Schwul ist normal? – Schwul ist nicht normal!

In einem Kommentar zu einem meiner Posts zürnte mir jemand,

wie man heute (anmerkung: wir befinden uns im 21. jahrhundert) noch einen expliziten schwulenblog betreiben kann, ist mir rätselhaft. ihr schwulen und lesben seid frei, mann/frau! oder checkst du das nicht? eure partnerschaften sind legalisiert, weder der staat, terroristen, noch die kirchen verfolgen euch (jedenfalls sind aktuell keine schwulen- oder lesbenverbrennungen bekannt).
eine bescheidene bitte: ihr schwulenfundis, erinnert heteros nicht ständig an eure völlig uninteressanten sexuellen präferenzen, sondern verhaltet euch endlich wie echte menschen, die nicht ständig an ihre libido erinnern, sondern fangt an, über die probleme zu diskutieren, die uns menschen wirklich interessieren [...]

Nach Replik, Duplik und Triplik hatte ich die Sache eigentlich abgehakt. Aber auf meinem Stapel noch zu bepostender Themen liegt eine Studie von Gary (nicht Bill) Gates vom Williams Institute der University of California,

GEOGRAPHIC TRENDS AMONG SAME-SEX COUPLES IN THE U.S. CENSUS AND THE AMERICAN COMMUNITY SURVEY

die mich zu dem oben erwähnten Kommentar zurück bringt. Gate’s Studie (zusammen mit ergänzenden Äußerungen von Gates) lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Der hedonistische, sündhafte, radikale Ethos und das damit verbundene Stereotyp, welches einst die schwule Kultur charakterisierte, spiegelt heute nicht mehr die Wirklichkeit wieder. Fakt ist, dass die schwulen Communities in den großen Küstenstädten schrumpfen und es zu einem Wachstum der schwulen Bevölkerung im Landesinneren der USA kommt. Dies fördert die zunehmende Akzeptanz von Homosexualität in der us-amerikanischen Bevölkerung. Zunehmende Akzeptanz bedeutet eine Verringerung der sozialen Stigmatisierung. Je mehr Menschen sich outen, desto mehr Menschen gibt es, die dies akzeptieren. Und je größer die Akzeptanz in der Öffentlichkeit, desto mehr Menschen outen sich.

Die Anzahl der offenen schwulen Paare hat sich in den USA seit 1990 vervierfacht und die größte Zunahme ist in den eher sozial konservativ eingestellten Bundesstaaten festzustellen. Staaten, die Schwulenehen ausdrücklich verboten haben, verzeichnen eine überdurchschnittliche Zunahme der Anzahl schwuler Paare. Und in Bundesstaaten, die durch Volksentscheid same-sex marriages untersagt haben, ist eine noch darüber hinaus gehende Steigerung der Anzahl schwuler Paare festzustellen. Diese Erhöhung des Anzahl offen schwuler Paare in den konservativen Gegenden ist auch auf den Zuzug aus anderen Gebieten der USA zurück zu führen. Einige der Barrikadenkämpfer der Schwulenbewegung sind älter und reifer geworden und ins Landesinnere gezogen. Wesentlich ist die Zunahme schwuler Paare aber darin begründet, dass mehr Schwule sich outen; sie müssen sich nicht verändern oder an den Mainstream anpassen weil sie ohnehin schon ein Teil davon sind. Die demografischen Charakteristiken der schwulen Bevölkerung gleichen sich immer mehr denen des Mainstream an. In einem Staat wie Utah oder Nebraska lebend, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, viele Gemeinsamkeiten mit dem Nachbarn zu haben, egal ob gay oder straight. Sie sind ländlich, religiös und republikanisch. In der Gesellschaft bildet sich immer mehr die Auffassung heraus, schwul zu sein sei nichts so Besonderes. Daraus folgt für Schwule, dass Homosexualität nicht mehr die zentrale Bedeutung für ihre Identität haben wird, wie in früheren Zeiten. Schwul zu sein wird immer mehr zu einer von vielen Varianten individueller Identität. So wie die Veränderungen, die mit einem coming out assoziiert werden, schwächer werden, so schwächt sich auch die Identität ab, die dieser Akt der Selbstentdeckung und Selbstbehauptung einst erzwang. Es bedeutet, dass die Kultur, die ehemals mit schwuler Identität verknüpft wurde, sich immer weniger vom Mainstream unterscheidet. Dieser Trend kündigt das Ende der schwulen ‘Verbundenheit’ an. Der Prozess ist nicht unähnlich demjenigen vieler Immigranten und anderer Minderheiten in den USA, die gegen Diskriminierung gekämpft haben, ihre Enklaven verlassen haben und nun ein wenig traurig darüber sind, dass das verbindende Gefühl ihrer Einzigartigkeit und Zusammengehörigkeit, dessen sie sich einst erfreut haben, verloren ging. So wie Schwule in der breiten Bevölkerung aufgehen, so verlieren Orte wie West Hollywood und der Castro District in San Francisco ihre Anziehungskraft. Wenn sich mehr Schwule auch an anderen Orten outen, werden sich Politik und Lebensweisen insgesamt ändern und die Duldsamkeit wird sich vervielfachen. Einige der Pioniere aus der unruhigen, kämpferischen, ekstatischen ‘guten alten Zeit’ mögen dies mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen. Aber ist es nicht das, was jeder seit 20 Jahren will? So behandelt zu werden, wie jeder andere auch?

