Mutter Teresa, Bill Gates, Norman Borlaug: Bewundernswerte Menschen?

Am 13. Januar 2008 hat die New York Times einen Aufsatz mit dem Titel ‘The Moral Instinkt’ von Steven Pinker, Johnstone Family Professor of Psychology at Harvard University, veröffentlicht.

Heute und in den nächsten Tagen greife ich einige Überlegungen Pinkers auf.

Zu Beginn seiner Ausführungen stellt Steven Pinker die Frage, welcher der drei nachfolgend genannten Menschen der bewundernswerteste sei: Mutter Teresa, Bill Gates oder Norman Borlaug? Und er fragt weiter, welcher dieser drei Menschen der an wenigsten bewundernswerteste sei.

Für viele Menschen, so konstatiert Pinker, scheint es darauf eine einfache Antwort zu geben. Mutter Teresa, berühmt durch ihre Tätigkeit in Kalkutta, Friedensnobelpreisträgerin, durch den Vatikan selig gesprochen, hat in einer us-amerikanischen Umfrage den Rang der meistbewunderten Person des zwanzigsten Jahrhunderts erreicht. Bill Gates findet sich am anderen Ende der Skala wieder und Websites wie ‘I Hate Gates’ sprechen Bände. Aber wer ist Norman Borlaug? Was auf den ersten Blick ein einfaches Thema zu sein scheint, offenbart bei tieferer Betrachtung, dass die einfache Antwort wohl eine falsche Antwort ist.

Norman Borlaug gilt als Vater der ‘Grünen Revolution’, die agrarwissenschaftliche Erkenntnisse nutzt, um den Hunger zu bekämpfen. Ihm dürfte die Rettung mehrerer Milliarden Menschenleben zu verdanken sein – mehr als jedem anderen Menschen in der Geschichte.

Bill Gates setzt einen erheblichen Teil seines Vermögens direkt und indirekt für die Erforschung von Gesundheitsrisiken und die Entwicklung von Heilungsmethoden für heute zum Teil noch als Unheilbar geltenden Krankheiten ein.

Mutter Teresa folgte ihrem Armutsgelübte und betrieb ihr finanziell bestens ausgestattetes Missionshaus entsprechend ihrer eigenen Lebensauffassung: Ihren kranken Missionsgästen wurden viele Gebete angeboten; dafür mussten sie auf Analgetika weitgehend verzichten und die medizinische Versorgung war primitiv.

Steven Pinker meint, es sei nicht schwer zu verstehen, warum die tatsächliche Wahrnehmung dieser drei Menschen in der Öffentlichkeit sich so sehr von ihren tatsächlichen ‘guten Taten’ unterscheidet.

Mutter Teresa war die fleischgewordene Heiligkeit: Weiß gekleidet, traurige Augen und wenn sie fotografiert oder gefilmt wurde, dann fast immer mit sterbenskranken Menschen umgeben.

Bill Gates erscheint als absoluter Sonderling und er ist einer der reichsten Männer der Welt. Dass er ‘in den Himmel kommt’, erscheint so unwahrscheinlich, wie ein Kamel durch ein Nadelöhr zu bringen ist.

Norman Borlaug, mittlerweile 93 Jahre alt, hat sein Leben in Laboren und Non-Profit-Organisationen verbracht. Er hat die Medienwelt gemieden und befindet sich deshalb nicht in unserem Bewusstsein.

Steven Pinker bezweifelt selbst, dass diese Beispiele ausreichen, um jemanden zu überzeugen, statt Mutter Teresa Bill Gates in den Stand der Heiligkeit zu erheben. Aber sie zeigen, dass sich unsere Aufmerksamkeit durch eine Aura des Heiligen beeinflussen und beeindrucken lässt und wir so von einer objektiven Beurteilung des tatsächlich Geleisteten abgelenkt werden.

