Nun kommt es also auch auf den deutschen Buchmarkt: Jonathan Littell’s ‘Les Bienveillantes’. In Frankreich ist es im vorletzten Jahr erschienen und war der Renner. Nun verbreitet der Berlin Verlag das 1400 Seiten umfassende Werk in deutscher Sprache unter dem Titel ‘Die Wohlgesinnten’.
Hauptprotagonist dieses Buches ist der fiktive SS-Offizier Max Aue, den Littell in ‘Ich-Form’ seine fiktive Geschichte erzählen lässt. Die FAZ überschlägt sich vor Lob über dieses Buch und lässt jeden zu Wort kommen, der von diesem Buch begeistert ist. Im Spiegel, der süddeutschen und im Tagesspiegel habe ich zurückhaltendere Kritiken gefunden.
Ich werde dieses Buch nicht kaufen und nicht lesen.
1.
Littell sieht sein Buch offenbar selbst als eine dokumentarische Fiktion. Auch eine dokumentarische Fiktion ist eine Fiktion, mehr nicht. Menschen neigen dazu, Fiktion und Wirklichkeit zu verwechseln. Dieses Phänomen ist bei Kinogängern, Fernsehguckern und Buchlesern zu beobachten. Je mehr ein Roman für sich in Anspruch nimmt, ein fiktives Ereignis sehr realitätsnah zu schildern, desto mehr wird ihm ein dokumentarischer Charakter zugebilligt. Little erklärt für seinen Roman, dass er auf fundierter Quellenlage ein Leben, das des Max Aue, schildert, welches tatsächlich im Nazi-Deutschland so hätte gelebt werden können. Und dennoch bleibt es Fiktion. Littell packt offenbar alles was an Nazi-Greuel bekannt ist in diesen Roman hinein und lässt seinen Max Aue zu einer Art Übermonster werden. Zweifellos hat die Nazi-Diktatur auf allen Hierarchiestufen menschliche Bestien hervor gebracht, und doch bleibt Max Aue eine Fiktion. Fiktionen interessieren mich aber nicht. Ich will nicht glauben, was im Nazi-Deutschland geschah, ich will es wissen. Ich will aber nicht wissen, was John Littell über die Nazis weiß oder glaubt zu wissen, und noch weniger will ich wissen, wie sich John Little einen SS-Offizier vorstellt. Jonathan Littell’s Buch vermittelt kein Wissen, wie er es vorgibt; es vermittelt seine Sicht der Dinge. Die Sicht eines anderen Menschen, die Fiktion eines anderen Menschen kann mir aber niemals, da immer höchst fragwürdig, zu weiterführenden Erkenntnissen darüber verhelfen, wie ‘es’ möglich war. Littell ist keine Primärquelle, nicht einmal eine Sekundärquelle, und damit für mich unbrauchbar.
2.
Ich langweile mich so gut wie nie. Und wenn doch, dann habe ich genug eigene Fantasie, um meine Gedanken zu beschäftigen. Die Fantasie anderer (in Gestalt von guter Musik) brauche ich allenfalls, um gelegentlich meine Gedanken zu zerstreuen und die Seele baumeln zu lassen. Littell’s Fantasie, nach allem was ich höre, kreist offenbar in weiten Teilen seines dicken Buches um Sex. Der erste Satz des Buchs, »Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist« verheißt Aufklärerisches, eben Dokumentarisches. Wenn es dann aber zu einem großen Teil um die sexuellen Fantasien des Autors geht, der offenbar sehr geschickt tarnt, dass es seine Fantasien sind und nicht die einer historischen Person, bleibe ich doch lieber bei meinen Eigenen. Scheinbar ist es diese ausgeprägte sexuelle Komponente, gepaart mit blutrünstigen Schilderungen der Ermordung von Menschen, die manchen Kritiker ins Entzücken versetzt. Vor diesem Hintergrund dürfte das Buch eher dazu dienen, die Psyche des Autors zu verstehen. Wie ‘es’ in Bezug auf die Denkweise einzelner Personen wirklich gewesen ist, verrät das Buch gewiss nicht.
3.
Das Buch ist zutiefst homophob. Der Protagonist Max Aue wird von Littell als Homosexueller dargestellt. Warum?