Schwul ist/wird normal?

1.

Gegen die Studie habe ich mehrere Vorbehalte. Zum einen ist das methodische Vorgehen fragwürdig. Es werden nach unterschiedlichen Verfahren erhobene Daten einem Mehrjahresvergleich zu Grunde gelegt. Die Vergleichbarkeit von in differierenden Verfahren erhobenen Zahlen ist aber sehr begrenzt. Zum anderen werden, soweit ersichtlich, für den jüngsten Betrachtungszeitraum Normalverteilungsprognosen und Attributstichproben miteinander vermengt. Das mag zu gewünschten Ergebnissen führen, schränkt aber ebenfalls die Aussagekraft der Studie ein.

Außerdem legt der Verfasser der Studie seinen Wertungen Betrachtungen zu Grunde, die nicht der Lebenswirklichkeit entsprechen. Zwar sind die Veränderungen in der amerikanischen Gesellschaft, bemerkenswerter Weise gerade während der Bush(jun)-Ära, nicht zu übersehen. Ebenso wenig dürfen aber die tagtäglichen gewalttätigen Übergriffe auf Schwule, die negative Berichterstattung und Lächerlichmachung in einem großen Teil der amerikanischen Medien und die nicht enden wollenden antischwulen Kampagnen insbesondere aus evangelikalen und erzkatholischen Kreisen aber auch aus der islamistischen Ecke und die damit verbundenen Anstiftungen zu antischwuler Gewalt nicht übersehen werden.

Mir scheint die Forschung nach den Ursachen für den Anstieg der Anzahl offen schwuler Paare in den ländlicheren Teilen der USA auf halben Weg stecken geblieben. Festzuhalten ist, dass die ‚Stadtflucht’ auch auf die in den letzten Jahren erheblich angestiegenen Lebenshaltungskosten in großstädtischen Ballungsräumen zurückzuführen ist, wie auch auf die Verlagerung von Arbeitsplätzen weg aus den ‚teuren’ Ballungsräumen (Mieten, Grundstückspreise, Sicherheitskosten, Steuern) in Landstriche, die preisgünstigere Unternehmensstandorte bieten. Eine Rolle dürfte auch die Verdrängung schwuler Communities durch andere, ethnisch und religiös geprägte Bevölkerungsgruppen, spielen.

2.

Trotz aller Zweifel an der Studie: Die von dem Verfasser aufgezeichneten Tendenzen in der Veränderung schwulen Lebens entsprechen meinen Beobachtungen hier in Deutschland. Der Trend zur Anpassung und zur Angleichung an heterosexuelle Lebensformen und Lebensweisen ist unverkennbar. Mit der eigenen Normalisierung entsprechen viele Schwule dem Druck und dem Wunsch heterosexueller Menschen. „Verhaltet Euch normal, dann behandeln wir Euch auch normal“, wird nicht selten als Voraussetzung für die Gleichberechtigung und Gleichbehandlung formuliert. Und viele Schwule sind spiegelbildlich der Ansicht, dass Gleichberechtigung nur über die weitestgehende Anpassung an und Übernahme von heterosexuellen Lebensweisen zu erreichen sei. Der Wunsch, zum gesellschaftlichen Mainstream zu gehören, wird von schwulen Menschen oft damit begründet, dass sie nicht über ihre Sexualität definiert werden wollen und sie führen an, dass ihre Sexualität nur ein kleiner, nicht der wesentliche Teil ihrer Identität sei.

