. So würde ich allenfalls meinen Noch-Ehepartner nennen. “Freund” ist zwar manchmal irreführend, drückt aber (zumindest in meinem Bekanntenkreis) immer noch Nähe, Verbundenheit und Zuneigung zur jeweiligen Person aus. In einem Gespräch könnte man ja eingangs etwas eindeutigere und durchaus originelle Formulierungen gebrauchen (”meine zweite Hälfte”, ..), damit von vornherein klar ist, dass es sich nicht um irgendeinen, sondern um DEN Freund handelt. Es gibt aber definitiv zu wenige treffende Bezeichnungen für diese eine Person.
12/04/2008 um 7:10 |
Ich glaube, dass ist im Deutschen doch eindeutiger als du schreibst: “Das ist mein Freund.” verweist auf eine Liebesbeziehung/Partnerschaft. Anderenfalls würde man “ein Freund von mir”, “ein guter Freund” sagen.
12/04/2008 um 9:16 |
Wenn es denn so ist halte ich es genauso wie Du und sehe das auch so. Worte wie “Lebensabschnittsgefährte” habe auch immer etwas von Mindesthaltbarkeitsdatum, wo von vornherein klar ist wann das Ende kommt, furchtbar dann lasse ich es doch lieber gleich sein. Mit der Bezeichnung “mein Mann” kann ich auch nicht soviel anfangen. Du hast recht, es ist schade das es im Deutschen kein Äquivalent zu “Boyfriend” gibt. Wenn ich in einer Partnerschaft bin, verwende ich auch gerne ein beschreibendes Kosewort, was auch als Kompliment gegenüber der Person in den Ohren der anderen verstanden werden kann. Das variiert natürlich bzw. hängt stark von der jeweiligen Person ab (also eher weniger diese “allgemeinen” Koseworte wie Schatz, Liebling, Liebes etc.), ich bin da etwas kreativer.
12/04/2008 um 10:18 |
Hi,
ich habe zwar Schwierigkeiten mit Possesivpronomen, aber “mein” Mann ist besitzanzeigend und das stimmt doch irgendwie schon. Und nicht ohne einen
gewissen Stolz finde ich es toll, wenn meine Kollegen nach meinen Mann fragen.
hp.
13/04/2008 um 2:45 |
Ich sage immer mein Partner. Es ist ja auch nicht das Besten aber die die uns kennen wissen wohl das es geht um eine enge Beziehung und die die uns nicht kennen müssen auch nicht Alles über uns so schnell erfahren.
13/04/2008 um 4:51 |
@ Michael:
“Meine zweite Hälfte” animiert micht dazu, ein Thema in den nächsten Tagen aufzugreifen, dass ich schon einige Zeit vor mit herschiebe: Was ist, wenn es mehr als nur Hälften, also Drittel, Viertel usw gibt?
@ maha:
Das stimmt schon, aber oft wird nicht so genau zugehört. Und viele nicht schwule Menschen haben ein Problem damit, schwule Lebenverhältnisse passen zu beschreiben. Ich erinnere mich noch gut an den damaligen Vermieter unserer Wohnung im südwestlichen Münsterland. Der brachte es nicht über sich, meinen Freund als ‘ihr Freund’ zu bezeichnen; er wandte sich immer um kam dann mit ‘ihr Mitbewohner’, ‘ihr Kollege’, ‘ihr Bekannter’.
@ Magic M.:
Allerdings können gerade Koseworte ausserhalb des vertrauten Rahmen ziemlich missvestanden werden.
@ hephai:
Wenn das im Umfeld so aktzeptiert wird, ist dass doch prima. Ich mag meinen Freund aber dennoch nicht ‘mein Mann’ nennen… o)
@ lars:
Im Amiland ist die Bezeichnung ‘Partner’ wohl auch verbreiteter als hier.
22/04/2008 um 10:35 |
da ich einige (wenige) menschen habe, die mir sehr nahe stehen, und die ich als freunde bezeichne, ist mein man – mein mann
)
)
wir beide sind uns dabei einig, dass da kein besitzanspruch im pronomen steckt … und außerdem: es ist einfach immer wieder amusant, reaktionen zu erleben, wenn ich zb irgendwo sage “moment, ich will eben erst meinen mann fragen”
15/07/2008 um 9:46 |
Lieber Nicht-Zustimmer!
