Sich selbst verlieren

Vor ein paar Tagen hat Inge Jens über ihr Leben mit ihrem demenzkranken Ehemann Walter Jens berichtet. Ich finde in dem Interview Gedanken, die mir nicht fremd sind.

Auch in seinen letzten Gesprächen hat er beklagt, Tiere würde man einschläfern, Menschen nicht: “Aber den Zeitpunkt”, so Inge Jens im stern, “seinem Leben ein Ende zu machen, den hat er im wahrsten Sinne des Wortes verpasst.”

Alterdemenz – eines von vielen Problemen, die das Alter mit sich bringen kann. Aber wie ist es denn nun mit dem Älterwerden? Wir werden uns nicht entziehen können. Wenn nichts dazwischen kommt, werden wir alt. Altersdemenz und andere schwerwiegende Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit bleiben uns hoffentlich erspart. Gegen mehr oder weniger ausgeprägte Hemmnisse in der körperlichen Beweglichkeit werden wir uns aber nicht schützen können. Sicher, es gibt Menschen, die bis ins hohe Alter hinein für sich selbst sorgen können, die keinerlei Pflege und Hilfe bedürften. Aber niemand sollte sich darauf verlassen, zu diesen ‘Glücksfällen’ zu gehören. Was bringt uns also die Zukunft, die ganz persönliche Zukunft?

Unterscheidet sich das Älterwerden schwuler Menschen von dem nicht schwuler Menschen? Mann mag darüber trefflich streiten. Und je nach dem wie sehr sich das Leben eines schwulen Menschen in jüngeren Jahren von dem nicht schwuler Menschen unterscheidet, wird man einen Gedanken an das Älterwerden unter dem Gesichtspunkt des Schwulseins verschwenden oder nicht.

Das Interview im Stern ist für mich jedenfalls ein Grund, einmal mehr über das Älterwerden nachzudenken; auch darüber nachzudenken, wie sich mein Schwulsein im Alter darstellen wird – wie ich damit umgehen werde und wie meine Umwelt damit umgehen wird. Gegenwärtig macht es mir nichts aus, darüber zu diskutieren, was Schwulsein, auch fernab der sexuellen Komponente, bedeutet. Ich kann mich gut verteidigen. Ich kann mit Diskriminierungen und Anfeindungen umgehen. Aber wie sieht das in zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren aus. Werde ich dann die Kraft haben, meinen Weg zu gehen. Wie werde ich, vielleicht in einem Pflegeheim weggeschlossen, mit eventuellen Pöbeleien meines nicht schwulen Zimmergenossen oder anderer Mitbewohner oder des Pflegepersonals umgehen? Vielleicht benötige ich mobile Betreuung. Wer betreut mich dann und bekomme ich eine Betreuung, die auf meine Bedürfnisse, die sich vielleicht von der Standardnachfrage unterscheiden, ausgerichtet ist?

Vielleicht will ich, wenn ich alt bin (oder mich alt fühle) einfach nur meine Ruhe haben. Wenn ich erschöpft und die ewigen Debatten und Erläuterungen leid bin, möchte ich an einem Ort sein, an dem mir keine dummen Fragen gestellt und überflüssige Bemerkungen gemacht werden. Ich möchte mich nicht im Alter selbst verlieren müssen.

In Nordrhein-Westfalen haben sich ein paar Menschen zusammen gefunden und die Stiftungsinitiative ARCUS gegründet. Diese Initiative will eine Stiftung ins Leben rufen, die sich um schwule Menschen in besonderen Lebenssituationen kümmert. Es geht nicht nur um alte Menschen, denn jedes Lebensalter hat seine Besonderheiten. Jedoch sind es gerade junge Menschen, in der Zeit des Sichselbstfindens, und alte Menschen, die mit ihrer möglicherweise diskriminierenden Umwelt weniger gut zurecht kommen. Hier setzt die Stiftungsinitiave an. Im Satzungsentwurf der Stiftung heiß es

Zwecke der Stiftung sind [...] die Initiierung, Durchführung und Förderung von Projekten aus dem Bereich der schwul-lesbischen Selbsthilfe, sofern diese Projekte als besonders förderungswürdig oder als mildtätig anerkannt sind und es sich dabei um Projekte in den Bereichen Jugendhilfe, Altenhilfe, Gesundheitsförderung, Wohlfahrtswesen, Sport, Bildung und Erziehung sowie Kunst und Kultur handelt [...]

Die Stiftung selbst soll, sobald genug Stiftungskapital gesammelt wurde, voraussichtlich im kommenden Jahr gegründet werden. Träger der Stiftungsgründungsinitiative ist der gemeinnützige Förderverein Schwule und Lesbische Selbsthilfe NRW e.V. Dieser Verein sammelt auch das Stiftungskapital ein. Weitere Informationen gibt es hier.

Der ein und andere mag nun denken, dass es hier nur wieder um Ghettobildung geht. Dieser Gedanke würde aber zu kurz greifen. Ist nicht das Leben alter Menschen in Deutschland per se mit einer Ghettorisierung verbunden? Und flüchten nicht viele ältere Schwule in ihr ganz persönliches mentales Ghetto? Sie verschließen sich und verbergen ihre Empfindungen. Am Älterwerden können wir nichts ändern. Aber wir können etwas dafür tun, in Würde altern zu dürfen, ohne uns von staatlichen oder kirchlichen Stellen vorschreiben und aufzwingen zu lassen, was ‘Würde’ bedeutet.

3 Antworten zu “Sich selbst verlieren”

  1. ondamaris sagt:

    das interview mit der geschätzten inge jens hat auch mich sehr bewegt (aufbewahrt für den bücherschrank).
    und es hat mich einmal mehr darin bestärkt, mich darum zu bemühen, meine / unsere eigene kleine “familie” aufzubauen (zu versuchen), einige wenige menschen, die mir und meinem mann angenehm sind, die gegenseitig für einander da sind … auch wenn das leben seine weniger angenehmen seiten zeigt.
    die arcus-stiftung mag ein guter und sinnvoller schritt sein. mir ist es wichtig, auch einen eigenen weg zu gehen, meine / unsere eigene freiwillige “familie” zu haben

  2. TheGayDissenter sagt:

    Der Wohnturm…

  3. ondamaris sagt:

    ja, auch das ist eine facette des ‘wohnturms’ …

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