…. ist der Titel einer Studie der Forschungsgruppe Public Health des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialwissenschaften (WZB), die jetzt in einer Kurzfassung vorliegt. Es ist eine merkwürdige Studie. Der vollmundige Titel verspricht tiefgehende Einblick in das Leben schwuler Männer. Heraus kommen sind dabei ein paar ungesicherte Zahlen, die die Frage beantworten sollen, wer mit wem wie oft Sex hat. Und es geht im Wesentlichen um HIV und AIDS. Sehr wichtig, keine Frage. Aber das Leben schwuler Männer besteht nicht nur aus Sex und HIV/AIDS.
Was ich im Einzelnen zu meckern habe:
Dabei sollten neben den Reaktionen auf AIDS auch Aspekte der Lebensverhältnisse schwuler Männer – Lebensstile, Szenekontakte, Offenheit im schwulen Leben, Gewalterfahrungen – berücksichtigt werden.
Von allem etwas, nichts wird richtig beleuchtet.
Weil sich insbesondere jüngere und ältere Männer mit gleichgeschlechtlichem Sex häufig nicht als „schwul” oder „homosexuell” bezeichnen, wird im Folgenden die Formulierung „Männer, die Sex mit Männern haben” (MSM) gewählt.
Leute, so wird das nichts. Schwul und homosexuell haben etwas mit der sexuellen Orientierung und, zumindest will ich es so verstehen, mit der Lebenseinstellung zu tun. MSM beschreibt eine Personengruppe, nämlich die der Männer, die Sex mit Männern hat, unabhängig von der sexuellen Orientierung, unabhängig von den Gründen für diese Art von Sex. Schon im Ansatz gescheitert, wird die zutreffendere Formulierung MSM nicht konsequent in der Studie verwendet.
Wie schon in den vorhergehenden Befragungen zeigen sich auch 2007 deutliche schichtspezifische Unterschiede in der Betroffenheit von HIV und AIDS. Männer aus den unteren sozialen Schichten sind fast doppelt so stark betroffen wie MSM aus mittleren Schichten. Für die Präventionsarbeit der AIDS-Hilfen bedeutet dies, dass nach wie vor ein besonderes Augenmerk auf sozial benachteiligte schwule Männer zu richten ist.
Das müsste nun etwas genauer ausgeführt und differenziert dargestellt werden. Durch welche Merkmale wird die “untere soziale Schicht” definiert? Soweit mir bekannt, gibt es hierfür keine allgemein gültige Begriffsbestimmung. Außerdem sind schwule Männer, wenn sie in einer Partnerschaft leben, gegenüber Männern in heterosexuellen Partnerschaften in Deutschland schon von Gesetzes wegen (auch) sozial benachteiligt.
Etwa die Hälfte (47%) aller befragten MSM lebt zum Zeitpunkt der Befragung nicht in einer festen Partnerschaft. Dieser Anteil ist unabhängig von der regionalen Herkunft (vgl. Abbildung 3). Ab einem Alter von etwa 25 Jahren ist dieser Anteil ebenfalls konstant (nicht dargestellt). In allen bisherigen BZgA-Wiederholungsbefragungen schwuler Männer lebt etwa die Hälfte aller MSM in festen Beziehungen. Offene Beziehungen sind in schwulen Ballungszentren häufiger als „monogame”.
Hier, wie auch im weiteren Verlauf der Darstellung, wünschte ich mir etwas mehr Klarheit. Die Art der Beziehung, gleichgeschlechtlich oder verschiedengeschlechtlich, bleibt offen. Gerade diese Unterscheidung wäre aber für das Finden von Ansatzpunkten für die Präventionsarbeit wichtig. Das die Verfasser sich aber nicht entscheiden können oder wollen zwischen MSM und schwul, bleibt hier wie im folgenden vieles offen.
Dennoch biete die Studie auch Interessantes und Nachdenkenswertes:
7% der Befragten aus Berlin und 6% der Befragten aus HH, M, K oder F geben an, im Jahr vor der Befragung mit mehr als 50 unterschiedlichen Partnern Sex gehabt zu haben.
Also ein wöchentlicher Wechsel. Ist das eigentlich viel?
In der diesjährigen Befragung liegt der Anteil der Männer, die sich regelmäßig über HIV und AIDS informieren, bei insgesamt 25% [...]. Der Anteil derer, die sich gar nicht informieren, liegt bei insgesamt 20%.
Zwanzig Prozent von denen, die es auch angeht, informieren sich nicht! Das darf nicht wahr sein! Wir schreiben das Jahr 2007. Ein paar Klicks und alles wesentlichen Informationen sind verfügbar.
Von Pöbeleien und Beschimpfungen betroffen sind insbesondere Männer, die ihre Homosexualität offen leben (16% der Männer, die sich gegenüber allen bedeutsamen Personen im sozialen Umfeld “geoutet” haben, gegenüber 5% der nicht „geouteten” Männer). MSM, die ihre Homosexualität nicht offen zeigen, sind – wie zu erwarten – am wenigsten von Gewalt betroffen, zahlen dafür aber den Preis, ihre Homosexualität zu verheimlichen.