Dem halte ich entgegen, dass der Weg zur Gleichberechtigung nicht zwangsläufig über eine vorhergehende Gleichmacherei, nichts Anderes verbirgt sich hinter dem Mainstreamdenken, führen muss. Mainstream ist nichts Anderes als unauffälliges Mitschwimmen im breiten Strom, ein Einreihen in Verhaltensweisen der breiten Masse. Das mag das Leben erleichtern, wenn Mann mit dieser Form zu leben zufrieden ist. Die Erleichterung liegt aber in erster Linie darin, sich mit den vorherrschenden politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Ansichten abzufinden und sich nicht der Unbequemlichkeit, eine eigene Meinung zu finden und zu vertreten, zu unterziehen. Sie liegt darin, sich mit einem standardisierten Freizeitangebot zufrieden zu geben, und zum Beispiel auf die, häufig auch von schwulen Menschen verächtlich so bezeichnete, schwule (Sub-)Kultur zu verzichten. Gleichberechtigung wird für den hohen Preis der Anpassung an Mainstream-Normen erreicht. Jeder mag für sich entscheiden, ob darin nicht auch ein Teilverlust der persönlichen Identität liegt. Manchen wird diese Anpassung, getrieben von dem Wunsch dazu zu gehören, leicht fallen, anderen wird sie nur durch eine schmerzhafte Selbstverleugnung gelingen.

Wesentliches wird dabei, gerade von denjenigen, die nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass ihre Sexualität nicht ihr entscheidenden Identitätsmerkmal ist, gerne übersehen. Je mehr sich schwule Menschen dem heterosexuellen Normbild angleichen, je mehr Schwule, wie Gates es erwähnt, Lebens-, Denk- und Handlungsweisen Heterosexueller übernehmen, je mehr sie sich in unauffälliger Weise in eine konservative Nachbarschaft einreihen, desto mehr tritt ihre Homosexualität als Unterscheidungskriterium in den Vordergrund. Denn es wird zum einzigen Unterscheidungskriterium. Menschen suchen immer nach Kriterien und Gründen für Abgrenzungen und Unterscheidungen. Lässt sich im Lebensstil, im Familienstand, im Denken, in der Wohnungseinrichtung oder was auch immer, irgendwann nichts mehr finden, um sich von Schwulen abzugrenzen, bleibt nur noch die Sexualität. Aus dem Schwulen wird dann wieder der Homosexuelle. Und es wird genau dass geschehen, von dem viele Schwule weg wollen, nämlich das allein die Sexualität als zentrales und entscheidenden Unterscheidungskriterium herangezogen wird. Der Versuch sich über den Mainstream und über Mainstream-Themen zu definieren wird auf Dauer scheitern.

Als ein beachtlicher Vorteil des Aufgehens im Mainstream wird, so auch von Gates, die damit (angeblich) verbundene Zunahme von Toleranz und Akzeptanz ins Feld geführt. Es wird argumentiert, dass schwulenfeindliches Verhalten im Schatten des Mainstreams, gewissermaßen im Schutz der Gesellschaft, weniger zu befürchten oder leichter abzuwehren sei. Es ist dies das Hoffen des anständigen Bürgers auf den Beistand der Anständigen. Und doch ist es ein Irrtum, der sich als folgenschwer erweisen kann. In der Gesellschaft akzeptiert zu sein, vielleicht als angesehener Bürger zu gelten, vermag ein Schutzgefühl zu vermitteln. Aber es ist ein nur temporärer Schutz, der von heute auf morgen wirkungslos werden kann. Der Blick auf die Geschichte der jüdischen Menschen in Deutschland macht deutlich, wie fatal man sich in dem Glauben an das Aktzeptiertsein und an die gesellschaftliche Achtung täuschen kann. Juden waren bis zu Beginn der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhundert in allen gesellschaftlichen Positionen zu finden. Sie saßen in den Vorständen bedeutender Unternehmen, waren Abgeordnete und Politiker. Sie gehörten, trotz des schon lange vor den Nazis aufgekommenen Anitisemitismuses, zum Mainstream. In seiner staatliche gesteuerten Form machte der Antisemitismus aus der gesellschaftlichen Achtung innerhalb kürzester Zeit eine gesellschaftliche Ächtung mit tödlichen Folgen für die jüdischen Menschen.

Ich möchte Gleichberechtigung nicht über Angleichung bis hin zur Unkenntlichkeit der eigenen Identität erreichen. Ich will auf Gleichberechtigung gleichwohl nicht verzichten. Ich bin mir bewusst, dass sich Gleichberechtigung nicht mit einer ‘mit dem Kopf durch die Wand’ Politik erreichen lassen wird. Das schadet auf Dauer nur dem Kopf. Mich mit allen anderen durch eine Tür in der Wand quetschen zu müssen, gefällt mir auch nicht, also mache ich mich lieber auf die Suche nach einer anderen Tür. Und vielleicht gelingt es ja sogar, die Wand zu Fall zu bringen, ohne dem Kopf allzu großen Schaden zuzufügen. Es ist ein unbequeme und nicht besonders einfache Alternative. Aber vielleicht ein identitätsstiftender Weg. Der von Gates besungene Weg aus der schwulen Community, der zum Zerfall derselben führen muss, verspricht zwar den Schutz des Mainstreams, wird dieses Versprechen, wenn es darauf ankommt, aber nicht halten.

