Ohne Strafe keine Moral

Im Grunde genommen könnten einem vernünftig denkenden Menschen die moralischen Auffassungen seiner Mitmenschen gleichgültig sein. So wie jeder nach seinem Glauben glücklich werden mag, soll doch auch jeder nach seinen moralischen Ansichten (die in der Regel eng mit Glaubensauffassungen verbunden sind) sein Leben führen.

Nun ist es aber so, Steven Pinker macht in seinem Aufsatz darauf aufmerksam, das Moralauffassungen häufig eine universelle Geltung beigemessen wird. Hält man eine Regel wie ‘einen Menschen zu töten ist falsch’ für essentiell für das menschliche Zusammenleben, bedeutet das, dass alle Menschen diese Regel zu akzeptieren und Konsequenzen für ihr Verhalten daraus zu ziehen haben. Konkret: Ich töte keine anderen Menschen und von anderen erwarte ich, dass sie es ebenfalls nicht tun.

Wer nun allerdings glaubt, damit sei das erste Element eines weltumfassenden moralischen Verhalteskodexes gefunden, der irrt. Wie noch zu zeigen sein wird, sind die Moralisten höchst unterschiedlicher Auffassung darüber, ob es falsch ist, einen Menschen zu töten. Aber auch bei vernünftiger Betrachtung stellt sich heraus, dass es eine unumstößliche Regel, die das Töten von Menschen verbietet, nicht geben kann. Dazu später mehr.

Ein weiteres Kennzeichen moralischer Auslegungen ist der Strafanspruch, den Moralisten erheben. Und spätestens damit kann sich auch ein vernünftig denkender Menschen der Auseinandersetzung mit der Frage, was Moral ist, was moralisches Verhalten ist, nicht mehr entziehen. Denn er läuft Gefahr für sein Verhalten, wenn es in den Augen anderer als unmoralisch angesehen wird, bestraft zu werden. Dies gilt insbesondere dann, wenn ‘die anderen’ das Recht der Stärkeren, das Gesetz, auf ihrer Seite haben. Es geht den Moralisten nicht nur darum, selbst nach den Regeln der Moral zu leben oder (das dürfte eher der Fall sein) ein solches Leben vorzuspiegeln. Sie erwarten auch von allen anderen Menschen, dass diese ihr Leben nach diesen Regeln ausrichten, unabhängig davon, ob diese anderen Menschen ihre Moralvorstellungen teilen oder nicht. Verstößt jemand gegen diese Regeln, erwarten ihn Strafen. Strafen, die, an den Moralvorstellungen der Strafenden gemessen, nicht selten als höchst Unmoralisch anzusehen wären. Bertrand Russell meint hierzu: ‘Die Zufügung von Grausamkeit mit gutem Gewissen ist eine Freude der Moralisten’. Die Moral rechtfertigt die Unmoral – sie taugt zu kaum etwas anderem.

Geht es um essentielle Fragen des menschlichen Zusammenlebens, mag man der Moral noch eine gewisse Ordnungsfunktion zubilligen. Aber selbst um grundlegende Störungen im Zusammenleben der Menschen, wie Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Folter, Krieg, zu verhindern, braucht es keinerlei Moral. Einfache vernünftige Überlegungen tun es auch. Zwar beweißt die Geschichte der Menschheit, dass viele Menschen, vielleicht sogar eine überwältigende Mehrheit der Menschen, nicht zu einfachen vernünftigen Überlegungen in der Lage sind und deshalb das Quälen und sinnlose Töten von Menschen nicht verhindert werden konnte und auch heute, im Jahr 2008, nicht verhindert werden kann. Aber die Ersatzdroge Moral konnte und kann es ebenso wenig. Während Vernunft aber niemals zur Rechtfertigung von Unvernunft herangezogen werden kann, ist es gerade die Moral, die die Unmoral rechtfertigt. Die Ursache ist darin zu suchen, dass Moral, entgegen den Beteuerungen der Moralisten, nichts Feststehendes ist. Sie ist austauschbar und hängt im Wesentlichen vom jeweiligen Standpunkt ab. Moral bildet keine übergreifenden Werte. Moral ist nicht einmal in der Lage, eine einfache Regel, die das Töten von Menschen, mit Ausnahme von absoluten Notsituationen, verbietet, zu schaffen, geschweige denn für deren Durchsetzung zu sorgen. Moral an sich ist wertlos, weil sie sich selbst entwertet.