Mutter Teresa ist, zumindest in der jüngeren Geschichte, ein Prototyp der Medienmenschen, die es verstanden haben, die Menschen nicht über das Vermitteln von Fakten anzusprechen, sondern über die emotionale Ebene. In dem sie sich selber als moralische Instanz (’seht her’, ich tue viel Gutes’) darstellt, täuscht sie unseren moralischen Instinkt. Ihr Leiden ausdrückendes Gesicht vermittelte den Eindruck, dem personifizierten Guten gegenüber zu stehen und hielt (und hält noch heute) viele Menschen davon ab, zu Hinterfragen, was diese Frau da eigentlich gemacht hat. Obgleich die Menschen in ihrem Missionshaus in ärmlichsten Verhältnissen lebten, wagte niemand, die Friedensnobelpreisträgerin zu fragen, wo denn die Spendengelder in Millionenhöhe geblieben sind. Für die Ausstattung der Unterkünfte und die medizinische Versorgung der Kranken sind sie offensichtlich nicht verwendet worden. Unser moralischer Instinkt schaltet unseren Verstand aus. Diese Ordensfrau kann doch nur Gutes tun. Ihr Schlechtes zu unterstellen verbietet sich von selbst. Allein nur daran zu denken, einmal kritisch nachzufragen, wird von manchen Menschen schon als Sakrileg empfunden.

Getreu der Erkenntnis, dass Menschen lieber unterhalten als unterrichtet werden wollen, hat sie uns ihre Leidensmiene gezeigt, nicht aber die Jahresberichte (wenn es sie überhaupt gibt) ihres Missionswerks.

Einer ihrer bekanntesten Nachahmer war Karol Józef Wojtyła. Im Amt des Oberhauptes der römisch-katholischen Kirche merkte er sehr schnell, dass die Menschen nicht durch theoretische Ausführungen über den rechten Glauben zu erreichen sind, wohl aber über eine emotionale Ansprache. Die Leidensmiene, flankiert von regelmäßigen ärztlichen Bulletins, die die Echtheit des Leidens untermauern sollten, erreicht Wojtyla den Status einer hohen moralischen Instanz. Im Schatten dieser Aura warf er mit fragwürdigen Enzykliken und Kardinalsernennungen, mit Selig- und Heiligsprechungen nur so um sich, wie es die Kirchengeschichte nie zuvor gesehen hat. Sein direktes Ansprechen unserer moralischen Instinkte zeigte Wirkung. Die in der Regel nur an emotionalen Oberflächlichkeiten interessierte Öffentlichkeit nahm das alles hin, tröstete und täuschte sich selbst damit, dass dieser alte, leidende Mann doch nur Gutes für die Welt im Sinn haben könne. Die sich bei genauem Hinsehen entfaltende Wirklichkeit hat mit der scheinbaren Wahrheit jedoch nicht viel gemein.

Das gegenwärtige Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche hat erkannt, dass ihm die Rolle des vor der Kamera Dahinsiechenden nicht liegt und er auch nicht das passende Gesicht hat, um das Tragen von allem Leid der Welt auszudrücken. Er versucht, durch seine Stimme unseren moralischen Instinkt auf seine Seite zu ziehen. Durch monotone und artikulationslose Gleichförmigkeit des sprachlichen Ausdrucks versucht er den Eindruck von absoluter Reinheit zu erweckend. Wer so spricht, wer frei von wütenden, frei von freudigen, frei von erregten, frei von leidenschaftlichen Schwankungen in der stimmlichen Artikulation ist, so das Kalkül, muss seine Gedanken fest im Griff haben. Die Reinheit der Stimme soll eine Reinheit der Gedanken assoziieren und damit wiederum unseren moralischen Instinkten vorgaukeln, dass wir es mit einer moralischen Instanz zu tun haben. Der Inhalt der Rede wird kaum noch wahrgenommen, denn es kann ja nur Gutes sein. Der Trick scheint zu funktionieren.

Allerdings müssen wir gar nicht bis in die Vatikanstadt schauen, um das Ausspielen der ‘Moralkarte’ zu beobachten. Schaut man sich die Entwicklung unserer Bundeskanzlerin während ihrer bisherigen Amtszeit an, ist auch dort, neben den Bemühungen ihr äußeres Erscheinungsbild gefälliger zu gestalten, ein klares Anstreben des Status einer moralischen Instanz festzustellen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Hat ein Politiker erst einmal erreicht, als moralisch unanfechtbar zu gelten, spielt es keine Rolle mehr, welche Politik er macht (oder ob er überhaupt noch etwas macht). Allein das gezielte Beeinflussen unserer moralischen Instinkte, lässt den Politiker in einem positiven Licht erscheinen. ‘Was der/die macht, wird schon richtig sein.’ Für den so Beeinflussten ist das übrigens der bequemste Weg, denn er erspart das eigene Nachdenken.