Ich will keineswegs zurück in die Vor-Stonewall-Zeiten, in denen Schwulsein sich auch über ein verdecktes Beziehungsgeflächt definierte. Und ich bin auch kein Bewahrer, der an dem Istzustand festhalten möchte, aus Furcht, die Veränderung könnte ihm Gewohntes und vielleicht auch die respektable Leidensrolle wegnehmen. Gleichwohl mag ich in dem sich verstärkenden Drang zur Normalität nicht allein einen Fortschritt sehen.

In einer normalisierten Welt, wie sie Gates und viele andere vor Augen haben, wird das ein oder andere auf der Strecke bleiben. Ganz gewiss wird der Begriff ‘Schwul’ seine Bedeutung nicht behalten. Er wird vielleicht, in Fortsetzung des in Teilen der Bevölkerung feststellbaren Bedeutungswandels, als Schimpfwort weiter bestehen, aber ansonsten funktionslos werden, da die Spezies ‘Schwuler/Schwule’ nach Abschluss des Assimilierungsprozesses nicht mehr existiert. Eine Ersatzbezeichnung sehe ich nicht; insbesondere helfen die aus dem Bereich der Queer Theory und der Queertheoretiker kommenden Begriffsbildungen (weil eine besondere Form der Gleichmacherei manifestierend) nicht weiter. Vielleicht finden sterile, entmenschlichende Phrasen, wie sie jetzt die Österreichische Bischofskonferenz gefunden hat, die da von homosexuell geprägten Personen spricht, Eingang in die politisch korrekte Sprache.

Ich fühle mich mit der Bezeichnung ’schwul’ ganz wohl. Zwar schmerzen mich die andauernden Versuche eines Teils der heterosexuellen Menschen, dem Begriff ‘Schwul’ negative Konnotationen zu geben und ihn abwertend zu gebrauchen, sehr. Aber ich sehe auch die damit verbundene Hilflosigkeit dieser Menschen, die eigenen Identität zu beschreiben, denn es gibt für heterosexuelle Menschen keinen vergleichbaren identitätsandeutenden Terminus (‘Hete’ oder ‘Straight’ taugt wohl kaum dazu). Ihnen bleibt nur, sich auf ihre scheinbare Normalität zurück zu ziehen. Bemerkenswerter Weise kontern heterosexuelle Menschen, genauer die heterosexuellen Menschen, die Glauben, irgend etwas verteidigen zu müssen, das ‘Schwulsein’ nicht mit einem eigenen inhaltlichen Ansatz, sondern immer nur mit dem Hinweis darauf, sie selbst seien ‘normal’ und Schwule eben ‘unnormal’. Diese Normalität ist inhaltsleer und nach meinem Dafürhalten nicht erstrebenswert. Ich sehe in meinem Schwulsein durchaus etwas Besonderes. Und frage ich heterosexuelle Menschen danach, was ihre Leben ausmacht, ob sie etwas Besonderes sind, ob ihr Lebens etwas Besonderes ist, können viele, bei weitem nicht alle, darauf nichts antworten. Und manche, insbesondere die platten Schwulenhasser, verstehen die Frage nicht einmal. Viele Menschen wollen allerdings auch gar nicht irgendwie anders sein, wollen nichts Besonderes sein. Sie wollen in aller Ruhe routiniert ihr reguliertes Leben leben.

Warum sollte ich auf die Wahrnehmbarkeit meines Andersseins verzichten? Warum sollte ich ohne Not und nur um der Anpassung willen auf die Besonderheit meines Schwulseins verzichten? Das bedeutet nicht, dass ich mich und mein Schwulsein anderen aufdränge. Ich verfahre nach dem Motto, ‘wer es wissen will, der weiß es’. Hin und wieder jedoch ist es notwendig, den Menschen, die meine Identität nicht erkennen wollen oder ganz bewußt verkennen, aktiv etwas mehr Klarheit zu verschaffen. 

