Überlebender

Ich habe große Schwierigkeiten mit diesem Post. Es ist die achte oder neunte Fassung, die ich jetzt komplett neu schreibe. Die Überschrift habe ich mindestens ebenso oft ausgetauscht. Alan Greenspan hat einmal zu seinen Zuhörern gesagt: „Ich weiß, dass Sie glauben, Sie wüssten, was ich Ihrer Ansicht nach gesagt habe. Aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, dass das, was Sie gehört haben, möglicherweise nicht das ist, was ich meinte.“ Ich habe eine ähnliche Befürchtung: Ich fürchte, dass das, was ich hier schreibe, selbst wenn es mir gelingt, klar und eindeutig zu formulieren, missverstanden wird. Üblicherweise kostet mich ein Post nicht viel Mühe. Dieser Post kostet mich Mühe, Zeit und… Tränen. Tränen, weil das Schreiben dieses Posts mir zu einer weiteren Selbsterkenntnis verholfen hat, die ich nicht sachlich und objektiv einordnen kann.

Für den Einstieg hilft Theo Kars:

Selbstmord ist, so paradox es klingen mag, manchmal ein Ausdruck von Lebenslust.

Er meint damit nicht, im Zustand des Übermuts über ein Brückengeländer zu balancieren und den Absturz von der Brücke nicht zu überleben oder sich mit Hilfe irgendwelcher Substanzen ein gewaltiges Glücksgefühl zu verschaffen und dann an der Überdosis (der Substanz, nicht des Glücksgefühls) zu sterben. Er erklärt:

Wer sich nach reiflicher Überlegung dazu entschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen, hat Bilanz gezogen. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass die angenehmen Dinge des Lebens die unangenehmen nicht aufwiegen, und er hat keinen Grund zu der Annahme, dass sich dies noch einmal ändern wird. Statt eines unglücklichen Lebens wählt er den Tod.

Und er schreibt weiter:

Das Wissen, dass Selbstmord immer noch als Möglichkeit bleibt, kann sogar eine tonische Wirkung haben und jemandem die Kraft geben, weiter zu kämpfen. Selbstmord ist oft vernünftig, in manchen Fällen dumm, niemals aber feige.

Vor dem Tod habe ich keine Angst. Entgegen der in der Literatur so oft theatralisierten ‘Begegnung mit dem Tod’ wird diese Begegnung nicht stattfinden. Epicur meint, solange wir da sind, ist der Tod nicht da. Wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr da. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass er Unrecht hat. Mit dem Tod ist das Leben vorbei. Danach kommt nichts mehr. Ende. Aus.

Das bedeutet, dass alles Wichtige, was es in unserem Leben zu erledigen gilt, zu Lebezeiten erledigt werden muss. Wenn wir Fehler gemacht haben, müssen wie sie zu Lebzeiten korrigieren – zumindest müssen wir es versuchen. Wenn wir uns schuldig gemacht haben, müssen wir uns zu Lebzeiten ent-schuldigen. Darauf zu hoffen, dass uns irgendjemand von unserem falschen Tun, von unserer Schuld erlöst, auf eine Art ‘ewige Glückseligkeit’ nach dem Tod zu setzen, ist Selbstbetrug.

Im Grunde ist schon das Wort ‘Tod’ irreführend. Es hätte dieses Substantivs nicht bedurft. Tot-Sein ist eine viel treffendere Beschreibung. Tot-Sein heißt, Nicht-Sein. Der Begriff ‘Tod’ gaukelt uns vor, es gäbe etwas anderes nach dem Leben – einen Zustand oder eine Macht. Nach dem Leben folgt nichts und es ist dumm, von der ‘Macht des Todes’ zu sprechen. Der Tod hat keine Macht, weil er nichts ist. Das Leben geht einfach zu Ende. Nach dem Sterben sind wir das Gleiche wie vor unserer Zeugung: Nichts! Keine Gefühle, keine Empfindungen, kein Denken. Einfach nichts!

Manche Menschen berichten, dass sie nach einer Lebenskrise, nach einer schweren Krankheit oder nach einer Rettung aus höchster Lebensgefahr das Gefühl haben, ihnen sei ein zweites Leben oder ein neues Leben geschenkt worden. Nun, es ist nur ein Gefühl, eine emotionale Bewertung, denn es ist immer noch das eine Leben, das weiter geht. Aber dieser emotionale Einschnitt mag Anlass sein, sich selbst auf den Prüfstand zu stellen und, je nach dem, vieles oder alles anders zu machen. Hier kann sich eine riesengroße Chance verbergen, nunmehr bewusster und intensiver zu leben. Beides sind Schritte hin zu einem guten Leben.