11 Antworten zu „Mutter Teresa, Bill Gates, Norman Borlaug: Bewundernswerte Menschen?“

  1. koww´s Webblog sagt:

    Mutter Teresa und Co…….

    Super Beitrag bei TheGayDissenter. Der war gestern gut für eine fast 4 stündige Diskussion im Freundeskreis. Unter meinen Freunden sehr kontrovers.

  2. kroski.meint sagt:

    „In dem sie sich selber als moralische Instanz (’seht her’, ich tue viel Gutes’) darstellt, täuscht sie unseren moralischen Instinkt…wo denn die Spendengelder in Millionenhöhe geblieben sind. Für die Ausstattung der Unterkünfte und die medizinische Versorgung der Kranken sind sie offensichtlich nicht verwendet worden. Unser moralischer Instinkt schaltet unseren Verstand aus“, so schreibt TheGayDissenter.

    ich denke, auch harvard- und (insbesondere) oxford-professoren haben so ihre probleme mit dem Sinn des Lebens, vielleicht sogar mit der ethik ihres eigenen handelns. da ich mein studium an einer sehr renommierten wirtschaftsuni abgeschlossen habe, kenne ich so manches „heilige professorenleben“. und da haben wir nun die sonntagspredigt aus der vogelperspektive, in der von mir geschätzten nyt.

    lassen wir die unterstellungen gegenüber mutter theresa zunächst auf der seite. in wahrheit, und jetzt kommt der knackpunkt, ist es doch viel einfacher, gar „objektiver“ und wissenschaftlicher, wenn wir in den helikopter steigen, und die kosten/nutzenbrille aufsetzen. einfacher ist es, scharz auf weiss ist es, und zahlen lügen doch nicht!

    ganz exakzt in dieser ecke wollen uns populäre atheisten-vertreter sehen: die maske (ja, es ist ja nur eine maske, sagen sie!) der nächstenliebe reissen wir den menschen herunter, schliesslich dürfen etwaige leichen im keller doch nicht verdeckt werden, wir sind doch alle menschen, nicht wahr, so gut kann ein mensch doch nicht wirklich sein, oder?

    ich sehe sie schon vor mir, die globale menschenbewertungsmatrix, die seligsprechungen, heiligenschein, und unzulässig-emotionale faktoren eliminiert. wo wir in strengen prüfungen die guten taten, die nicht wirklich oder gar nicht gut waren, wieder abziehen. willkommen, schöne neue und religionsfreie welt, wir feiern die global matrix awards!

    empfehlen kann ich an dieser stelle, einmal zu recherchieren, wieviel direktem neid und hass, sowie lebensbedrohenden situationen mutter theresa ausgesetzt war. nicht so schön abgeschirmt wie bill. nicht so im verborgenen wie norman. nein, jeden tag, und direkt, und unmittelbar. mit dieser einordnung werden die verdienste der beiden herren nicht im mindesten geschmälert. aber eines wird klar: mit kosten/nutzen schemata werden wir den leistungen dieser drei aussergewöhnlichen menschen nicht gerecht.

    nicht unser moralischer instikt schaltet den verstand aus, gaydissenter. es sind vielmehr die weissen westen der professoren, die auf weissem papier, im namen eines blütenweissen (?) neuen (?) atheismus, schreiben: das lässt wahrhaftig bei manchen den verstand aussetzen. viel vergnügen also, mit den global matrix awards der neuen, objektivierten welt.

  3. TheGayDissenter sagt:

    Hallo Stefan!

    Auch Professoren haben das Recht sich zu äußern.

    Auch wenn sich unser Leben hier auf dem Boden abspielt, ist der Überblick, den die Vogelperspektive bietet, machmal recht hilfreich. Stolpern wir hier häufig von einem Problem zum nächsten, würde uns etwas Abstand, etwas mehr Überblick schnell zu Lösungen verhelfen. Ich räume gerne ein, dass Überblick nicht Durchblick bedeutet.