‘Schwul’ ist mehr als Homosexualität. Gerade weil ich,  wie viele andere auch, nicht nur an meiner Sexualität festgehalten werden möchte, bezeichne ich mich ungern als ‘Homosexueller’. Schwul ist für mich keine Weltanschauung, keine Ideologie und keine allein selig machende Lebensweise. Es ist für mich eine Lebensauffassung, die ich nicht abschließend beschreiben kann und will. Denn es gibt andere Lebensauffassungen, die für sich ebenfalls die Bezeichnung ’schwul’ in Anspruch nehmen und die ich ohne weiteres und in der Regel ohne grundlegenden Widerspruch neben meiner eignen gelten lassen kann. Diese Lebensauffassung wurzelt in meiner sexuellen Neigung, und die Lebenserfahrungen, die diese mit sich gebracht hat. Ich denke dabei weniger an sexuelle Highlights oder sexuelle Enttäuschungen, sondern vielmehr zum Beispiel an Diskriminierungserlebnisse (eigene und fremde, hier und jetzt, Andernorts und zu früheren Zeiten) und an Ereignisse in Zusammenhang mit meinem Outing. Dies alles macht mein Leben aus. Nicht nur, aber doch sehr wesentlich. Würde dies alles wegnormalisiert, bliebe ein Rest, der mich nicht mehr sehr von anderen ‘normalen’ Menschen unterscheiden würde. Und meine Homosexualität würde, wenn ich sie und damit das, was von mir noch bliebe, nicht verleugnen würde, als Unterscheidungs-, und damit gegebenenfalls als Ausgrenzungskriterium, bleiben. Das ist mir zuwenig. Ich habe den Eindruck, dass die von vielen Menschen, verschieden- wie gleichgeschlechtlich orientiert, gewünschte Normalisierung der Lebensweise schwuler Menschen, zwar ein scheinbares Mehr an Integration bringen kann, in jedem Fall aber zu einem weniger an Freiheit führt.

The reasonable man adapts himself to the world; the unreasonable one persists in trying to adapt the world to himself.
Therefore all progress depends on the unreasonable man. (George Bernard Shaw)

3.

René hat in seinem Blog die Diskussion über schwules Blogging um eine weitere Betrachtung bereichert. Dabei nimmt er auch Bezug auf Aussagen, die er in anderen Blogs gefunden hat. Offensichtlich wird die von mir Eingangs erwähnte Auffassung eines Kommentierers auch von einigen (vielen?) schwulen Bloggern vertreten. So ist wohl geäußert worden, schwule Blogs seinen nichts Anderes als eine Erweiterung des „schwulen Ghettos“ – der eigenen Ausgrenzung – ins Internet. Abgesehen davon, dass der Begriff Ghetto in diesem Zusammenhang wohl nur in romantisierender Form verstanden werden kann, habe ich Straßen oder Stadtviertel mit einem hohen schwulen Bevölkerungsanteil und/oder einer deutlich wahrnehmbaren schwulen Infrastruktur nie als etwas Negatives oder gar Bedrohliches empfunden; ganz im Gegensatz zu Quartieren mit hohem Anteil von Menschen bestimmter Ethnien. Genauso, wie im wirklichen Leben von Schwulen bevorzugte Wohn- und Freizeitgegenden für andere Menschen keine No-Go-Areas sind (auch wenn sich der ein oder andere, der Homophobie geschuldet, unwohl fühlen mag), sind schwule Blogs keine Sperrbezirke für Nichtschwule. Eine Ausgrenzung, in die eine wie die andere Richtung, sehe ich überhaupt nicht. Im Gegenteil bietet das Internet eine (zur Zeit noch) mehr oder weniger anonyme Möglichkeit, in schwule Welten hinein zu schnuppern, ohne erkannt zu werden, ohne fürchten zu müssen, sich ‘anzustecken’. Gerade deshalb muss es schwule Blogs geben, beziehungsweise Blogs, wie René es schreibt, die ‘auch’, aber nicht nur, schwul sind. Je mehr, desto besser, damit die schwule Vielfalt deutlich wird, denn ich nehme zum Beispiel für meinen Blog und meine Ansichten keineswegs Repräsentativität in Anspruch.

Wie im wirklichen Leben wird einem schwulen Blogger von manchen heterosexuellen Menschen das Makel übertriebenen Schwulseins und mangelndem normalen Verhaltens (normalen, normentsprechenden bloggens) angeheftet. Und von normalisierten Schwulen kommt es nachgerade zu einer Stigmatisierung schwulen Verhalten (mit variierenden Definitionen desselben) und schwulen Bloggens. Wenn es überhaupt zu einer Ausgrenzung kommt, im Internet, wie im wirklichen Leben, dann dadurch, dass Schwule die Schwulen ausgrenzen (wegen nicht ausreichend normalen Verhaltens), die sie für ihre eigene Ausgrenzung verantwortlich machen.