Deshalb ist es wichtig, nicht auf einschneidende Erlebnisse zu warten, sondern immer wieder Bilanz zu ziehen, immer wieder zu prüfen, was noch zu tun ist, was wichtig ist, was sofort zu tun ist. Unser Leben kann schlagartig zu Ende gehen. Wir wissen nicht, wieviel Zeit uns bleibt. Und wir wissen nicht, wann das Leben anderer zu Ende geht. Das, was wichtig ist, müssen wir bald tun, sehr bald. Auch wenn es unangenehm ist. Und die angenehmen Dinge sollten wir ebenfalls bald tun und so oft wiederholen, wie es nur möglich ist. Es ist irrational, das Grab eines geliebten Menschen aufzusuchen. Er kann diese Geste nicht würdigen, er existiert nicht mehr. Es ist irrational, mit ihm zu sprechen. Er antwortet allenfalls in unserer Einbildung. Wenn wir es zu Lebzeiten des geliebten Menschen versäumt haben, ihm unsere Liebe zu zeigen, mit ihm Zeit zu verbringen, zu ihm zu sprechen, ihn um Verzeihung für die kleinen und großen Fehltritte zu bitten, brauchen wir es an seinem Grab nicht nachholen. Es ist vergeblich. Er hört es nicht mehr, er kann uns nicht mehr verzeihen, er kann unsere Liebe nicht mehr erwidern. Er antwortet nicht mehr! Darauf zu hoffen, in einem späteren Leben etwas erledigen zu können, auf ein Leben nach dem Tod zu setzen, ist Betrug an den Menschen, die uns wichtig sind und die wir in diesem einen Leben vernachlässigen. Wer am Grab eines Verstorbenen weint, weint nicht selten über die eigenen Versäumnisse, weint darüber, nicht rechtzeitig geredet, gefragt, geantwortet, gehandelt zu haben. Diese Tränen sind ein Ventil für die eigenen Emotionen, sie sind gut für das eigene Gemüt. Und dennoch sind es Tränen, die vielleicht früher hätten vergossen werden müssen.

Das Ziel des Lebens ist nicht der Tod. Ziel ist nicht ein Leben nach dem Tod. Das Ziel des Lebens ist das Leben – hier und jetzt und so gut wie möglich! Ein gutes Leben zu leben – ich habe es schon mehrfach angesprochen ohne es zu definieren und ich will es auch jetzt nicht definieren – heißt immer auch, nach Kräften dafür zu sorgen, dass es den Menschen, die einem etwas bedeuten, gut geht. Ist ein Mensch, ein guter Freund oder ein geliebter Mensch zu einem Teil dieses guten Lebens geworden, wird die Trauer über seinen Tod umso größer sein. Aber die Tränen die man vergießt, gelten dem Verstorbenen, auch wenn es ihm wiederum nichts nützt, und nicht den eigenen Versäumnissen.

Manche sage, Trauer sei immer etwas Eigennütziges, weil mehr der Verlust als der Tod eines Menschen betrauert werde. Ich halte das für Unsinn. Wer würde mit einem anderen Menschen eine enge Verbindung eingehen, wenn er weiß, dass diese Verbindung ihm dereinst einen Verlust einbringt?

Vor dem Tod habe ich keine Angst. Das Erleben des zu Ende gehens, das Sterben ist es, was mich ängstigt. Ich versuche mein Leben so bewusst wie möglich zu leben. Ich versuche, es zu steuern, wo es sich steuern lässt. Ich versuche, mit mäßigem Erfolg, meinen Vorstellungen von einem guten Leben gerecht zu werden. Dazu gehört auch, bewusst zu entscheiden, wann und wie dieses Leben zu Ende gehen soll. Es ist mein Leben, es gehört niemandem sonst. Ich will mein Sterben als letzten Abschnitt meines Lebens bewusst erleben. Und ich will, dass es ein gutes Sterben ist.

Vielleicht wird sich das Nachdenken über diese Fragen von einer Sekunde zur nächsten von selbst erledigen. Durch einen Unfall oder eine Gewalttat. Vielleicht wird mein Körper auch einfach das Licht ausschalten, ohne vorher zu fragen, ob es mir recht wäre (Geist und Körper kommunizieren bei mir nicht besonders gut miteinander. Einer von Beiden erweist sich meistens als schwach und damit als Sieger). Vielleicht aber wird es auch so sein, dass sich das Ende meines Lebens durch nicht mehr verdrängbare Zeichen des körperlichen und/oder geistigen Verfalls andeutet. Dann will ich über mein Leben und das Ende desselben entscheiden. Ich will nicht, dass Ärzte (mit ihrem fragwürdigen Berufsethos) zusammen mit Juristen (mit ihren juristischen Spitzfindigkeiten) darüber befinden, wann und wie mein Leben zu Ende gehen soll. Schon gar nicht will ich ‘im Rahmen gesetzlicher Regelungen’ sterben.

Je länger ich darüber nachdenke und mit jeder neuen Version dieses Textes wird mir klarer, dass die Angst vor dem Sterben genau so irrational ist, wie die Angst vor dem Tod. Zusammen mit dem Leben enden auch alle Empfindungen. Mit dem Sterben hören alle Qualen und Schmerzen auf. Vielleicht ist es ein schönes Gefühl zu sterben. Wer weiß das schon?

