Thomas Robert Malthus (1766 – 1834) schlug vor, bei der Eheschließungszeremonie eine Proklamation zu verlesen, die die Paare darauf hinwies, dass sie die finanziellen Lasten und Folgen ihrer Leidenschaft selbst zu tragen hätten.
Wie kam Robert Malthus, anglikanischer Geistlicher, erster Inhaber eines Lehrstuhl für Ökonomie, Vater dreier Kinder, zu diesem Vorschlag? Malthus beschäftigte sich schon in jungen Jahren mit der Frage, ob es möglich sei, das Los der Armen zu mildern. Er kam zu der Überzeugung, dass dies unmöglich sei. Grundlage für seine Erkenntnis waren seine Überlegungen zur Bevölkerungsentwicklung, die in dem Aufsatz ‘An Essay on the Principle of Population, as it Affects the Future Improvement of Society, with Remarks on the Speculations of Mr Goodwin, M Condorcet, and Other Writers’ gipfelten. Ein Kernsatz daraus lautet, ‘Die Vermehrungskraft der Bevölkerung ist unbegrenzt größer als die Kraft der Erde, Unterhaltsmittel für den Menschen hervorzubringen.’ Malthus stellt dann seine Berechnungen zur Ermittlung der Bevölkerungsentwicklung und der verfügbaren Nahrungsmittel vor. Dabei sind ihm verschiedene Fehler unterlaufen; die Zahlen sind aber auch nicht wichtig. Malthus schlußfolgert, da die Nahrungsmittelmenge nicht vergrößert werden könne, müsse das Bevölkerungswachstum gestoppt werden, wenn sich die Zahl der Menschen nicht durch Hungersnöte, Seuchen und Krankheiten vermindere. Einer unbestätigten Quelle (Wikipedia) zufolge, war Malthus der Meinung, dass auch Homosexualität zu einer zahlenmäßigen Verminderung der Bevölkerung führt.
Um zu verhindern, dass die Bevölkerung irgenwann so groß wird, dass sie sich nicht mehr selbst ernähren kann, schlug Malthus vor, nichts zu versuchen, was den Lebensstandard der Armen verbessern würde. Je mehr sich die Lage der Armen verbesserte, desto mehr Kinder setzten sie in die Welt, und damit würden sie ihre Armut nur noch vergrößern, meinte Malthus. “Wer kein Geld hat, hat im Grunde auch kein Recht auf Liebe. Denn Geschlechtsverkehr setzt den Willen zur Fortpflanzung voraus; das können sich nur Begüterte leisten.” Sozialer Fortschritt würde also das allgemeine Elend nur noch verschlimmern. Dasselbe galt für die Mildtätigkeit, befand der Priester.
Malthus war zu seiner Zeit eine bedeutende Persönlichkeit. Bei den Arbeitgebern des beginnenden Industriezeitalters wurde sein ‘Bevölkerungsgesetz’ ernst genommen. Warum sollte man den Arbeitern mehr als das absolute Minimum zahlen, wenn man auf diese Weise ihr Elend nur verschlimmerte (Subsistenztheorie)? Die Weigerung Almosen zu geben, wurde mit dem selben Argument gerechtfertigt.
Mit rund 200 Jahren zeitlichem Abstand läßt sich festhalten, dass die von Malthus befürchtete Überbevölkerung jedenfalls in Europa und Amerika nicht eingetreten und auch nicht absehbar ist. Hungersnöte kommen ‘nur’ noch auf dem Afrikanischen Kontinent vor. Bezogen auf den gesamten Planten Erde kann nicht von einer zu hohen Bevölkerungsdichte und auch nicht von zu wenig Nahrungsmitteln die Rede sein. Die fortlaufenden Verbesserungen im Bereich der Agrarwirtschaft lassen auch keine Lebensmittelknappheit befürchten (wohl aber die Frage aufkommen, ob jede Verbesserung wirklich eine solche ist). Zu konstatieren ist jedoch eine ungleichmäßige Verteilung der Nahrungsmittel: Einige Regionen der Welt verfügen über ein Nahrungsmittelübermaß (mit so absurden Erscheinungen wie der Vernichtung von Nahrungsmitteln oder dem Bezahlen von Nahrungsmittelproduzenten für das Nicht-Produzieren), in anderen herrscht Knappheit.