Das ebenfalls zu hörende/lesende Argument, heterosexuelle Menschen würden unverkennbar schwule Blogs nicht lesen, lasse ich nicht gelten. Zum einen weiß ich von diesem und anverwandten Blogs, dass sie heterosexuelle Leser haben (die, dass sei am Rande angemerkt, von mir sehr geschätzt werden), zum anderen könnte dieses Argument gegen jedes irgendwie spezifische Blog, sei es in der Person des Bloggers, sei es in der Themenauswahl/-beschränkung, gerichtet werden. Mancher Blogger scheint auch von der Sorge um ausreichend viele Klicks getrieben und verweigert deshalb allzu tiefgehende Einblicke in sein Ich. Andere Blogger versuchen den Spagat, den sie in der Bekanntgabe der eigenen sexuellen Ausrichtung und dem Ringen um zahlreiche Leser offenbar sehen, dadurch zu lösen, dass sie zwar die Worte ’schwul’ oder ‘gay’ in ihrem Blognamen verwenden, aber gleichzeitig ihrem Blog einen hochwertigen, gar intellektuellen Anstrich geben, um so auch für die aufgeschlossene heterosexuelle Leserschaft ansprechend zu erscheinen. Wieder andere schreiben das Wort ‘Schwul’ gleich mehrfach in ihren Blognamen um, ich kann es nur vermuten, die nach wie vor vorhandene Skandalträchtigkeit des Wortes ‘Schwul’ auszunutzen und in fragwürdiger Weise eine ebenso fragwürdige Leserschaft möglichst zahlreich anzuziehen.

Jeder mag seinen Blog so gestalten, wie er will. Es mag, auch je nach thematischer Ausrichtung des Blogs, häufig überhaupt keine Notwendigkeit bestehen, die eigene Sexualität auch nur anzudeuten. Generell Heteronormalität vorzuspiegeln oder sie gar zur Konvention zu erheben würde aber auch hier nur wieder Gleichmacherei und Anpassung bedeuten. Wer Angepasstes lesen will, wird es auf meinem Blog schwerlich finden. Und ich freue mich über (fast) alle unangepassten Blogs, denn sie sind eine Bereicherung der virtuellen Welt.

Schwul ist nicht normal. Normal ist nicht schwul.

15 Antworten zu „Schwul ist normal? – Schwul ist nicht normal!“

  1. rene sagt:

    Boah Stefan, ich bin hin und weg. Für den Post hast Du den schwulen (oder Schwulen- ???) Nobelpreis verdient :D

    Spaß beiseite. Ich denke, Du hast hier auf einen Umstand aufmerksam gemacht, der vielen Schwulen garnicht so wirklich bewußt ist: sie versuchen sich anzugleichen. Und sie verfallen dadurch dem Mainstream. Das führt bis zu totaler Meinungs- wenn nicht Identitätsgleichheit. Zum „Normalen“. Zum Verstecken dessen, was man ist. – Nur weil man den „Makel übertriebenen Schwulseins“ loswerden will. Und dann ist man irgendwann wieder der abgefuckte Outsider, wenn man sich öffentlich dazu bekennt, auf Pimmel zu stehen.

    Ich stehe voll auf Deiner Seite. Ganz starker Post, den sich jetzt GERADE die „normalen“ Besucher einmal durchlesen sollten.

  2. TheGayDissenter sagt:

    Danke für die Blumen! :)

  3. Osterhasi sagt:

    ich hatte das problem erstmal selber damit klar zu kommen, das ich schwul bin, und ich hab es jetzt erst so richtig selber akzeptiert, ich versuche aber immer noch mich dem rest der welt anzupassen da ich angst hab wie die menschen in meiner umgebung darauf reagieren könnten. bisher wisen es auch nur meine besten freunde und ihre familien, meine eigene familie weiß es noch nicht da ich mir unschlüssig bin ob sie wirklich damit klar käme, un ich weiß auch wie schon gesagt durch eigene erfahrung das man sich versucht anzupassen mit der masse zu gehen und nicht aufzufallen aber ich weiß auch das das ein fehler ist aber ich kann es noch nicht anders denn ich bin noch nicht mal 18 jahre alt un weiß auch erst seit 1,5 jahren das ich wirklich schwul bin hatte auch schon eine beziehung un ich wollte nicht das es irgend jemand mitkreigt aber diese beziehung war sogar noch als ich dachte ich bin „nur Bi“, aber vielleicht kann ich irgendwann offen damit leben und versuche nicht mehr mich der masse anzupassen sondern ziehe mein ding durch weil ich eigentlich weiß das schwul sein „normal“ ist ,doch wenn man die menschen immer so reden hört kann man zweifel bekommen, aber gut ich will ja jetzt nicht nur von mir reden wird nur langweilig^^.
    auf jeden fall hast du somit damit recht was du schreibst. wir wollen uns anpassen, aber vill lernen wir es ja noch so zu leben wie wir es wieklich wollen.