Im Grunde ist es ganz einfach:

Nichts → zu leben beginnen → fremdbestimmtes Leben → selbstbestimmtes Leben → gutes Leben → aufhören zu leben → Nichts

Ich würde (Konjunktiv!) es auch so durchziehen, bis zum Schluss. Wenn, ja wenn da nicht mein Freund wäre. Ich liebe ihn. Ihn zu lieben heißt, mit ihm zusammen ein gutes Leben zu leben und zumindest die wichtigsten Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Die Entscheidung, mein Leben zu beenden, könnte ich demnach nur mit ihm gemeinsam treffen, denn es scheint eine der wichtigsten Entscheidungen zu sein. Aber ich würde ihm damit auch eine gewaltige (Mit-)Verantwortung aufbürden. Und ich weiß nicht, ob er dieser mentalen Belastung gewachsen wäre. Aber darf ich ohne ihn entscheiden? Wohl kaum! Wenn wir schon darüber gemeinsam befinden, ob wir eine neue Waschmaschine kaufen oder nicht und wo wir unseren Urlaub verbringen, kann ich ihn bei einem offensichtlich lebensentscheidenden Entschluss nicht übergehen.

Ich würde (wieder Konjunktiv!) auch das durchziehen. Aber wie wäre es im umgekehrten Fall? Wie wäre es, wenn sich abzeichnete, dass nicht mein Leben, sondern das meines Freundes zu Ende ginge? Allein der Gedanke daran treibt mir Tränen in die Augen. Was, wenn er mir den Wunsch vermitteln würde, nicht mehr Leben zu wollen? Wenn er Schmerzen oder den betäubenden Einfluss von Medikamenten nicht mehr ertrüge? Würde ich ihn ’sterben lassen’? Würde ich ihm vielleicht sogar helfen, sein Leben zu beenden? Oder würde ich versuchen, es zu verhindern? Würde ich mich auf die Seite derer stellen, die darauf hinweisen, dass morgen schon ein neues Heilverfahren zur Verfügung stehen könnte. Würde ich mit den Moralaposteln argumentieren, dass Leiden eine Tugend sei und von der Erhabenheit des Leidens reden? Würde ich meinem Freund sagen, „Du musst bleiben so lange es geht, weil ich Dich brauche“? Würde ich ihn anflehen, mir nicht das Liebste zu nehmen, was ich habe?

Jemanden lieben heißt, ihn besitzen zu wollen. Aber es heißt nicht, ihn zu besitzen. Beides wird oft verwechselt. Ich will meinen Freund haben, aber ich habe ihn nicht. Ich nehme für mich in Anspruch, ein gutes Leben leben zu dürfen und gut sterben zu dürfen. Mein Freund ist der letzte Mensch, dem ich genau dieses verweigern darf. Wenn er gehen will, muss ich ihn gehen lassen. Er gehört zu mir, aber er gehört mir nicht. Nur meine Liebe zu ihm gehört mir. Und sie gehört mir auch noch, wenn er weg ist. Mit all den Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, muss ich fertig werden, nicht er. Er darf nicht für mich leiden.

Wenn mein Freund vor mir stürbe, egal ob ich Zeit bekäme, mich an die Situation zu gewöhnen oder ob es unerwartet geschähe, was würde dann aus mir werden? Ich wäre dann ein Überlebender. Ein Überlebender will ich nicht sein!

26 Antworten zu „Überlebender“

  1. Andrea sagt:

    ich muss das jetzt einfach mal loswerden. meine schwester Dorothee aus münster, sie sagt sie kennt dich, hat mir gestern abend gesagt ich solle diesen Post lesen, er würde mir helfen. Ich hätte schreien können. wenn ich deine telefonnummer hätte oder wüßte wo du wohnst, hättest Du eine standpauke bekommen, die sich gewaschen hat. Vor drei monaten ist meine tochter bei einem verkehrsunfall ums leben kommen. und mein mann hat eine tumurerkrankung. nachdem monatelang die ärzte alles mögliche an ihm ausprobiert haben, und es ihm mal ein paar wochen gut und dann wieder wochenlang saumäßig, wie das bei krebspatienten oft so ist, haben mir die ärzte nach weihnachten gesagt, dass sie keine hoffnung mehr haben und dass sie nur noch seine schmerzen lindern können. es ist so schlimm. und dann schreibst du so was… dass mit dem tod alles zu ende ist und selbstmord und so… ich war total durch den wind…ich bin erstmal rausgelaufen. weg, einfach durch die straßen, ich wollte diese gedanken aus dem kopf bekommen, ich wollte das was ich gelesen hatte ganz schnell wieder vergessen. aber irgendwann ist mir dann klar geworden, dass du recht hat, was du eigentlich meinst und warum meine schwester meinte, es würde mir helfen. ich bin nach hause gerannt. nur gut dass um die zeit keiner mehr unterwegs war. dann habe alles noch mal gelesen…. und ich habe die nacht damit verbracht, deinen ganzen blog zu lesen. alles was du bisher geschrieben hast es aht mich nicht mehr losgelassen… ich war so aufgeregt. ich glaube du meinst das alles ernst, was du hier schriebst, oder? ich habe nicht alles verstanden, insbesondere die schwulen sachen nciht, da fehlt mir wohl das hintergrundwissen. ich habe da jetzt auch keinen kopf für, aber ich werde mich demnächst mal damit beschäftigen. die moral-trilogie habe ich auch ncith so ganz begriffen… war aber auch viel zu lang, irgendwo habe ich den roten faden verloren. aber der rest, einfach klasse. ich habe mich ein wenig mit blogs beschäftigt weil mein jüngster sohn auch einen blog hat und ich einfach wissen will, was meine kinder in dieser internetwelt so treiben. aber ich habe noch nie einen blog wie deinen gelesen. es ist so echt. die langen texte habe ich sogar ausdruckt und dann wort für wort durchgearbeitet. ich war die ganze nacht über wach und dachte darüber nach. heute habe ich mir freigenommen udn bin ganz früh ins krankenhaus. ich habe meinem mann gesagt, dass ich mit ihm reden muss, ich habe ihm deinen text gegeben. aber es ging ihm wie mir zuerst, er hat es nicht verstanden. er hat mich gefragt, was ich mit dir zu tun habe und ob ich ihn etwa für schwul halte. ich war traurig und bin wieder gegangen aber ich habe den text dagelassen. und „liebe“ und „selbst schuld“ auch. vor einer halben stunde hat mein mann mich angerufen. er hatte es gelesen und er hat gesagt, ich solle mir auch morgen frei nehmen und zu ihm kommen. wir müßten reden, ganz viel reden. ich freue mich so. nciht weil es meiem mann schlecht geht. daran kann ich nichts ändern. ich freue mich weil cih jetzt weiß was wichtig ist und was ich in nächsten tagen und wochen zu tun habe.seit dem tod meiner tochter habe ich mich mit arbeit zugedeckt und meinen mann vernachlässigt. auch weil ich ihn nicht leiden sehen wollte und nach ablenkung gesucht habe. jetzt weiß ich dass das falsch ist und ich in die falsche richtung gelaufen bin. ioch weiß auch, dass ich nicht mehr auf unseren gemeindepfarrer höre, der jede woche kommt und mir etwas über die liebe und güte erzählt. er meint aberf nicht meine liebe und nicht die meines mannes. davon weiß es nichts. ich sehe jetzt auch den tod meiner tochter mit ganz andern augen.