Über die Frage, wie ich “meinen Mann” offiziell nenne, habe ich auch lange nachgedacht und bin dann zu einem schmerzlosen Schluss gekommen: Es ist und bleibt “mein Mann”, und einmal mehr, seit wir uns im vergangenen November verpartnern ließen (ein grässliches Wort, aber so lange die Differenz zur Ehe besteht, ist es notwendig, um den Heten gegenüber immer wieder die Differenz und die Ungleichheit klar zu stellen).
Wir sind uns darüber einig, dass wir uns nicht “besitzen”, sondern uns auch weiterhin unsere gemeinsame Lebenszeit “schenken” (ein besserer Begriff fällt mir gerade nicht ein und das trifft es eigentlich ganz gut …). Ich kann Dein “Problem” mit dem possesiven Aspekt verstehen. Doch gerade vor dem Hintergrund der auch von Dir angestoßenen Diskussion darüber, ob Schwulsein “normal” oder “nicht normal” ist, kommt für mich in der Formulierung “mein Mann” ein Aspekt zum Tragen, der das Private zum Politischen macht .
“Normalität” im Sinne der von uns gewünschten menschlichen Gleichberechtigung und Gleichbehandlung kann nur mit dem stetigen höhlen des Steins entstehen. Dazu zählt für mich auch, dass für Heterosexuelle durch den Ausdruck “mein Mann” immer wieder ihr eigenes Rollenbild in Frage steht .
Vergangenes Wochenende erst haben wir meinen Schwiegervater in der Reha besucht und durch einen Zufall saß dort eine Bekannte der Schwiegereltern am Tisch. Was ist geschehen? Sie brachten es auch nach mittlerweile fast elf Jahren nicht fertig, mich als ihren Schwiegersohn vor zustellen, sondern bezeichneten mich als “einen Freund” …
Im familiären Privatleben werde ich schon mal als “Compagnon” bezeichnet, wenn es um unser Zusammenleben geht, ist es immer nur das “dass Ihr halt “SO” lebt!”. Als weiterer Sohn wäre ich schon von der Physiognomie nicht durchgegangen … Ich habe “natürlich” “aus Respekt” vor dem momentanen Umfeld meines Schwiegervaters (über achtzig mit teilweise entsprechenden Einsrtellungen) nicht darauf bestanden, das richtig zu stellen – mann weiß ja auch, wann es wichtig ist und wann nicht … (trotzdem war es eigentlich eine wiederholte Kränkung, die mir aus Scham davor zugefügt wurde, dass die Enthüllung ihn in seinem momentanen Umfeld dupieren könnten …)
Natürlich hat die Bekannte genau hingesehen, unsere Ringe bemerkt, “wissend” mit dem Auge gezuckt und uns bei der Verabschiedung auch alles Gute für unser Privatleben gewünscht (wir haben uns auch nicht verstellt) – aber genau dort beginnt die Front (Du wirst es mit Sicherheit nicht zu militärisch verstehen …)
Herzliche Grüße ins Rheinland =)
15/07/2008 um 10:26 |
@ Markus:
Vielen Dank für die Grüße!
Ich bin froh, dass Du das Wort ‘Problem’ in Anführungsstriche gesetzt hast, denn ich bin weit entfernt, die Sache dogmatisch zu betrachten.
Im engeren familiären Kreis habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Und ich ertrage es geduldig, aus Rücksichtnahme auf das fortgeschrittene Alter und den Gesundheitszustand meiner Eltern.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade die älteren und ältesten Mitglieder der Familie und des Bekanntenkreises meiner Eltern, die geringsten Berühungsängste haben – auch im sprachlichen Bereich.
Meine Schwiegereltern ‘in Spe’ umgehen die ‘Schwierigkeit’ indem sie mich nur mit Namen vorstellen, ohne auf die Beziehungen zwischen mir und meinem Freund einzugehen.
Sehr wichtig ist es, immer wieder deutlich zu machen, dass die schwule Lebensverpartnerung eben keine Ehe, auch keine Homo-Ehe ist, sondern etwas Anderes, nicht Gleichgestelltes. Ich empfinde es immer als sehr befremdlich, wenn schwule Menschen die Unterschiede negieren und so tun, als sei alles in bester Ordnung.
Herzliche Grüße,
Stefan