  4. ng sagt:

    hervorragender, sehr interessanter post meiner meinung nach. in den meisten punkten stimme ich dir auch voll und ganz zu. deine argumentation kann man in weiten teilen auch problemlos auf andere bereiche des lebens ausdehnen wo auch menschen ausgegrenzt werden. z.b. politische ansichten oder auch ganz unspektakuläre dinge wie essgewohnheiten etc…
    irgendwie liegt es in der natur des menschen sich anzupassen. kann ich absolut nicht verstehen. ich finde jeder mensch sollte sich in irgendeiner hinsicht als etwas besonderes fühlen können. gerade wegen der frage der identifikation.

  5. TheGayDissenter sagt:

    @ Osterhasi

    Ich glaube, wenn Mann ‘out’ sein will und sein Leben offen und so, wie Mann es für richtig hält, leben will, braucht Mann einen anderen Menschen, der einem Rückhalt gibt. Der einfach da ist und einen auffängt, wenn einem die ganzen Scheißidioten das Leben zur Hölle machen. Freunde, Geschwister,… gut wäre es, wenn die Eltern hinter einem stehen, aber das ist häufig eines der größten Probleme,… oder eben eine feste, stabile Beziehung, nicht nur ein mehr oder weniger flüchtiges Verliebtsein.

    Um so etwas alleine, gerade in Deinem Alter (hier spricht der Opa) durchzuziehen, braucht es sehr viel mentale Stärke und vielleicht auch Muskelkraft.

    Höre nicht auf ‘die Menschen’. Höre nur auf Dich und, wenn Du Dir ganz sicher bist, auf den Menschen, den Du liebst.

  6. rulezz sagt:

    Ein paar Worte würde ich zu diesem Post gerne loswerden… Und zwar schreibst bzw. beschreibst du ja sehr ausführlich, inwieweit du Anpassung (wenngleich argumentativ zum Zwecke der Gleichberechtigung) als etwas Schlechtes erachtest. Und schreibst diesbezüglich, dass du dein Schwulsein als etwas Besonderes erachtest. Du sagst ebenso, dass du dich nicht nur über dein Schwulsein identifizieren möchtest. Gleichwohl schreibst du aber auch, „[...] hin und wieder jedoch ist es notwendig, den Menschen, die meine Identität nicht erkennen wollen oder ganz bewußt verkennen, aktiv etwas mehr Klarheit zu verschaffen [...]„, was für mich bedeutet, dass du Schwulsein eben doch als deine Identität bezeichnest. Das ist etwas, dass mir oft auffällt, wovor ich selbst auch nicht gefeit bin, was ich aber äußerst ungern tue – das „Schwulsein“ als etwas so Besonderes zu erachten, dass es zu oft im thematischen Fokus steht. Weisst du, ich stehe auf Männer – dies ist e-i-n Aspekt meiner Identität, aber nicht Grundlage für ebendiese. Dazu gehört noch mehr, wie z.B. die Musik, die ich mag, die Partys, auf die ich stehe, die Dinge, die ich tue, wie ich mich gegenüber meinen Mitmenschen verhalte, Hobbys… Du würdest mich wahrscheinlich als angepasst bezeichnen, was aber daran liegt, dass Schwulsein mich a priori nur anders in meiner sexuellen Präferenz macht, aber eben nicht in all den anderen Fassetten meines „Ich“. Insofern bin ich auch einer dieser Schwulen, welche der schwulen Szene nicht abhaben können. Einerseits kann man mir auch hier „normalisierende“ Angepasstheit vorwerfen, andererseits muss ich mich aber auch fragen, ob all die Leute in der Szene sich nicht ebenso einem gewissen Szenetrend anpassen, quasi die Anpassung als Gegenpol zum Normalen. Ich bin geoutet, und gehe trotzdem lieber mit meinen „normalen“ Kumpels feiern als in die Szene, wo ich im Gegensatz zu den „normalen“ D’n'B-Partys (oder sonstwas) auf Partys gehen soll, wo noch immer „It’s raining men“ zum Floorfilla wird, und mir am Eingang ein Glas Prosecco gereicht wird, wo es im Darkroom mehr Verkehr gibt als in der Strassenbahn zur Uni, wo es zum guten Ton gehört, die „s“ etwas schärfer zu sprechen und einige ä’s mehr in Wörter einzubauen… Tschuldigung, da muss ich schon sagen, wtf?!? Klar, das ist jetzt auch bloss eine Überspitzung auf meiner Seite, und nicht die ganze Szene ist so, und auch nicht jeder, der hingeht! Und selbst wenn, gilt noch immer, jedem das seine… Aber Achtung!, Sarkasmus: Wieso muss denn jeder halbwegs schwule Verein immer ein „-perlen“ im Namen haben? Vielleicht sollte man bedenken, dass sich einige Schwule eben nicht so aktiv anpassen, wie man meinen könnte, sondern dass sie, abgesehen eben von der sexuellen Orientierung, nicht anders sind als straight people, ergo: „normal“. Das soll nun auch nicht heissen, dass ich Schwule, die, nun sagen wir mal, etwas extrovertierter sind, nicht respektiere, oder toleriere, oder als „unnormal“ bezeichne, im Gegenteil! Aber gleichsam hätte ich es gerne, wenn man selbst toleriert wird, und einem nicht öfters Anpassung der Bequemlichkeit wegen vorgeworfen wird. Schwul ist normal und ist es doch nicht – weil es auch ein „Normal“ -schlicht und einfach- nicht gibt.