    aber mit denem letzten satz bin ich nicht einverstanden. wenn es mir gelingt, in den wochen oder tagen, die mein mann noch hat, eine gutes leben, so nennst du es ja, mit ihm zu leben, wenn ich die echte liebe die uns vor mehr als 20 jahren zusammen gebracht hat, wieder finde, dann falle ich doch mit seinem tod nicht ins bodenlose. das gute leben und die liebe bleiben doch. vielleicht nur in der erinnerung…aber daran kann ich mich doch festhalten und weiter ein gutes leben leben. ich weiß nicht ob du das verstehst, aber alles was du hier schreibst, nimmt mir meine angst davor, eine überlebende zu sein.

  2. TheGayDissenter sagt:

    @ Andrea:

    e-Mail für Dich!

  3. Dennis sagt:

    Ich will kein Überlebender sein. Ich will keine Schmerzen haben, erleiden – aushalten müssen. Ich will dieses Gefühl des Unwohlseins, dieses Gefühl etwas – jemand der mir gut getan hat, mit dem ich mich wohlgefühlt habe und der jetzt nicht mehr da ist, der abwesend ist – dessen Abwesenheit mir Schmerz bereitet, diesen Schmerz der mir den Tag, das Leben nicht mehr lebenswert erscheinen lassen, den ich glaube nicht aushalten zu können – diesen Schmerz . . . den will ich nicht haben. . . . . . .

    * * * * * * * *

    Es beginnt damit, dass du „Ich“ sagst: Alles, was danach kommt, ist Illusion. Sawaki Kôdô Rôshi

    Hilft mir das? Bedingt dies das mein Schmerz weniger wird? . . . . .

    * * * * * * * * * *

    Vor einem Jahr ist Ilona gestorben. Sie war meine beste Freundin. Oft saßen wir einfach nur da, sagten wenig oder gar nichts. Wir haben uns einfach verstanden. Bei allem was mitunter zwischen uns stand. Die letzten Jahre waren von Operationen, Schmerzen von Krankenhausaufenthalten geprägt. Anfangs mahnte ich sie aus Sorge um sie immer wieder das sie doch endlich HIV Medis nehmen möge. Doch die Sorge um Sie hatte auch ihren Ursprung in meine eigenen Erfahrungen weil ich die Medis gut vertrug und hoffte – wollte das dies auch bei ihr so sein würde – könnte. . . . .und sie dadurch doch lange bei mir bleiben würde . . . . .

    Und es waren auch meine eigenen Ängste vor Schmerzen. Der Tod macht mir keine Angst aber der Prozess des Sterbens – das krank sein, das Aushalten von möglichen Schmerzen. Ich bin da eher neugierig . . mal sehen was da kommt. Wenn ich das sage dann gehe ich natürlich davon aus das da mehr ist als nur mein Körper der das Leben ausmacht. Tot-Sein als Gegenteil von Lebendig-Sein, die Abwesenheit von Leben . . . .nun für mich gibt es Zustände – Situationen da ist man trotzdem man lebt – lebendig ist – tot.

    Dennoch verstehe ich was Du meinst. Ilona ist nicht mehr da. Ich kann sie nicht mehr liebevoll ermahnen das sie doch das Essen wenn es ihr so gut schmeckt doch nicht kalt werden lassen möge weil sie wieder mal aus ihrem Fundus einer Ihren Männerfeindlichen Witze erzählte.