1. Wie waren denn nun die nicht geouteten Männer von Pöbeleien und Beschimpfungen betroffen? Und wer hat sie beschimpft?
2. Nochmals: MSM und Homosexualität sind nicht dasselbe.
3. Der Preis, den offenen schwul lebende Männer zahlen, ist ungleich höher, als der Preis, der in der Verheimlichung der Homosexualität liegt. Der LSVD schätzt, dass 3 % der in Deutschland lebenden Männer homosexuell sind und dazu stehen. Der Anteil homosexueller Männer insgesamt wird jedoch auf 10 bis 15 % (einige Quellen sprechen von 20 %) geschätzt. Würden sich nur weitere 3 vH outen, wäre das bereits eine Verdoppelung der offen schwul lebenden Männer. Das würde nicht nur die Wahrnehmbarkeit schwuler Männer und deren Belange deutlich erhöhen, sondern auch den Umgang der ‘Normalgesellschaft’ mit Schwulen positiv beeinflussen. Es gibt viele nachvollziebare Gründe, im Schrank zu bleiben, und noch viel mehr nicht nachvollziehbare Gründe. Aber wer sich dafür entscheidet, ist für die Schwierigkeiten, die Gewissensnöte, die seelischen Schmerzen, die dadurch entstehen, selbst verantwortlich. Diesen Preis zu zahlen, ist eine eigene Entscheidung. Wer offen lebt, und dafür gedemütigt und benachteiligt wird, ein paar auf die Schnauze bekommt, wessen Gesundheit durch Fußtritte und Messerstiche ruiniert wird, der zahlt den Preis, den unserer ach so vorbildliche Gesellschaft den schwulen Menschen auferlegt. Dieser Preis ist ungleich höher, als der der Heimlichkeit!
Vorbehaltlich des nicht genau modellierbaren Einflusses der Veränderungen in der Zusammensetzung der Teilnehmer der verschiedenen Erhebungswellen lässt sich eine deutliche Erosion von Safer Sex im Verlauf der letzten siebzehn Jahre mit diesen Daten nicht belegen.
Diese Aussage entspricht meinen bescheidenen Erfahrungen und widerspricht erfreulicherweise der hysterischen Gegenauffassung (”verantwortungslose Schwule”).
Der Vergleich der verschiedenen Erhebungen liefert somit keine belastbaren Hinweise darauf, dass der Anstieg der HIV-Neudiagnosen bei MSM in Deutschland auf merklich gestiegene Partnerzahlen zurückzuführen sein könnte.
Auch damit wird erfreulicherweise einschlägiger Legendenbildung entgegen getreten.
Im Zeitverlauf der Erhebungswellen wird ferner deutlich, dass der Anteil der MSM, die keinen HIV-Test gemacht haben, von über einem Drittel (1991) auf ein knappes Fünftel (seit 1999) gesunken ist. Entsprechend gegenläufig nehmen die Anteile der Männer, die sich häufiger als zweimal haben testen lassen, zwischen 1991 und 2007 von einem Viertel auf die Hälfte der Teilnehmer kontinuierlich zu. [...]
Der hier dargestellte Trend im Testverhalten ist ein weiteres Indiz dafür, dass der beobachtete Anstieg der HIV-Neudiagnosen bei MSM teilweise über die Zunahme der Testhäufigkeit in dieser Gruppe zu erklären ist.
Auch das ist sehr wichtig. Und es passt so gar nicht in das Bild, was manche Zeitung gerne von Schwulen zeichnet: Risikobereit, hemmunglos, verantwortungslos. Nein, es ist anders. Und dennoch: Warum haben so viele Jungs und Männer ein Problem damit, sich regelmäßig auf HIV und andere STIs testen zu lassen?
Und jetzt habe ich noch etwas zu meckern:
Immer mehr MSM machen regelmäßig einen HIV-Test. Eine sekundärpräventive Botschaft der AIDS-Hilfen und der BZgA ist somit bei der Zielgruppe angekommen.
Wirklich? Hier haben wir wieder das klassische Problem, dass MSM mit homosexuell/schwul gleichgesetzt wird. Die Zielgruppe ‘MSM aber nicht schwul/homosexuell’, wurde, soweit ich die Präventionsarbeit verfolgt habe, bisher nicht gezielt angesprochen.
31/12/2008 um 12:04 |
[...] vor über einem Jahr hat das WZB einen Kurzbericht über die Befragung vorgelegt, den ich mit kritischen Anmerkungen zur Kenntnis genommen habe. Nach Studium des Gesamtberichts verstärken sich meine Bedenken ob [...]
18/02/2009 um 10:55 |
“Let’s get tested TOGETHER BEFORE we have sex, for A VARIETY of STDs.”
a) How widespread is the phenomenon?…
b) are the rates of new infections zero or nearly zero for sex partners taking part in the phenomenon?… of the strategy of “Let’s get tested TOGETHER BEFORE we have sex, for A VARIETY of STDs.”
Sexual health checkups reduce ambiguity and can be like anything else POTENTIAL sex partners do together.