Vom Umgang mit Diskriminierern

In den letzten Tagen hat es einige bemerkenswerte Entscheidungen gegeben.

1. Landgericht Hamburg

Das Arbeitsgericht Hamburg hat in einer Entscheidung vom 4. Dezember 2007 die Arbeitgeberin zur Zahlung einer Entschädigung gemäß § 15 Abs. 2 AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) in Höhe von 3 Monatsverdiensten verurteilt, weil sie die Bewerberin im Einstellungsverfahren wegen ihrer Religion benachteiligt habe.

2. Advertising Standards Authority (ASA)

Die brititsche ASA, eine Art Selbstüberwachungsgremium der Werbewirtschaft, hat ein Plakat des “Christian Congress for Traditional Values” beanstandet.

cctv

In der Diskussion mit der ASA hat sich die CCTV (die nennen sich wirklich nach diesen Überwachungskameras!) auf mehr als 30 Jahre alte Vorgänge berufen:

CCTV said that other aims listed in the 1971 Gay Liberation Front Manifesto and which had resulted in legislative or social changes included the teaching of homosexuality in schools; equalising the age of consent for homosexuals and heterosexuals; using the media to detract from the traditional family as the norm and introducing legislation to prevent discrimination against homosexuals in the workplace. CCTV cited a similar manifesto published by the National Coalition of Gay Organisations in the USA in 1972, and several authors, individual campaigners and organisations who had publicly stated similar aims in the UK and abroad to illustrate how widely held they believed the views were.

Die ASA zeigte sich von diesem Geschwätz unbeeindruckt:

We considered, however, that in the absence of information to the contrary, the statement was likely to be understood to represent the prevailing view of the gay community. We noted the evidence CCTV provided indicated that some sections of the gay community had spoken out strongly against the traditional concept of the family. We also noted, however, that the evidence was based mainly on a document published by the Gay Liberation Front, a radical gay group which disbanded nearly 30 years ago. We noted that the language used and claim made in the ad did not appear to reflect the stance taken by today’s mainstream campaigns by the gay community which expressed a desire for the responsibilities of gay people caring for children to be equal with those of heterosexual people. We also noted that a family unit today was increasingly less likely to necessarily comprise a married man and woman and their children.

Und weiter:

We considered the statement and the way it appeared was likely to cause offence both to the mainstream gay community and supporters of equality, and was likely to be seen as controversial and possibly inflammatory by a significant number of people who saw the poster in an untargeted medium. We concluded that the poster was likely to cause serious or widespread offence and might lead to antisocial behaviour.

Leider ist die ASA ein eher zahnloser Tiger. Anders als queer.de meldet, wurde das Plakat nicht verboten. Es blieb der ASA nur, mitzuteilen:

We told CCTV to ensure future campaigns were not presented in a way that could cause serious or widespread offence or which might lead to antisocial behaviour.

3. Cardiff Employment Tribunal

Das Arbeitsgericht im englischen Cardiff hat sich nicht nur mit einer freundlichen Ermahnung benügt. Der Bischof von Hereford muss an John Reaney rund 63000 Euro Schadenersatz zahlen. Der Bischof hatte Reaneys Bewerbung um eine Stelle in der kirchlichen Jugendarbeit abgelehnt, als er von Reaneys Lebensstil (er ist schwul!) erfuhr. Das Gericht ordnete weiterhin an, dass sich die an dem Auswahlverfahren beteiligten Beschäftigten der Diözese Hereford einem ‘equal opportunities training’ zu unterziehen haben. Da allerdings der Bischof höchstselbst und ganz alleine die diskriminierende Enscheidung getroffen hat, wird er sich selbst in das Seminar bemühen müssen. Finanziell triff die Entscheidung übrigens weder den Bischof noch die Diözese. Es hat sich ein anoymer Spender gefunden, der den Betrag übernimmt.

4. Die Britische Regierung

Nicht mehr in ihrem Land sehen will die Britsche Regierung Sheikh Yusuf al-Qaradawi, der nicht nur durch außerordentliche Schwulenfeindlichkeit aufgefallen ist. Ich begrüsse diese Entscheidung. Peter Tatchell ist jedoch anderer Meinung. Er schreibt:

The government’s decision to ban Muslim extremist cleric Yusuf al-Qaradawi from entering Britain is illiberal, unwarranted and unmerciful.