    In ihrer Gegenwart fühlte ich mich wohl, ihre Gegenwart hat mir gut getan. Und vice versa. Gespräche beflügelten uns gegenseitig. Ihre Anwesenheit, ihr Da-Sein löste in mir Gefühle aus die sich gut anfühlten und die ich am liebsten immer behalten – immer „Haben“ wollte.

    Lange Zeit habe ich an Ihr rumgebohrt das Sie doch etwas tun möge, das sie Medis nehmen möge. Und es hat lange gedauert bis ich sie verstehen konnte – bis ich verstand und annehmen konnte. Ihre ersten Erfahrungen mit Medis hatten zur Folge das sie eine Polyneuropathie in den Beinen bekam die sie nie wieder ganz los wurde. Das war der Grund warum sie lange keine Medis mehr wollte. Mit der Zeit nahmen ihre Kankenhausaufenthalte zu. Hüft OP, Tumor OP . . . .Zu sehen was sie erleiden mußte, was sie ertrug, dies auszuhalten war mehr als schwer.

    Irgendwann habe ich aufgehört an ihr rumzubohren, ihr zu sagen was das beste für sie sei. Und weil etwas für mich funktioniert bin ich nur zu gerne bereit das es bei dem Anderen auch so sein kann – muß, übersehe dabei das jeder seine eigene Vorstellung sei eigenes Konzept hat von dem was ihm gut tut – wie er mit einer Situation am besten klar kommt.

    Dieses Aushalten – dieses „er-tragen“ – dieses „mit-tragen“ eines Konzeptes das nicht mit dem eigenen Konzept, der eigenen Sichtweise entspricht ist das schwerste überhaupt. Und es wird auch nicht viel besser wenn man diese Erfahrung schon erlebt – erfahren hat. Der Kampf wird kürzer werden, man muß ihn nicht mehr so ausagieren wie beim ersten mal.

    Das letzte Jahr mit ihr zusammen war ein schönes Jahr. Es gelang uns beiden uns zu genießen – uns miteinander wohl zu fühlen. Die Kabbeleien die stattfanden waren immer von einem inneren Lächeln oder Grinsen begleitet. Die Grenzen zu Verletzungen wurden nicht mehr überschritten.

    Irgendwann hatte ich das Gefühl bekommen das Ilona sich bewußt für den Tod entschieden hatte, Sie kam an einen Punkt an wo sie keine OP s mehr über sich ergehen lassen wollte, keine Ärzte und Krankenhaus Odyssee mehr wollte.

    „Ist ein Menschen, ein guter Freund oder ein geliebter Mensch zu einem Teil dieses guten Lebens geworden, wird die Trauer über seinen Tod umso größer sein. Aber die Tränen die man vergießt, gelten dem Verstorbenen, auch wenn es ihm wiederum nichts nützt, und nicht den eigenen Versäumnissen.“

    Nicht nur den eigenen Versäumnissen – die sind im legitim weil weil menschlich. Jeder darf sich glücklich schätzen wenn er beim Tod eines Menschen sagen kann – Es gibt nichts was noch offen ist zwischen uns – nichts was ungesagt ist. Das ist ein gutes Gefühl das man haben, das der Tod eines geliebten Menschen mit sich bringen kann.

  4. Dennis sagt:

    „Das, was wichtig ist, müssen wir bald tun, sehr bald. . . . .Wenn wir es zu Lebzeiten des geliebten Menschen versäumt haben, ihm unsere Liebe zu zeigen, mit ihm Zeit zu verbringen, zu ihm zu sprechen, ihn um Verzeihung für die kleinen und großen Fehltritte zu bitten, . . . “

    Zwischen meinem Vater und mir herrschte lange Jahre Eiszeit. Es gab vieles was zwischen uns stand. Jeder war davon überzeugt das das eigene Konzept des Lebens das „richtige“ sei. Und wie das nun mal so gehen kann – insbesondere dann wenn man den anderen Menschen mag – liebt , man will – möchte man verstanden werden, möchte das der Andere einen versteht. (. . .weil dieses verstanden werden ist ja auch eine Form das der Andere mich mag – liebt, das der Andere mich akzeptiert, annimmt, . . . ;) )

    Nun das funktionierte natürlich nicht. Und so kam es dann das wir manchmal wie Methusalix aus Asterixund Obelix krückstockschwingend mit hochrotem Kopf uns gegenüberstanden: ICH WILL DAS DU MICH JETZT VERSTEHST. :)

    Die letzte Jahre vor seinem Tod hatte ich das Gefühl das es sehr vieles gab worüber ich mit sprechen mußte – weil ich es gerne geklärt hätte. Manchmal war es uns beiden möglich in einer Atmosphäre der Gelassenheit miteinander zu reden – einander zu zu hören. Manchmal funktionierte es aber auch nicht. Es bedrückte mich das es nicht möglich war und ich stellte mir vor das es für mich unangenehm sei wenn nach seinem Tod das eine oder andere zwischen uns noch offen – unausgesprochen geblieben war.