    Ich nehme nicht an, und so verstehe ich den NYT-Artikel auch nicht, dass Steven einer Kosten-Nutzen-Analyse das Wort redet. Der Hinweis auf die vielen Menschenleben, die Borlaug möglicherweise gerettet hat, soll wohl kaum der Einstieg in ein Bewertungsschema sein. App Bewertungsschema: Ist es nicht so, dass die Glaubensgemeinschaften Menschen anhand ihrer religiös-moralischen Messlatte bewerten? Hängt nicht die zu tuende Buße in der rk Kirche vom Ausmaß des Regelverstoßes ab. Der auf dem Heiligen Stuhl Sitzende hat erst kürzlich wissen lassen, wie er mich und mein Leben bewertet: Er hält mich für eine Gefahr für den Weltfrieden. Warum? Weil ich zu meinen Empfindungen und zu meinem Freund stehe. Weil ich meinen Freund von ganzem Herzen liebe und diese Liebe auch durch körperliche Interaktionen zum Ausdruck bringe. Das ist ein Sakrileg und bringt mich auf die unterste Stufe der kirchlichen Moralskala. Ein Priester, der Panzer und anderes Kriegsgerät segnet, steht hingegen ein Verfechter des Weltfriedens da und dürfte bei Herrn Ratzinger und in der kirchlichen (rK) Morallehre allergrößte Wertschätzung genießen.

    Ich sehe auch noch lange nicht eine ‘neue, objektivierte Welt’ vor der Tür stehen. Im Gegenteil: Ich empfinde das kaum zu stoppende Eindringen von Glaubenslehren und damit zusammenhängenden Moralisierungen in nahezu alle Lebensbereiche als unerträglich. Es vergeht doch kaum ein Tag, an dem nicht Bischöfe oder islamische Äquivalente alte und neue Moralismen verkünden. Moral und Gott dringen immer mehr in die Politik ein (unerträglich in diesem Zusammenhang der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Rüttgers in seinen Äußerungen zum Jahreswechsel). Es werden immer mehr Sachfragen, für die es einfache und praktikable Lösungen gäbe, auf den Level von Moralfragen gehoben und damit zu ‘Glaubensfragen’ gemacht. Insofern sind Dawkins und Steven Pinker keine Vorboten einer Atheismus-Flut, sondern eher Felsen in der Glaubensbrandung (Am Rande: Dawkins, dass ist mir beim Lesen Ihrer Ausführungen zu seinem ‘Gotteswahn’ deutlich geworden, eignet sich nicht als Fels in der Brandung. Ich habe sein Buch vom Stapel ‘demnächst zu lesen’ auf den Stapel ‘nur bei langeweile zu lesen’ verlagert. Für die Vermittlung dieser ‘Erleuchtung’ bin ich Ihnen dankbar.)

    Mutter Teresa (meine Recherchen haben ergeben, dass für ein ‘h’ in ihrem Ordensnamen kein Platz ist), mag Situationen welcher Art auch immer ausgesetzt gewesen sein. Es ändert nichts an der Fragwürdigkeit ihrer Auffassung von Nächstenliebe. Nächstenliebe heißt, dem Nächsten etwas tun, was ihm (dem Nächsten!) gut tut, nicht was in erster Linie dem Tuenden gut tut.

    Herzliche Grüße,

    Stefan

  4. kroski.meint sagt:

    die verleumdung von mutter teresa ist mir zu dumm, sorry. (andererseits danke für die korrektur: das „heilige h“ habe ich innzwischen entfernt.)

    aus welcher verletzung heraus auch immer, ich verstehe die enttäuschung, oder auch den zorn auf die kirche, wahrscheinlich besonders auf die römisch-katholische kirche.

    habe gerade „das leben der anderen“ gesehen. ein gut gespielter film über die stasi-welt der ehemaligen ddr. mein vater stammt aus karl-marx-stadt, ich bin in südbayern und österreich aufgewachsen, habe also keine direkten verbindungen in den osten, aber trotzdem spüre ich ein überdurchschnittliches interesse an dem thema.

    kirche ist langsam, und man kann natürlich nicht einfach davon ausgehen, dass hier alles im sinne des vaters und des sohnes jesus christus abläuft, ich spreche hier auch zu mir, selbstverständlich.