Don’t get me wrong. There’s no shred of doubt in my mind that Qaradawi is antisemitic, homophobic and sexist, and that he justifies terrorist attacks on innocent civilians. He is the spiritual head of the reactionary Muslim Brotherhood, and his politics are well to the right of the odious British National Party (BNP).

But Qaradawi wants to come to Britain for medical treatment, not to promote his prejudiced preaching. In these circumstances, banning him is unjustified and heartless. We should show Qaradawi the mercy that he seeks to deny to fellow Muslims who transgress his dogmatic, illiberal interpretation of Islam.

The government is wrong to stoop to Qaradawi’s level of inhumanity. We should let him come to Britain for medical treatment, and thereby show him and the world that our (albeit imperfect) liberal, humanitarian values are better than his bigotry and his glorification of religious-inspired violence. [...]

Die Überlegungen von Peter Tatchell sind nicht völlig von der Hand zu weisen. Aber ist tiefschürfenden humanitären Überlegungen Vorrang vor einer schlichten Überlegung zur Gefahrenabwehr einzuräumen? Anders gefragt: Müssen wir den offensichtlichen Feind an unserer Brust nähren? Es ist sehr unwahrscheinlich, dass al-Qaradawi seine Ansichten ändert, nur weil er gut behandelt wird.

Ich habe mich schon mehrfach gefragt, wie ich mich verhalten würde, wenn ein Mensch, der sich als expliziter Schwulenhasser produziert, plötzlich auf meine Hilfe angewiesen wäre. Wäre ich selbstlos oder eigennützig? Nun, Selbstlosigkeit ist – außerhalb emotionaler Beziehungen, in denen nichts gegeneinander aufgerechnet wird – nur so lange vernünftig, wie sie indirekt und mittelbar dem eigenen Nutzen dient. Fehlt dieser Nutzen, ist ein selbstloses Verhalten eher schädlich. Schlimmstenfalls wird man das ‘Selbst’ los. AL-Qaradawi ins Vereinigte Königreich einreisen zu lassen, nützt nur ihm, sonst niemanden. Die von Peter Tatchell vermuteten positiven Effekte sind reine Spekulationen, die eine vernünftige Entscheidung nicht tragen.

5. San José State University

Der Präsident der San José State University hat alle Blutspendeaktionen auf dem Gelände der Universität untersagt. In den USA sind schwule Männer vom Blutspenden ausgeschlossen. Die Universität widerum hat eine Antidiskriminierungsrichtlinie, die jegliche Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung untersagt. Der Universitätspräsident versteht, zu Recht (!), diese Richtlinie dahin, dass auf dem Universitätsgelände keinerlei diskriminierenden Aktionen stattfinden dürfen. Das Ausschließen von schwulen Männern von Blutspendeaktionen ist, folgerichtig gedacht, eine Diskriminierung. Daraus folgt, wiederum folgerichtig: Entweder dürfen alle Blutspenden, oder keiner!

I am writing to inform you of a very difficult decision I have made about blood drives on campus. After extensive consultation, I am suspending all blood drives at San José State University on the grounds that the U.S. Food and Drug Administration’s lifetime blood donor deferral affecting gay men violates our non-discrimination policy. This suspension is effective immediately and applies to blood drives arranged by employees representing the university and/or by recognized student organizations.

5 Antworten zu “Vom Umgang mit Diskriminierern”

  1. Clamix sagt:

    Wenn sich die Vorgaben nicht zwischenzeitlich von mir unbemerkt geändert haben, dann ist Blutspenden auch in Deutschland für Schwule nicht erlaubt. Oder ist das seit dem AGG anders?

  2. TheGayDissenter sagt:

    Nein, es hat sich nichts geändert.

    http://thegaydissenter.wordpress.com/2007/12/15/a-rh-positiv/

  3. rene sagt:

    Das Hamburger Urteil finde ich begrüßenswert. Hier wurden nämlich keine Formfehler begangen, vor denen so einige Firmen “zittern” – sondern auf eindeutige Weise wissentlich diskriminiert.

    Aber auch die anderen Beispiele demonstrieren eindrucksvoll, wie mit Diskriminierung umgegangen werden sollte.

  4. rene sagt:

    OOps, kannst Du mal den Link fixen? Danke ;)

  5. TheGayDissenter sagt:

    Done!

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