Allerdings sollten wir das malthusianische Bevölkerungsgesetz nicht ganz zum alten Eisen legen.
Ein Mißverhältnis zur Bevölkerungsentwicklung zeichnet sich in einem anderen Bereich ab. Werden auf Dauer genug Rohstoffe und Energie zur Verfügung stehen? Es ist abzusehen, dass die Vorkommen bestimmter Rohstoffe nur noch wenige Jahren ausreichen. Andere Rohstoffe scheinen zwar auf lange Sicht verfügbar zu sein, unterliegen aber drastischen Preissteigerungen. Und die steigenden Preise sind es auch, die die bisher scheinbar ungehinderte Energieversorgung für die Zukunft fraglich erscheinen lassen. Aber ich bin zuversichtlich: Genau so, wie sich die Malthus’schen Theorien insgesamt als zu pessimistisch herausgestellt haben, werden sich die kommenden Energie- und Rohstoffkrisen als halb so dramatisch entpuppen, wie sie heute von dem ein oder anderen prophetisiert werden. Allerdings werden uns genau so absurde Lösungsansätze präsentiert werden, wie sie Malthus erdacht hat.
Die Subsistenztheorie feiert in Gestalt der ‘Hartz-Gesetze’ fröhliche Urständ. Das ist umso erstaunlicher, als schon Adam Smith zu Lebzeiten Malthus’ erkannt hat, dass diese Theorie nichts weiter als ein zur ‘Theorie’ geadelter Irrglaube ist. Etwas mehr Bildung würde den Damen und Herren Politikern und Politikerinnen ebenso wie den Wirtschaftsführern und Wirtschaftsführerinnen gewiss nicht schaden.
An der ‘Almosen-Geschichte’ ist allerdings etwas dran. Malthus weist zu recht darauf hin, dass ein (gut gemeintes) Almosen die Lage des scheinbar Begünstigten durchaus verschlechtern kann. Ein Beispiel aus unserer Zeit sind die sogenannten Hilfswerke und Hilfsaktionen (zB Brot für die Welt, Misereor) für Menschen in der ‘Dritten Welt’. Helfen die ganzen Spendengelder wirklich? Oder beruhigen sie nur unser Gewissen? Hier und da mögen damit ganz brauchbare, allerdings immer nur regional begrenzte Hilfsprojekte finanziert werden. Unser Maßstab für die Hilfe ist übrigens immer nur das, was wir als angemessene Hilfe betrachten, nicht aber das, was die Begünstigen als angemessen ansehen. Die Verquickung von finanzieller Hilfe mit Missionstätigkeiten ist darüber hinaus mehr als fragwürdig (Geld gegen Glauben). Insgesamt betrachtet sehe ich nicht, dass die Kernprobleme der ‘Dritten Welt’, wie die mangelnde Lebensmittelversorgung, die kritische medizinische Versorgung und das unzureichende Bildungswesen, dadurch gelöst werden. Mir scheint es eher so zu sein, wie bei einer Operation, bei der man den Patienten ständig betäubt, aber nie schneidet. Damit will ich nicht in Abrede stellen, dass Mildtätigkeit ihren Sinn haben kann, aber jeder, der etwas spendet, sollte sehr genau prüfen, ob die Spende auch geeignet ist, den erwünschten Zweck zu erfüllen.
Ja, und an der eingangs erwähnten Proklamation scheint auch etwas dran zu sein. Nicht dass ich die Malthus’sche Idee für richtig halte. Aber sie ist weit weniger dumm als die gegenwärtig in Deutschland verfolgte Politik, die auf den Theorien fußt, die selbst Malthus für unbrauchbar hielt. Bis in Malthus’ Zeit hinein hatte man die quantitative Bevölkerung eines Landes als maßgeblich für den Wohlstand und die Stärke einer Nation angesehen. Je größer die Bevölkerung eines Landes war, desto mehr Arbeiter und Soldaten standen zur Verfügung. Unsere Bundesregierung, sekundiert von Zellteilungsfetischisten verschiedener Coleur, macht sich diese mittelalterlichen Auffassungen zu eigen.