    Und dann war dieser da sonnige Nachmittag im Oktober – zwei Monate vor seinem Tod. Zwei Männer eingemummelt in ihren Jacken saßen wir auf der Terasse und genossen die wärmenden Strahlen der Herbstsonne. In diesem Moment löste sich alles auf was zwischen uns stand. Wir waren beide einfach nur Da – im HIER und JETZT.

    Von diesem Moment an war all das was uns Jahrelang trennte verschwunden.

  5. TheGayDissenter sagt:

    Hallo Dennis!

    Herzlichen Dank für Deine beiden ausführlichen Schilderungen. Danke für’s Erzählen und auch für die ‘Winke’.
    Genau wie die Worte von Andrea nehme ich sie einfach auf, lasse sie auf mich wirken, kommentiere sie hier aber nicht. Ich weiß auch gar nicht, was ich hinzufügen oder entgegen halten sollte.

    Mit Sawaki Kôdô Rôshi kann ich nicht viel anfangen. Ich habe vor ein paar Jahren angefangen zu lesen, was er gesagt bzw geschrieben hat, und schnell wieder damit aufgehört. Für meinen Geschmack hat er zu viele ‘Ein-Satz-Weisheiten’ produziert.

    Liebe Grüße,

    Stefan

  6. Dennis sagt:

    ach . . mit den „Winken“ ist das so eine Sache, Stefan. Ich vergeß mitunter das die Art und Weise wie ich schreibe oftmals der Eindruck entstehen könnte das es „allgemein gültig“ sei. doch es sind nur meine erfahrungen – die lösungen – bzw das verständnis wie ich etwas verstehe – wahrnehme. und es gilt für mich solange bis ich neue erfahrungen und sichtweise die sich mir eröffnet haben reflektiere. insofern meine erkenntnis – und entscheidungen die gestern noch stimmig und gültig waren können morgen schon nicht mehr stimmig sein . . . .

    deine texte – deine gedanken sind sehr befruchtend – und sehr tief . . . und es macht spaß zu sehen das es andere menschen gibt die ähnlich denken – wahrnehmen und zu ähnlichen ergebnissen – erkenntnissen kommen.

    lieben gruß dennis

  7. TheGayDissenter sagt:

    @ Dennis

    Oh, ich komme mit Deiner Art zu Schreiben sehr gut zurecht. Vielleicht waren da ja mehr ‘Winke’, als Du selbst vermutest.

    LG,

    Stefan

  8. Dennis sagt:

    das ist drin ulli . . . manchmal überrasche ich mich selbst . . . :)

  9. Dennis sagt:

    ups stefan meinte ich natürlich . . .:)

  10. ondamaris sagt:

    @ dennis:
    (lach) na – das nehm ich jetzt mal als großes kompliment, dass du stefan und mich durcheinander bringst :-)

  11. TheGayDissenter sagt:

    Maybe, Ulli, ich formulier’s mal in Englisch, da klingt es eleganter, Dennis wants to fix both of us up ;)

  12. andreschneider sagt:

    Mein Lebenspartner nahm sich vor rund vier Jahren das Leben, am 24. März 2004. Ich kann nur sagen, dass sich die Fragen, die in diesem (übrigens sehr gut geschriebenen) Beitrag aufgeworfen werden, gar nicht stellen… 2004/2005/2006 dachte ich, ich überlebe es nicht. 2007 fing ich LANGSAM wieder an, leben zu wollen. Ich hoffe, es 2008/2009 zu schaffen.

  13. TheGayDissenter sagt:

    Du wirst es schaffen. Ohne Dich zu kennen, André, ein Querlesen Deines Blogs vermittelt mir diese Einschätzung.

    Es ist nicht der richtige Ort, hier unten in der Kommentarecke, um über solche sehr persönlichen, nicht austauschbaren, vielleicht mitteilbaren, aber nicht teilbaren Erlebnisse und Ansichten zu schreiben. Dennoch: Ich glaube nicht, dass ich die Kraft aufbringen könnte, weiter zu gehen. Gerade deshalb begegne ich Menschen, die das können, die nicht stehen bleiben, deren Leben nicht stehen bleibt, mit sehr großer Wertschätzung.

  14. uwe sagt:

    habe aufmerksam die Einträge auf dieser Seite gelesen und freue mich darüber!
    Habe leider vor 4 Monaten meine große Liebe, meine geliebte Schmuka verloren, und lebe in großer Traurigkeit, jeden Tag jede Nacht. Ich kann mich nicht entscheiden, eigentlich habe ich früher diesselbe Einstellung zum Leben bzw. Nichtleben nach dem Tod vertreten, aber seit meine Elke weg ist, wünsche ich mir einen „Himmel“ die Hoffnung sie doch noch mal wiederzusehen.

  15. andreschneider sagt:

    @ TheGayDissenter: Ich wollte mich gar nicht so gross auslassen. Nur soviel: Ich glaube, jede7r glaubt, dass er/sie nicht die Kraft aufbringen kann, weiterzugehen. Und dennoch leben die allermeisten Witwen/Witwer weiter. Wenn’s passiert ist, staunt man, wieviel man tragen und ertragen kann.