Dies alles wäre halb so schlimm, wenn der Moralismus nicht in immer mehr Lebensbereiche eindringen würde. Sind Moralisten schon seit je her an der Sexualität des Menschen und deren Reglementierung (‘es ist unmoralisch, … zu praktizieren’) interessiert, werden mittlerweile auch ganz andere Dinge unter dem Gesichtspunkt der Moral diskutiert.

Das Rauchen zum Beispiel hat sich spätesten mit der Endeckung der schädlichen gesundheitlichen Auswirkungen des sogenannten Passivrauchens zu einer Moralfrage entwickelt. Wurde früher Tabakqualm als belästigend empfunden und an Raucher appelliert, Rücksicht auf Nichtraucher zu nehmen, werden heute Raucher als Aussätzige behandelt. Die Raucherzonen in Flughäfen und auf Bahnhöfen ähneln nicht selten einem Zwinger oder einem Pranger. Rauchen ist heute ein moralisch verwerfliches Verhalten. Ein Verhalten, dass in früheren Zeiten völlig unbeanstandet blieb, ja, zeitweise sogar zum Guten Ton gehörte, erfährt heute völlige Ablehnung. Zu Recht? Raucher verdammende Moralisten beeilen sich, die schädlichen Folgen des Rauchen in drastischen Farben darzustellen. Dabei bemühen sie auch pseudowissenschaftliche Erkenntnisse und eine sachliche Diskussion des Themas ist kaum noch möglich. Im Grunde geht es den Moralisten aber gar nicht um die Gesundheitsfürsorge, sondern darum, Regeln, die durchaus fragwürdig sind, aufzustellen und deren Nichteinhaltung zu bestrafen. Einen wunderbaren Beleg dafür lieferte jüngst der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister, der allen Ernstes behauptete, Rauchen sei während der Karnevalszeit unschädlich! Es geht also gar nicht darum, einen bestmöglichen Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens zu schaffen, sondern nur darum, ein Regelwerk in die Welt zu setzen, mit dem Raucher diffamiert werden können.

Ein anderer Auswuchs sind die ‘punitive damages’, mit denen Tabakkonzerne in den USA in den vergangenen Jahren belegt wurden. Ruinöse Schadenersatzzahlungen mit Strafcharakter wurden von mehreren erstinstanzlichen Gerichten verhängt, weil von den Jurys das Verhalten der Tabakindustrie als unmoralisch angesehen wurde. Die ‘punitive damages’ hätten, wenn sie in den folgenden Instanzenzügen bestand gehabt hätten, den Verlust von zehntausenden Arbeitsplätzen zur Folge gehabt. Dies wurde als Folge des als unmoralisch beurteilten Verhaltens der Tabakkonzerne von den Jurys hingenommen.

Sind die Folgen des Rauchens für die Gesundheit des Rauchers und für die passiv Mitrauchenden nicht von der Hand zu weisen (aber gewiss nicht so dramatisch, wie uns das weiß gemacht werden soll), gibt es andere Lebensbereiche, in denen Menschen sich durch ‘ungesundes’ Verhalten möglicherweise selbst schädigen, nicht aber andere Menschen. Und dennoch werden auch hier bestimmte Verhaltennormen auf die Ebene moralischer Grundsatzfragen gehoben.

Es geht um unsere Ernährung: Es gibt tatsächlich Menschen, nicht zu wenige, die der Ansicht sind, dass ihre Ernährungsgewohnheiten, deren Vorteilhaftigkeit für die Gesundheit längst nicht erwiesen ist, auch anderen aufzwingen wollen. Es leuchtet ohne weiteres ein, dass es vernünftig ist, auf den Lebensmittelverpackungen die Inhaltsstoffe genau anzugeben; nicht zuletzt damit Menschen mit Allergien und Unverträglichkeiten die richtige Nahrung für sich auswählen können. Die farbliche Kennzeichnung mit roten, gelben und grünen Markierungen aber hat nichts mit Vernunft zu tun. Hier ist wieder die primitive Moral im Spiel. ‘Rot’ soll warnen, soll ein schlechtes Gewissen auslösen, soll signalisieren, dass hier etwas zwar nicht Verbotenes, aber doch Unmoralisches gekauft wird. Wie so oft soll hier der Verstand der Menschen ausgeschaltet werden. Sie sollen davon abgehalten werden, selber zu beurteilen, was für sie gut oder schlecht ist. Statt dessen sollen sie die vorgefertigte Meinung der Ernährungsmoralisten im wahrsten Sinne des Wortes ’schlucken’.

