Die Macht des Organisten

„Als Theologe kann ich gut und gerne auf jedwede Musik in der Liturgie verzichten, da diese die Worte nur verzerren und entstellen. Demnach haben auch Kirchenmusiker in der Kirche der heutigen Zeit keine Daseinsberechtigung mehr und somit sind auch alle Musikinstrumente in der Kirche überflüssig und daher entbehrlich.”[1]

Der Mann irrt. Er verkennt die fatale vernebelnde Wirkung von Glockengeläut, Orgelmusik und Weihrauch. Würden die Menschen auf die Worte hören, die in den Kirchen gesprochen werden, wären die Kirchen schon längst leer. Die Menschen müssen in einen spirituellen (Rausch-)Zustand versetzt werden, damit sie die Worte nicht richtig deuten. Und dabei spielen die Organisten eine wichtige Rolle.

Hierzulande gibt es in fast jeder katholischen oder evangelischen Kirche (noch) eine Pfeifenorgel. Mal in guter, mal in schlechter Qualität ausgeführt. Mal gut erhalten, mal ziemlich heruntergekommen. Bedient werdend die Instrumente durch Organisten oder Organistinnen. Auch diese mal von guter, mal von schlechter Qualität, und manchmal so unfähig, dass dem Zuhörer klar wird, was der Ausdruck ‘die Orgel schlagen’ bedeutet.

Die Gottesdienste laufen nach einem je nach Konfession, Art der Veranstaltung und Kirchenjahreszeit festgelegten Ritus ab. Überraschungen sind nicht zu erwarten. Lediglich zwei Personen haben nennenswerten Einfluss auf das Gelingen oder Misslingen des Gottesdienstes. Der Priester/die Priesterin und der Organist/die Organistin.

Ein Einfluss des Organisten/der Organistin ist nicht zu unterschätzen. Wenn seine technischen und künstlerischen Fähigkeiten, die klangliche Qualität der Orgel und die akustischen Verhältnisse des Kirchenraums es erlauben, kann er die Veranstaltung in die eine wie die andere Richtung ‘kippen’ lassen.

Nehmen wir als Beispiel einen guten Organisten der seinen Dienst an einer wohlklingenden und wohldisponierten Orgel in einen Kirchenraum mit brauchbarer Akustik (Nachhall nicht zu kurz und nicht zu lang) versieht. Wenn er will, ekelt er die Leute aus der Kirche. Der Priester/die Priesterin kann sich noch so bemühen, noch so eloquent und geistvoll predigen. Wenn es dem Organisten nicht passt, spielt er die Kirchenlieder und Choräle in unangemessenen Tempi (im Seniorengottesdienst zu schnell, im Familiengottesdienst zu langsam) und mit unangebrachter Registrierung (an Festtagen vielleicht nur ein dezenter Flötenchor, in wenig besuchten Gottesdiensten mit kräftiger Zungenregistrierung). Für die Pre-, Inter- und Postludien sucht er trockene Werke aus, die er ‘akademisch’ spielt.

Er kann aber auch anders. Da mag der Priester/die Priesterin der/die schlechteste Redner/in weit und breit sein. Er/Sie mag den größten Blödsinn erzählen, der Organist kann den Gottesdienst retten. Wenn er will. Er greift in sein Schatzkästchen und holt die fantastischen Werke von Widor, Vierne, BoëlmannFranck und anderen heraus. Die Gemeindegesänge werden nicht nur einfach begleitet, sondern mit einer Vorführung der Orgelregister verbunden. Notfalls kann der Organist auch die Predigt des Predigers/der Predigerin durch einen ‘faktischen Eingriff’ auf ein erträgliches Maß verkürzen. Je nach Publikum bietet sich das Spielen von Märschen an. Oder ein schönes Stück im 3/4-Takt. Auch kann der Organist demonstrieren, dass er und sein Instrument nicht nur für ‘alte Musik’ gut sind. ‘Go West’ oder ‘New York City Boy’ (als französisch-romantische Tokkata durchgeführt) von den Pet Shop Boys oder ‘We are the Champions’ von Queen zum Beispiel lassen sich hervorragend auf einer Pfeifenorgel darstellen. Die anschließende Diskussion mit der Geistlichkeit erfordert allerdings ein dickes Fell.

Aus der Veranstaltung anlässlich einer Beerdigung kann ein Organist einen Trauer-Gottesdienst oder eine Trauerfeier machen. Und auch bei Hochzeiten bestehen Spielräume. Wichtig ist, den Wünschen der Brautleute nach allzu modernen Gesängen zu widerstehen. Da singt nämlich niemand mit. Die Gesangshoffnungen ruhen in der Regel auf älteren Familienmitgliedern und diese können besser mit altüberkommenen kirchlichen Schlagern umgehen. Manchmal bietet es sich an, auf Gesänge ganz zu verzichten und allein auf die Fähigkeiten des Organisten als Instrumentalsolisten zu vertrauen. Anfangs- Mittel- und Schlusssatz aus Widor’s 6. Symphonie dürften beispielweise die Trauung zu einem unvergesslichen Erlebnis machen. Unvergessen, selbst wenn die Ehe schon längst Vergangenheit ist.

Manche Brautleute wünschen sich Kitschiges vom Organisten. ‘Ein schöner Tag’, früher mal von Diebel’s zu Werbezwecken gebraucht, ‘Lady in Red’ oder ‘Du gehörst zu mir’, tauchen da schon mal auf der Wunschliste auf. Das ist immer noch besser als ein einschläferndes ‘Ave Maria’ von Schubert oder Bach/Gounod. Ich empfehle jedoch ‘The Final Countdown’ von Europe – die Älteren werden sich noch erinnern. Das macht die Sache viel ultimativer.

Nun gibt es erfreulicherweise auch Gemeinden, in den zwei Jungs oder zwei Mädels ihren Bund für’s Leben besiegeln können. Nun könnte man als Organist dem damit oftmals verbundenen Wunsch nach Normalität dadurch entsprechen, dass auch das für Eheschließungen übliche Programm abgespielt wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass Werke eines homosexuellen Komponisten dabei sind, ist übrigens hoch. Oder aber der Organist sucht etwas Besonderes aus. Vielleicht ‘It’s a Sin’ von den Pet Shop Boys, eine Improvisation über die Töne G und Ais oder über G, A und E. Oder wenn es etwas ganz Herausragendes sein soll, bietet sich die Symphonie No 10 ‘romane’ von Charles-Marie Widor an.

Alles in allem, der Organist kann viel zum Erlebniswert der Veranstaltung beitragen. Egal welche Werke: Lustlos, müde und trocken gespielt, in die eine Richtung. Lebhaft, engagiert, (in Maßen) emotional, begeister(n)t, in die andere Richtung.

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[1]Zitiert nach Wolfgang Seifen, Die Stellung der Pfeifenorgel in der römischen Liturgie – Gedanken eines Kirchenmusikers, 1994[back]

2 Antworten zu “Die Macht des Organisten”

  1. ondamaris sagt:

    ach … hätte sich ein freundlicher organist gefunden, der zu unserer verpartnerung “it’s a sin” (ohhh … ein psb-fan …) gespielt hätte, und das vielleicht noch in einer ansehnlichen räumlichkeit – ich glaube die zeremonie hätte unter diesen umständen auch in einer kirche stattfinden dürfen ;-) )

  2. "arno" sagt:

    bist du organist?
    morgen bin ich wieder an einer domorgel in der bundeshauptstadt!! ha- bin stolz wie oskar.
    aber da wird nur vernünftiges gespielt, ned son quatsch!!

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