  16. TheGayDissenter sagt:

    @ Uwe, André

    Ich lasse das einfach mal so stehen. Nicht aus Unhöflichkeit. Vielmehr weil ich Euren Erfahrungen und Empfindungen aus dem wirklichen Leben nur Theoretisches entgegen zu setzen hätte. Ich bin, genau wie mit dem Ausgangspost, sehr unsicher, ob ich das was ich Denke und Fühle in die richtigen, in angemessene Worte fassen kann.

  17. Sich selbst verlieren « The Gay Dissenter sagt:

    [...] ihrem demenzkranken Ehemann Walter Jens berichtet. Ich finde in dem Interview Gedanken, die mir nicht fremd [...]

  18. Glaubensfragen - Glauben oder Fragen? « The Gay Dissenter sagt:

    [...] dass auch ich ein gutes Lebens nach dem Tod haben werde. Und ich sehe, dass sie hier und jetzt ein gutes Leben [...]

  19. Lügen bis über den Tod hinaus? « The Gay Dissenter sagt:

    [...] selten auf und ich habe mich gefragt, was ich in so einer Situation Antworten würde. Mit einer Grundsatzdebatte über das Leben und Sterben und den Tod auf so ein Hilfeersuchen zu reagieren, wäre sicher verfehlt. Für verfehlt halte ich aber auch die [...]

  20. gay bright sagt:

    Ich finde den Gedanken von Theo Kars gut. Nur glaube ich nicht, dass man ihn verallgemeinern kann. Das Problem ist, dass ich nicht glaube, dass das nüchterne Ziehen einer Bilanz die Regel ist und will eine Ausnahmen nennen:
    1.) Depressive Menschen „sitzen in einem schwarzen Loch“ und schaffen meiner Erfahrung die Bilanzierung nicht.
    2.) Mangelnde Lebenserfahrung – man sieht keine Möglichkeiten mehr, obwohl es welche gibt.
    3.) Emotionale Unreife: Die Verzweiflung ist so groß, dass man sicht nicht mehr vorstellen, kann, dass es weitergeht. Das oben genannte Argument mit Witwen und Witwern ist gut – viele gehen weiter. Man verliebt sich neu. Die Verzweiflung über den Tod eines geliebten Menschen weicht einer Melancholie – und irgendwann sieht man den Menschen in weiter Ferne. Ich will damit sagen, dass der geliebte Menschen auch nach seinem Tod immer ein Teil des eigenen Lebens bleiben wird. Man fragt sich: Was habe ich falsch gemacht? Was würde er sagen, wenn er mir einen Ratschlag geben könnte?

  21. TheGayDissenter sagt:

    @ gay bright:

    „Wer sich nach reiflicher Überlegung entschließt“, schreibt Kars. Das setzt einen klaren Kopf und nüchternes Denken voraus. Ich denke schon, dass sich das verallgemeinern lässt. Ob die unter 1.) von Dir genannten Menschen dazu in der Lage sind, ist eine andere Frage. Mit Deinen Ausnahmen unter 2.) und 3.) bin ich sehr vorsichtig. Ich wage kaum zu beurteilen, wie es um die Lebenserfahrung und die emotionale Reife anderer Menschen bestellt ist. Wir können alle nicht in andere Menschen hineingucken und jeder hat seinen höchstpersönlichen Beurteilungs- und Ermessensspielraum, an den wir nicht unsere Maßstäbe anlegen dürfen. Auch wenn wir Ansichten und Entscheidungen anderer Menschen nicht verstehen, müssen wir sie manchmal azeptieren und respektieren.

    Was wir tun können, wenn wir es mit Menschen in schwierigen Situationen zu tun haben, ist, versuchen, sie dahin zu bringen, sich Zeit für ihre Entscheidungen zu nehmen, nichts zu überstürzen, ein zweites, drittes oder hunderstes Mal nachzudenken, versuchen, andere, bisher vielleicht unbedachte Aspekte ins Spiel zu bringen. Nur müssen wir uns davor hüten, so zu tun, als sei unsere Lebenserfahrung die bessere (es gibt Menschen, die haben 50 Jahre lang die falschen Erfahrungen gemacht) oder als seien unsere Ansichten und Wertungen die gültigeren.

  22. DINshredder sagt:

    Für die meisten endet es wohl so: Das, was gay bright als ’schwarzes Loch’ bezeichnet, ist bereits der Tod. Das Umbringen selbst ist nur noch die Beseitigung der letzten Spuren.
    Es gibt sehr wohl ‘umsichtige Vorbereitungen’, die für dieses beinahe boshaft von der Umwelt eingeforderte Verantwortungsgefühl sprechen. Es gibt Leute, die vorher alles regeln. Nur eines nicht: andere ’schonend’ auf das eigene Ableben vorzubereiten. Eine unglaublich blödsinnige Erwartung, man hätte es als Überlebender einfacher, wenn der andere anders als durch die eigene Hand gestorben wäre. Selbstmord ist für den, der ihn begeht, eine gerechtfertigte und für ihn unausweichliche Todesart. ‘Schuld’ geistert nur in den Köpfen der Überlebenden herum und macht es ihnen auch nicht einfacher.
    Ein schon Toter spricht nicht. Wenn er nichts sagt, geht es eben nicht. Sonst würde er es ja tun.

    Die Autorin des Zeitungsartikels, der Gay und Bright zu seinem Post veranlaßte, ist eine ganz kapitale dumme Gans.

