In den letzten Tagen gab’s hier zu Hause etwas dicke Luft. Mein Freund jammerte den ganzen Tag, seufzte, atmete schwer, schimpfte und nörgelte an allem herum. Mir ging das ziemlich auf die Nerven. Abends mochte ich es nicht mehr hören und fauchte ihn an, dass dieses Gejammere bei ihm schon chronisch sei. Es war nicht klug, überhaupt etwas zu sagen; spätestens am nächsten morgen wäre er wieder besser gelaunt gewesen. Vielleicht wäre auch etwas Ablenkungs- und Entspannungssex ganz hilfereich gewesen. Noch viel weniger Klug war die Art und Weise, in der ich meinen Unmut formulierte. Aber es war noch nicht wirklich schlimm. Mein Freund lachte nur und meinte, ich solle mal überlegen, was bei mir alles chronisch sei. Er hatte es nicht böse gemeint, aber ich habe es in den falschen Hals bekommen. Schlimm war, dass ich mich gleich beleidigt fühlte, eingeschnappt war und erstmal nicht mehr mit ihm gesprochen habe.
Wie ein kleines Kind oder wie alte Eheleute habe ich mich aufgeführt. Es war dumm, einfach nur dumm. Nun bleibe ich nicht sehr lange eingeschnappt; spätestens wenn wir im Bett liegen, krabbele ich doch wieder zu ihm herüber. Manchmal, wenn der Grad der Dummheit sehr groß ist und ich ein ganz besonders schlechtes Gewissen habe, warte ich, bis er eingeschlafen ist. Wenn er dann wach wird und mich streichelt, weiß ich, dass alles wieder gut ist. Nun habe ich tatsächlich darüber nachgedacht, was bei mir alles chronisch ist. Und wenn ich alles aufschreiben wollte, ergäbe das eine lange Liste. Wichtig ist aber nur ein Punkt auf der Liste: Ich bin chronisch in meinen Freund verliebt. Unheilbar, nicht behandelbar.
Und doch kommt es immer wieder zu diesen dummen Beziehungsstörungen. Sie halten nicht lange an, manchmal helfen sie sogar, aber meistens sind sie überflüssig. Wie lässt sich dieser Beziehungsstress vermeiden? Immer ‘ja’ sagen, immer mit allem einverstanden sein, nie etwas ‘beanstanden’?
Ramon Johnson, dessen Posts, obgleich meistens recht oberflächlich, ich gerne lese, fragt in einem Interview seinen Gesprächspartner, wie der es geschafft habe, 13 Jahre mit seinem Lebensgefährten zusammen zu sein:
What’s your 13-year secret?
Die Antwort:
Two words: “Yes dear.”
Nur zwei Worte!
Damit ist nicht gemeint, zu allem ‘Ja’ und ‘Amen’ zu sagen, damit ist nicht gemeint, allen Meinungsverschiedenheiten aus dem Weg zu gehen. Gemeint ist vielmehr, aus einer Mücke keinen Elefanten zu machen, nicht jede Nichtigkeit unendlich lange auszudiskutieren, nicht immer Recht haben zu wollen. Nachgeben; nicht um des lieben Friedens willen, sondern um des gemeinsamen Weges willen.
Auch auf die Betonung kommt es an. ‘Yes dear’ (oder ‘Ja, Liebling’, ‘Gewiss, Schatz’, oder wie auch immer) kann vollkommene Zustimmung bedeuten, aber auch Zweifel oder sogar eine gegenteilige Auffassung ausdrücken. Menschen die sich gut kennen, werden die Zwischen- und Untertöne heraus hören und richtig zu deuten wissen. Manchmal ist es vielleicht schon die Länge der Pause zwischen ‘Yes’ und ‘Dear’, die mehr sagt, als die beiden Worte.
Im ‘Außerverhältnis’, also gegenüber Dritten, ist es manchmal eher von Vorteil, unterschiedliche Auffassungen zu demonstrieren. Ein Autohändler, zum Beispiel, braucht sich nicht sehr zu bemühen, wenn zwei Jungs zu ihm kommen, die unbedingt ein bestimmtes Auto haben wollen. Wenn aber einer der beiden Jungs von dem Auto scheinbar gar nicht begeistert ist, muss sich der Händler viel mehr bemühen, viel mehr Überzeugungsarbeit leisten und sehr viel mehr entgegenkommenden sein.
Wie hilft mir das jetzt bei meinem oben geschilderten ‘chronischen’ Problem? Nun, ich werde, wenn mir demnächst wieder etwas nicht passt, meine Kritik so formulieren, dass mein Freund mit ‘Yes dear’ antworten kann…
16/03/2008 um 8:36 |
auch nach einigen mehr jahren … auch bei uns kommt es immer mal wieder (mit den jahren allerdings in größeren abständen) zu differenzen, die gelegentlich auch mal heftiger ausgetragen werden.
ich denke, das gehört zu einer beziehung, in der zwei erwachsene menschen auf einander tereffen, die zusammen sein wollen, und dennoch auch ihre eigenen persönlichkeiten haben. auch wenn diese auseinanderetzungen weh tun (ich kann deine gefühle glaube ich ein wenig nachempfinden), ich denke zu sind teil des reifens, tiefer werdens einer beziehung
genau deswegen könnte ich mit einem ‘yes dear’ nicht wirklich viel anfangen … ich freue mich, dass wir immer ehrlich und offen miteinander sind, jeder seinen eigenen weg zu finden versuchen … und diese wege dann meist gemeinsam gehen. freiheit und liebe (hab ich glaub ich schon mal geschrieben) ist für mich der königsweg (unserer) beziehung