    andererseits kann ich auch nichts gutes in einer vermeintlich befreiten, atheistischen welt erkennen. ob hunnen, chinesen, russen unter stalin, korea im 20. jahrhundert, oder der real existierende sozialismus in der ehemaligen deutschen demokratischen republik: ein leben unter diesen systemen, glaube mir, ist das schlimmer als alles, was wir uns ausmalen können. klar, atheistisch dominierte gesellschaften müssen nicht auf solche systeme hinauslaufen. aber sie haben es getan. und schlimmeres ist für mich nicht vorstellbar.

    da kann man doch mal nachdenken, ob der widerstand gegen eine in einigen punkten schwer zu verstehende kirche tatsächlich die abkehr von einem spirituellen, gott zugewandten leben rechtfertigt.

    herzliche grüsse,
    ebenfalls stefan

  5. Ohne Strafe keine Moral « The Gay Dissenter sagt:

    [...] ist es aber so, Steven Pinker macht in seinem Aufsatz darauf aufmerksam, das Moralauffassungen häufig eine universelle Geltung beigemessen wird. Hält [...]

  6. TheGayDissenter sagt:

    Lieber Stefan,

    warum sind sie bei ‘Mutter Teresa’ so empfindlich? Es sind gerade diese Empfindlichkeiten, die ich bei glaubenden Menschen immer wieder feststelle. Wer wirklich von etwas überzeugt ist, so C G Jung, ist vollkommen ruhig und kann, ohne unversöhnlich zu sein, über seinen Glauben im Sinne eines persönlichen Standpunkts diskutieren.

    Es kann doch für die zuständigen kirchlichen Stellen nicht so schwierig sein, mal ein paar Zahlen zu nennen. Wie hoch war das Spendenaufkommen? Wie sind die Gelder verwendet worden? Darüber wird es doch Aufzeichnungen geben. Wenn alles mit rechten Dingen zugegangen ist, ist aus dem Thema schnell die Luft raus. Sie erinnern sich gewiß noch an Papst Johannes Paul I und an die ganzen Gerüchte (Mord, Mordkomplott) und Verschwörungstheorien, die nach seinen Tod aufkamen. Bestseller sind darüber geschrieben worden. Jahrelang hat der Vatikan Informationen zurück gehalten und damit den ganzen Schreiberlingen erst den Stoff für die Legendenbildung gegeben. Später, als dann der Vatikan Obduktionsberichte und andere Unterlagen zugänglich machte, stellte sich heraus, dass an all den wilden Vermutungen nicht viel dran war. Der ganze Geheimhaltungszirkus schadet der Kirche mehr als er ihr nutzt.

    Mit dem Begriff ‘Atheismus’ und seinen gängigen Definitionen kann ich nicht viel anfangen. Ich würde mich auch nicht als Atheisten bezeichnen. Im Grunde kann ich mit allem, was auf ‘ismus’ endet, nicht viel anfangen. Schon deshalb würde ich ein Gesellschaftssystem, das Atheismus heißt, nicht unbesehen begrüßen. Denn auch da steckte dann wohl ein Regelwerk dahinter, dass zu befolgen wäre. Oder es bedient sich bestimmter, schon vorhandener Regelungskonzepte, zB des Sozialismusses; Sie haben es selbst beschrieben. Im Grunde sind diese Gesellschaftssysteme, einerlei ob auf Katholizismus oder Sozialismus basierend, sich alle gleich: Meine persönlichen Freiheiten sollen mir genommen werden, und zwar aufgrund (ggf religiöser) Prinzipien und Moralvorstellungen, die nicht die meinen sind.