  23. gay bright sagt:

    Hallo DINshredder,

    ich halte Dein Urteil bzgl. der Autorin für zu hart. Da ich Bahfahrer bin und einige der Strecken sehr „beliebt“ bei Selbstmördern sind, saß ich schon oft in Zügen, die trotz Nothalt einen Menschen erfassten. Auch in dem Bericht konnte sich der entsprechende Mensch es sich nehmen lassen, vor eine Bahn zu springen. Ich habe selber schon als Kind eine völlig zerschmetterte Leiche in den Bäumen neben dem Bahndamm hängen sehen und träume immer noch davon. Für den Selbstmörder ist alles vorbei, für den Lokführer oder damals mich als Kind, das mit dem Rad zur Schule fuhr, beginnt der Albtraum. Oder was ist mit einem Vater, der den Tod seiner Frau nicht verkraften kann, Selbstmord begeht und Kinder zurücklässt? Ein Freudn von mir musste das erleben, dass so seine beiden Eltern starben und seine Welt völlig zusammenbrach. Ich kann eben nur sagen, dass in den Formen, wo ich mit Selbstmord konfrontiert wurde, immer ein gehötiges Maß Rücksichtslosigkeit dabei war.

    Ich will das ncht verallgemeinern, meine aber schon, dass man auch von einem Selbstmörder Rücksicht gegenüber seiner Umwelt oder seinen Kindern fordern sollte – und sei es nur bei der Wahl des Todes, der Absicherung der Hinterbliebenen usw.

  24. gay bright sagt:

    @ Gay Dissenter

    „Ich wage kaum zu beurteilen, wie es um die Lebenserfahrung und die emotionale Reife anderer Menschen bestellt ist.“

    Da hast Du recht, das sit sehr schwierig. Als ich das schrieb, dachte ich an Selbstmorede schwuler Jugendlicher, worüebr ich kurz in http://gaybright.blogspot.com/2009/01/selbstmorde-schwuler-jugendlicher.html geschrieben habe.

    Das Coming Out ist für viel zu viele leider noch ein Prozess, der mit Diskriminierung, unerwiderter Liebe etc. zu tun hat. Und viele zerbrechen an diesen Belastungen und wählen den Selbstmord. Und das halte ich für falsch. Es gibt eben im Leben auch „düstere“ Zeiten. Wenn ein 16jähriger bilanziert und feststellt, dass die letzten 4 Lebensjahre eine Qual waren, dann gilt ihm mein Mitgefühl und ich hoffe, dass ihm die Gesellschaft hilft. Der Selbstmord ist aber keine Lösung.

    Natürlich ist es arrogant und im Einzelfall auch falsch, wenn ich Jugendlichen die Reife abspreche. Aber dennoch glaube ich, dass eine gesellschaftlische Botschaft „Selbstmord ist keine gut Lösung“ sehr weise ist. Die Gesellschaft muss aber auch wissen, dass es Ausnahmen gibt, die diese Regel bestätigt – und damit tut sich unsere Gesellschaft tatsächlich viel zu schwer.

  25. TheGayDissenter sagt:

    Hier zunächst der Post, auf den jetzt mehrfach Bezug genommen wurde:

    http://gaybright.blogspot.com/2009/01/selbstmordversuche-schwuler-mnner.html

    @ gaybright:

    Wir sind gar nicht weit auseinander. Ich sehe mit Schrecken die hohe Zahl von Selbstmorden und Selbstmordversuchen schwuler junger Männer. Und mir ist durchaus klar, das eine Lebenssituation, in der Entäuschungen und Anfeindungen den Tagesablauf bestimmen, nicht gerade ein nüchternes Bilanzieren des eigenen Lebens erlaubt. Insofern finde ich es gut, dass Du dieses Thema in mehreren Posts unter einem anderen Gesichtpunkt als ich beleuchtet hast.

    Der Wertung von DINshredder in Bezug auf die taz-Schreiberin kann ich mich allerdings anschließen. Da hat eine Dame vom grünen Tisch aus über Dinge geschrieben, die sie nicht versteht. Gerade in dem dortigen Fall dürften sich viele Dinge im Hintergrund abgespielt haben, die den Medien und der Öffentlichkeit nicht bekannt sind.

    Einen gänzlich unbeteiligten Menschen (Triebfahrzeugführer, Autofahrer,..) zum Werkzeug des Selbstmords zu machen, kann ich jedoch auch nicht gutheißen.

  26. termabox sagt:

    eine herzliche Umarmung und „Danke“, Stefan, ich fühle mich so verstanden und lese in deinem Blog auch meine Gedanken.

    In einem Vortrag innerhalb der Tagung der Heinrich Böll-Stiftung am 11.11.2005 „Das Sterben in die Mitte holen“ formulierte ich z.B.:

    „Beziehungsgestaltung findet statt, solange ein Mensch lebt. Gerade auch in der Sterbesituation liegen einmalige Chancen, die Gesprächsbereitschaft auch für sehr persönliche Themen steigt und die Gestaltung der Beziehung geht daher weiter. Erst der Tod trennt uns.“

    Schön, dass Du durch die Rubrik „most important“ mir den Weg zu Deinem Text bereitet hast!

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