Littell hat wohl davon gehört, dass die eine oder andere Nazi-Größe homosexuell war. Und da er alles mögliche was ihm über die Nazis in die Finger kam in seinem dicken Buch verrührt hat, ‘musste’ Max Aue wohl zwangsläufig homosexuell sein. Es mag sein, dass Littell einfach nur noch ein bisschen mehr Auflage für sein Buch erreichen wollte, in dem er seinen Helden homosexuell sein lässt. Es mag sein, dass er einfach nur dem gegenwärtigen Trend folgt, nach dem das Böse als schwul und das Schwule als böse zu präsentieren ist. Allein das stellt ihn außerhalb des Kreises ernstzunehmender Schriftsteller. Es kann aber auch gut sein, dass Littell aus einer homophoben Haltung heraus seinen Protagonisten, seinen mordenden, am Töten von Menschen, am Leid der Menschen Freude findenden Max Aue, als Homosexuellen darstellt, um sich selbst und seinen Lesern eine Hintertür zu öffnen. Littell sieht sich in den Interviews die er gegeben hat als Spiegelvorhalter, als Erklärer, als Erkenntnisvermittler. Vorgeblich will er deutlich machen, dass damals wie heute jeder ein Max Aue hätte sein können. Und doch ist die Homosexualität Aue’s der Ausweg für ihn und seine Leser. ‘Ich bin nicht schwul, also hätte ich so etwas nie gemacht’. ‘Nur Schwule machen so etwas.’ Das ist letztlich die Botschaft, die Littell herüber bringt.
Von ‘Homosexualität’ hat Littell keine Ahnung. Es scheint, als würde er sie so wie die meisten heterosexuellen Schriftsteller beschreiben: Stereotyp, inhaltsleer, tödlich! Der Spiegel gibt folgende Textstelle, die sich auf den ersten Seiten von Littell’s Buch finden soll, wieder:
“Ich hakte seine Hose auf, grub mein Gesicht in seinen sauren Geruch aus Schweiß, Männerhaut, Urin und Kölnisch Wasser, ich rieb mein Gesicht gegen seine Haut, sein Geschlecht, dort, wo die Haare dichter werden, ich leckte es, nahm es in meinen Mund, und dann, als ich es nicht mehr aushielt, stieß ich ihn gegen einen Baum, drehte mich um, ohne ihn loszulassen, und drückte ihn in mich hinein.”
Allein diese possenhafte Darstellung zeigt, wes Geistes Kind hinter diesem Buch steckt.
Den Vorwurf der Homophobie stütze ich auch auf ein Interview, dass der Berlin Verlag auf seinen Internetseiten veröffentlicht. Dort verkündet Littell:
Die Juden und die Sowjets sind für Hitler das Einzige, was zählt. Man kann das leicht an Gegenbeispielen zeigen. Innerhalb der Problemkategorien gibt es zwei sehr gute Gegenbeispiele: die Homosexuellen und die Zigeuner. Sie werden in den bürokratischen Apparaten ebenfalls zum Thema umfassender Debatten: Was soll man mit ihnen machen? Soll man sie in Sammellager einliefern? Sie einsperren? Sie töten? Da die Zigeuner und die Homosexuellen Adolf Hitler völlig egal sind, gibt es weder eine gemeinsame Ausrichtung der bürokratischen Apparate noch irgendeine kollektive und einvernehmliche Lösung. Es gibt nur Ad-hoc-Lösungen, die ein Ergebnis der Konflikte zwischen den jeweiligen bürokratischen Apparaten sind, entsprechend ihren jeweiligen Logiken.
Himmler selbst war von den Homosexuellen wie besessen. Das war seine Obsession, wie die Juden für Hitler. Er wollte sie alle töten oder wenigstens in Konzentrationslager stecken. Er stieß (bis 1943) auf die Weigerung des Justizministeriums, das ihm antwortete: »Wir haben ein einschlägiges Gesetz; Männer, die homosexuellen Praktiken nachgehen, kommen ins Gefängnis, nicht in ein Lager.« Es handelt sich um eine rein bürokratische Logik: »Sie gehören uns, nicht Ihnen, wir geben sie Ihnen nicht.« Dieselbe Antwort von Seiten der Wehrmacht, die ihre Homosexuellen in den Bau steckt, sie jedoch nicht an Himmler ausliefert.
Es wird also niemals eine systematische Ausrottung der Homosexuellen geben, weil die bürokratischen Apparate gegeneinander operieren. Da sie Hitler egal sind, gibt er keinerlei Richtung an.