    Ich kann ihnen versichern, dass meine Haltung gegenüber glaubensbasierten Gesellschaftssystemen (egal ob Christentum oder Islam) nicht aufgrund einzelner ‘Verletzungen’ zustande gekommen ist (auch wenn ich mich immer gerne zum Erdbeerschorsch äußere). In meiner Schulzeit hatte ich einen Religionslehrer (aus einem frommen katholischen Elternhaus stammend war ‘Glauben’ Pflicht), dessen Unterricht daraus bestand, dass wir Schüler die Bibel auswendig zu lernen hatten. Er meinte, dadurch würde der rechte Glaube vermittelt. Ich bin diesem Lehrer sehr dankbar, denn alles was ich lese, löst bei mir unwillkürlich Fragen aus. Und meine erste große Frage, auf die ich keine Antwort fand, war: Was ist aus den Heiligen Drei Königen geworden? Erst wird so ein riesen Tamtam gemacht, und dann verschwinden die offenbar höchst wichtigen Leute sang- und klanglos. Zu meinem Erstaunen fand ich diese Frage später bei Albert Schweitzer wieder… Und so reihte sich Frage an Frage. Antworten fand ich kaum. Sie wurden mir auch nicht von anderen (Lehrer, Eltern, Priester, Ordensleute) gegeben. Ich habe mich und andere gefragt, was mit ‘Gott’ eigentlich gemeint sei. Die Antworten waren ausweichend und vage. Es hieß vielmehr, gelegentliche Glaubenszweifel seien ganz normal und würden sich wieder geben. Sie haben sich nicht gegeben; im Gegenteil, ich merkte dass mein Unwohlsein, meine innere Unruhe daher kam, dass ich nach Gott, nach dem Glauben suchte. Ich habe irgendwann erkannt, dass es unvernüftig ist, an etwas glauben zu wollen, das es nicht gibt. Seit dem fühle mich nicht ärmer, sondern reicher. Und ich kann endlich das Leben leben, das ich für ein gutes Leben halte.

    Herzliche Grüße,

    Stefan

  7. CZimmer sagt:

    @krosi: meinen sie nicht, dass 2000 jahre christentum die menschheit nahe genug an den rand des abgrunds gebracht haben und das es an der zeit ist, das experiment zu beenden.

    @stefan: wäre nicht eine neue kategorie moral ganz gut um die einzelnen beiträge schneller wiederzufinden, falls du noch sehr schreibwütig sein solltest… ;)

  8. TheGayDissenter sagt:

    @ CZimmer: Done!

  9. Wider die Vernunft - Das Trolley-Problem « The Gay Dissenter sagt:

    [...] die Vernunft – Das Trolley-Problem Steven Pinker führt in seinem Aufsatz mehrere Beispiele, die auf den Psychologen Jonathan Haidt zurück gehen, auf, die zeigen, wie [...]

  10. kroski.meint sagt:

    ein nachtrag zu mutter teresa. auch ein beispiel für den offenen (offenen, richtig gelesen) umgang mit gelebtem glauben, hier im fall der „ikone des 20. jahrhunderts“.

    http://www.zeit.de/2007/38/ST-Mutter-Theresa?page=all

    ist kein „bekehrungsversuch“. wäre sinlos. das zählen der an m.t. gegebenen scheinchen ist wichtig (hm, vielleicht sogar unwiderlegbar) für kritiker der m.t., dadurch enlarvt man doch ihr falsches, aber kirchlich brilliant ausgeschlachtetes leben.

    aber klar, für kritiker heiliger menschen ist auch „der offene umgang“ nur ein hinweis oder beweis, dass die rkk die medialen zeichen der zeit erkannt hat, und jetzt auf die offenlegungsschiene setzt.

    und ganz toll ist, dass kritiker jede dieser (vermeintlichen) kehrtwendungen gleich mitmachen können. zuerst die verschlossenheit, jetzt vielleicht die offenheit beschmutzen?

    ps zum schmunzeln: auch beim posting des verlinkten artikels auf „theolounge“ hat der autor ein „heiliges h“ zu teresas namen gemogelt (thersea statt teresa)…

  11. TheGayDissenter sagt:

    @ kroski:

    Nein, lieber Stefan, so schön können Sie mir den Schuh gar nicht vor die Füße stellen, als dass ich ihn anziehen würde. Dem Artikel in der Zeit entnehme ich, dass das Buch nichts grundlegend Neues über A.G. B. (ich kann das mit den Abkürzungen auch!) enthält. All die Zweifel, die Suche, die Wendungen im Leben der A. G. B. sprechen eher für sie, als gegen sie. Keinesfall sprechen sie aber für die unantastbare Richtigkeit ihres Tuns.

    ‘Thersea’ ist übrigens ein heute nur noch selten vorkommender weiblicher Vorname aus der gälischen Sprachwelt. Hin und wieder ist ‘Thersea’ auch als Familienname anzutreffen.

    Bekommt sie denn durch die Kanonisation ihr ‘h’?

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