  7. TheGayDissenter sagt:

    @rulezz

    ‘Nicht nur’, aber ‘auch’. Ich identifiziere mich nicht nur, aber auch über und durch mein Schwulsein. Und ich sehe darin etwas Besonderes, weil Schwulsein für mich mehr als MSM, mehr als Homosexualität ist. Ich hatte oben versucht deutlich zu machen, das Schwulsein für mich eine Lebensauffassung ist.

    Bei der von Dir zitiert Textstelle denke ich zB an Situationen, in denen ich auf mir unbekannte Menschen treffe, und diese schwulenfeindliches Verhalten zeigen. Dann halte ich es, von Fall zu Fall, durchaus für angemessen, mein Schwulsein sehr aktiv und sehr direkt offenzulegen. Das Besondere wird in so einer Situation dann nicht von mir geschaffen.

    Ich habe mit der so genannten Szene nicht viel am Hut, was aber mehr damit zu tun hat, dass ich mit Parties, Kneipen, Saunen, etc generell nicht viel anfangen kann. Und dennoch: All’ diejenigen mit dem scharfen ’s’, den ‘ä’s’, die Darkroombesucher, all’ diejenigen, die der breiten Masse als Sonderlinge erscheinen, sehe ich als meine Verbündeten. Sie sind verträglicher als Leute, die ein konventionelles Leben führen. Ich sehe in ihnen zwar weniger ‘Gleichgesinnte’, aber doch Bündnispartner bei meinen Konflikten mit der Gesellschaft.

    Ich möchte Theo Kars zu Wort kommen lassen: „Ein Mensch sollte nicht fragen, was er mit anderen gemein hat, sondern worin er sich von ihnen unterscheidet. Erst wenn er einen Blick für seine Andersartigkeit hat, kann er entscheiden, was er tun muss, um glücklich zu werden. Erst wenn Du weißt, was Du willst, weiß Du wirklich, wer du bist.“

    Viele Grüße,

    Stefan

  8. Irorkapadlora sagt:

    Hello!
    Nice site ;)
    Bye

  9. Hitliste der Schimpfworte an britischen Schulen « The Gay Dissenter sagt:

    [...] bestätigt mich ein der Ansicht, dass ein erheblicher Teil der heterosexuellen Menschen nicht in der Lage ist, sich selbst, ihr eigenes Dasein zu definieren. Sie suchen Zuflucht in der Diskriminierung, der Beileidigung und Ausgrenzung anderer. Schon vor einigen Monaten hatte ich geäußert: [...]

  10. Smegma « The Gay Dissenter sagt:

    [...] Moment zeichnet sich in der ’schwulen Welt’ ein heftiger Trend zur ‘Normalisierung’ (Dauerhafte monogame Beziehung -zumindest als Plan -, [...]

  11. Sozialverträgliche Eheschließungen « The Gay Dissenter sagt:

    [...] ich, dass wir auf unserem fragwürdigen Zug in die ebenso fragwürdige wie scheinbare Heteronormalität auch diesen Standesdünkel, den die [...]

  12. Kölner CSD-Befindlichkeiten « The Gay Dissenter sagt:

    [...] und mit genug Stoff für einen Post versehen, aber ich habe keine Lust, mich hier immer wieder zu wiederholen. Erstaunt bin ich, wer alles regulierend in den CSD eingreifen und (vor)schreiben will, wie sich [...]

  13. gaybocholt sagt:

    Interessant, wir sind also frei?

    Soso, wieso werden wir dann immernoch wie Menschen zweiter Klasse behandelt?

  14. Geografie der Gedanken « Steven Milverton sagt:

    [...] November 2007 schrieb [...]

  15. Steven sagt:

    Der Post enthält keinen Vergleich. Im Übrigen kann man nicht ‘zwischen’ dem einem und dem anderen vergleichen.

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