Ein vergleichsweise neues Spielfeld für Moralisten ist der Klimawandel. Neuerdings werden mit den unglaublichsten Begründungen die verschiedensten Verhaltensweisen (Auto fahren, Wohnung beheizen) als schädlich dargestellt. Ernst zu nehmende Wissenschaftler, die darauf hinweisen, dass der Klimawandel längst nicht so dramatisch verläuft, wie er in den Medien und von der Politik dargestellt wird und das ein schneereicher Winter und ein regenreicher Sommer in der Geschichte der Wetterbeobachtung keine besonderen Vorkommnisse sind, die darauf aufmerksam machen, dass sich das Klima auch ohne die Existenz von Menschen verändern würde, die vor Panikreaktionen und sinnlosen 10-Minuten-Stromausschalt-Aktionen warnen, werden verhöhnt und ausgelacht. Hier ist wieder zu beobachten, wie die Moral versucht, über die Vernunft zu siegen. Schon sind die verschiedensten Reglementierungen im Gespräch. Schon werden Strafen für Klimasünder ersonnen. Vor ein paar Wochen las ich darüber, dass Rinder durch ihre Ausscheidungen, namentlich ihre gasförmigen Ausscheidungen, zum Klimawandel beitrügen. Es würde mich nicht wundern, wenn bald schon die Bestrafung furzender Kühe [Verzeihung!] von den Klimamoralisten gefordert würde.

4 Antworten zu „Ohne Strafe keine Moral“

  1. ondamaris sagt:

    der überschrift muss ich las kant-fan ja dann doch ein wenig widersprechen – eine ethik (diesen begriff ziehe ich vor) sollte sich idealerweise qua (eigener) erkenntnis durchsetzen. dabei können gut und gerne verschiedene ethische systeme „nebeneinander“ existieren – solange niemand ‘missioniert’.
    im späteren text stimme ich dir in vielem zu – so dass ich vermute, die ursache (meiner ‘bauchschmerzen’) liegt in der begrifflichkeit ‘moral – ethik’

    was deine beispiele rauchen und ernährung angeht, erscheint mir (gerade angesichts drohenden ‘gesundheits-terrors’) wichtig: es sollte informationen geben über wege gesund zu leben, und auch angebote hierzu. allerdings muss dem immer eine freie (eigene) entscheidung zugrunde liegen – die auch das recht beinhaltet, sich eben für das „ungesunde“ (i.e. rauchen, fast food …) zu entscheiden, und zwar ohne ’schuld’ und ‘bestrafung’.

    lg ulli

  2. TheGayDissenter sagt:

    Hallo Ulli!

    Jetzt hast Du mir die Pointe kaputt bemacht… ;) Eigentlich wollte ich im vierten oder fünften Teil meiner Moral-Trilogie auf ‘Ethik’ zu schreiben kommen. Allerdings bin ich Dir für den Kommentar sehr dankbar. Ich habe noch mal ein bisschen nachgelesen und stellte fest, dass die Begriffe ‘Ethik’ und ‘Moral’ doch nicht so klar voneinander abgegrenzt werden können, wie ich angenommen hatte.

    LG,

    Stefan

  3. ondamaris sagt:

    ooops, ich verneige mich entschuldigend für das untrilogische verhalten ;-)

  4. Vom Trolley-Experiment zur Lebenswirklichkeit: Der Teddybär Mohammed « The Gay Dissenter sagt:

    [...] dann, wenn die Moral Gesetzeskraft erlangt hat. Denn das Gesetz verhilft den Moralisten, den Strafanspruch der Moral zu verwirklichen. Jeder, der dann an der verordneten Moral zweifelt, der es auch nur wagt, zu [...]

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