Offensichtlich hat Littell die Geschichte homosexueller Menschen im Dritten Reich in seinen Recherchen nicht berücksichtigt. Vom ‘Rosa Winkel’ und von entsprechenden Listen der damaligen Polizei- und Ordnungsbehörden hat er wohl noch nie gehört. Dass die, ohne jeden Zweifel, systematische (!) Verfolgung, Folterung und Ermordung auf national-sozialistische Strafgesetze gestützt war, ist ihm wohl unbekannt. Eine wichtige Primärquelle, Moi, Pierre Seel, déporté homosexuel, ignoriert er. Oder will er das alles nicht verstehen, weil es nicht in sein Konzept passt? Ein Konzept, in dem schwule Menschen nicht in großer Zahl Opfer, sondern Täter sind!
Littell betreibt in seinem dicken Geschichtsbuch Geschichtsklitterei. Schon bald wird dieses Buch, dessen Leserkreis sich trotz hoher Auflage in Grenzen halten wird, verfilmt werden – dann mit weitaus mehr Kinogängern und DVD-Konsumenten als Buchlesern. Wir werden einen in SS-Uniform gekleideten, über Leichenteile spazierenden, dabei breit grinsenden, klischeehaft typisierten Homosexuellen dargestellt bekommen.
18/02/2008 um 10:56 |
wie du vielleicht aus meinem blog weißt schätze ich pierre seels erinnerungen auch sehr. und lege wert auf gedenken …
dennoch habe ich von den bienveillants einen anderen eindruck (wobei ich einräume, die französische ausgabe nicht ganz gelesen zu haben, das sprengte irgendwann doch die grenzen meiner sprachkenntnis)
http://www.ondamaris.de/?p=32
nebenbei, zur rezeption des buches in frankreich ist anzumerken, dass m.e. in f eine andere / wesentlich weniger ‘tiefschürfende’ auseiandersetzung mit der ns-zeit und eigenen verstrickungen stattgefunden hat – und wohl auch deswegen dieser roman solch eine resonanz erzielen konnte.
18/02/2008 um 11:19 |
Das Entscheidende: Seel ist authentisch, Littell ist fantast-isch.
18/02/2008 um 11:21 |
nun, das ist halt ein unterschied zwischen biographischen berichten und romanen (fiktion).
dennoch empfinde ich fiktion (wenn gelungen) als einen spannenden weg, sich einem sachverhalt, einer situation aus ungeahnten blickwinkeln zu nähern (und in dieser sicht litell durchaus interessant)
20/02/2008 um 8:09 |
Fiktion, Ulli, ist aber kein Sachverhalt und keine Situation. Und sie kann auch nicht helfen, sich einem realen Sachverhalt/einer realen Situation zu nähern. Fiktion ist Glauben oder Wunschvorstellung. Sie leitet viele in die Irre und führt auf eine falsche Fährte. Es wird nicht lange dauern, und Littell’s Machwerk wird genau diese Wirkung entfalten.
01/03/2008 um 5:52 |
Eine gelungene und notwendige Kritik dieses überflüssigen und ärgerlichen Buches! Wir haben auch eine geschrieben: http://gaywest.wordpress.com/2008/02/20/dejudaisierung-und-verschwulung/
Der Berliner Schwulenbuchladen Prinz Eisenherz hat übrigens merkwürdiger weise eine Werbung für das Littell-Buch an der Eingangstür hängen.
02/03/2008 um 10:19 |
@Damien
Nun, dass deutet darauf hin, dass in der fraglichen Buchhandlung zwar schlechte Bücher, aber keine guten Blogs gelesen werden.
03/03/2008 um 12:26 |
Ganz meiner Meinung. Vor ein paar Jahren hat der in der Zwischenzeit verschiedene Kölner Schwulenbuchladen auch mal ein Buch von Martin Walser beworben. Als wenn wir dafür schwule Buchläden bräuchten.
14/03/2008 um 6:04 |
[...] Das Internet ist eine feine Sache. Machmal! So kann ich herausfinden, ob es sich lohnt, bestimmte Bücher zu lesen und welche Musik ich nicht hören möchte. Heute habe ich heraus gefunden, welchen Film [...]
08/06/2008 um 12:29 |
in großen und ganzen hast du völlig recht mit deiner kritik. aber: es läuft ein bißchen zu sehr darauf hinaus, daß das buch ja allein darum schlecht sein muss, weil der böse schwul ist- und da kann man auch ungekehrt fragen: nur weil es schwul ist, muss er ja unbedingt ein opfer und einer von den guten sein? ich glaube nicht, daß man litell deshalb gleich homophobie unterstellen kann, so schlecht das buch auch ist….
08/06/2008 um 2:17 |
@ hofrath:
Ich unterstelle Littell nicht Homophobie, ich stelle fest, dass Littell homophob ist.