“Allen Religionen ist das Merkmal zu eigen, dass sie nicht auf den Erwerb irdischen Glücks aus sind, sondern Glück nach dem Tod versprechen. Wer beschließt, sich einer Glaubensrichtung zu verschreiben, muss also an eine Gewissheit glauben, die alles andere als gewiss ist, nämlich an das Weiterleben unserer Seele nach dem Tod unseres Körpers. Es gibt keine einzigen Beweis für die Vorstellung, dass unsere Sinne unabhängig von ihren Organen existieren könnten und dass nach unserem Tod mehr von uns übrig bleibt als von einer Bakterie, einer Pflanze oder einem Tier. Auch die Idee eines <höheren> Wesens (Jahwe, Gott, Allah et cetera) beruht auf einem rein spekulativen Denken. Anhänger einer Religion gehen noch weiter, indem sie ihr Bild von einem <höheren Wesen> für das einzig richtige halten. Gläubige sind, kurz gesagt, Glücksspieler, die in einem imaginären Rennen auf ein nicht existentes Pferd setzen.
Der Glaube an ein Jenseits und an die Unsterblichkeit der Seele entspringt der Angst. Die Furcht, sein Leben nicht so gestalten zu können, dass die Momente des Glücks die Kümmernisse und Unzulänglichkeiten bei weitem überwiegen, bringt viele Menschen dazu, auf ein Leben nach dem Tod zu hoffen, in dem sie doch noch auf ihre Kosten kommen werden. In Kriegs- und anderen schweren Zeiten, das heißt, wenn sich die Chancen auf ein irdisches Glück deutlich verringern, füllen sich die Kirchen. Die Anfälligkeit für eine Religion ist dann ausgeprägter als die mangelnde Resistenz gegen einen Grippevirus bei unfreundlichem Wetter. In einer Wohlstandsgesellschaft nimmt diese Anfälligkeit ab und die Zahl der Kirchgänger beschränkt sich auf eine kleine Gruppe von Fanatikern und geborenen Verlierern, eben auf diejenigen, die nicht über die rechte Mischung aus Mut und Kraft verfügen, um selbst unter günstigen Bedingungen ein glückliches Leben führen zu können.
Auch wenn religiöse Fanatiker dies nicht zugeben und auch nie zugeben würden, werden sie von Missgunst und Unsicherheit verzehrt. Sie nehmen Anstoß an den irdischen Genüssen der Nichtgläubigen und äußern sich abfällig über diese Freunden des Lebens. Sie nennen sie eitel und selbstgefällig, was einer Beschimpfung gleichkommt. Wenn die Anzahl der offiziellen Anhänger einer bestimmten Religion in einem Land aufgrund einer Koinzidenz verschiedener Umstände so stark zunimmt, dass sie politisch die Oberhand gewinnen, zeigen die Fanatiker ihr wahres Gesicht. Sie übernehmen die Führung und kleiden ihre Ideen in allgemein verbindliche Gesetze; jeder hat dann gemäß ihren Vorstellungen zu leben. Gelingt ihnen das, haben sie weniger Anlass zu Missgunst und Neid, und es fällt ihnen leichter, an die Richtigkeit ihrer spekulativen Erwartungen zu glauben. Sie knebeln Andersdenkende und schmeicheln sich anschließend selbst mit dem illusorischen Gedanken, ihre Auffassungen seinen nicht anfechtbar, weil sie ja unwidersprochen hingenommen werden.
Glaubensfanatiker jeder Religion betrachten Leiden als eine Tugend und missbilligen fast jede Art von Sinnenfreude. Dies führt bei einigen zu Exzessen wie Selbstkasteiung und Selbstverstümmelung. Je größer das Leiden, desto größer auch die Chance auf einen Platz im Himmel – so ihr Gedankengang. Die Gemäßigteren denken nicht anders, sie gehen nur nicht ganz so weit. Das Rückgrat aller Religionen besteht aus einem Bündel an Vorschriften, die alle möglichen Vergnüglichkeiten einschränken oder ganz verbieten wollen. Fasten, ein Leben in Armut sowie sexuelle Enthaltsamkeit gelten als verdienstvoll, sinnliche Genüsse und Freuden als sündig. Da ein Hedonist nach dem entgegengesetzten Prinzip lebt, muss er sich darüber im Klaren sein, dass religiöse Schwärmer seine natürlichen Gegner sind. Sein Motto lautet: <Leben und leben lassen>, ihres hingegen <Leiden und leiden lassen>. Er muss stets auf der Hut vor ihnen sein und sich vor Augen halten, dass in jedem überzeugten Gläubigen, so unorthodox und tolerant er sich auch geben mag, ein Unterdrücker schlummert. Wenn er genauer nachfragt, wird er immer deutlicher erkennen, dass es die persönlichen Freiheiten sind, die Andersdenkenden nur aufgrund religiöser Prinzipien und Moralvorstellungen genommen werden sollen: das Recht auf Abtreibung, Selbsttötung, Prostitution und auf den Konsum von Genussmitteln, die Freiheit, bestimmte Meinungen zu äußern, auch wenn sie noch so unrichtig sind, das Recht auf freie Liebe und die Freiheit, allen erotischen Fantasien mit Stift, Pinsel, Meißel oder Kamera Ausdruck zu verleihen.”
(Aus: Theo Kars, Philosophie für Nonkonformisten, C H Beck, München 2004. Hervorhebungen nicht im Original.)
02/01/2008 um 12:55 |
hi! nur eine klitzekleine randbemerkung – bitte auch bei kleinen details besser recherchieren! im jüdischen glauben gibt es keine hinwendung an das jenseitige als hoffnungsträger. in den geboten ist eindeutig eine präferenz von sozialer verantwortung klar zu erkennen; d.h.: mach hier das beste aus deinem leben und hilf anderen, es genauso zu tun. es gibt keinen grund, auf einen “himmel” zu warten, solange wir menschen von unseren möglichkeiten und eben auch wahl-möglichkeiten her berufen -also verpflichtet- sind, den himmel auf erden zu errichten. und dafür braucht der jüdische glaube keinen himmel und keinen “götzendienst” an eine trinität von drei gottähnlichen figurinen (gottvater, christus und seine `ma). HIER ist das leben zu praktizieren. schöne grüße ! jürgen
03/01/2008 um 7:45 |
Hallo Jürgen!
Es handelt es bei dem gesamten Text um ein Zitat. Aber selbst unter Berücksichtigung Deines Einwands ändert sich nichts an der Richtigkeit der Kars’schen Auffassung.
VG,
Stefan
18/02/2008 um 8:48 |
[...] Allen Religionen ist das Merkmal zu eigen, dass sie nicht auf den Erwerb irdischen Glücks aus sind, sondern Glück nach dem Tod versprechen. Wer beschließt, sich einer Glaubensrichtung zu verschreiben, muss also an eine Gewissheit glauben, die alles andere als gewiss ist, nämlich an das Weiterleben unserer Seele nach dem Tod unseres Körpers. Es gibt keine einzigen Beweis für die Vorstellung, dass unsere Sinne unabhängig von ihren Organen existieren könnten und dass nach unserem Tod mehr von uns übrig bleibt als von einer Bakterie, einer Pflanze oder einem Tier. Auch die Idee eines <höheren> Wesens (Jahwe, Gott, Allah et cetera) beruht auf einem rein spekulativen Denken. [weiter] [...]