Die Österreichischen OÖNachrichten berichteten am 5. November 2007 über den Pinken Christkindelmarkt in München. Denkwürdige Sätze sind da zu lesen. Der Entscheidende steht gleich zu Anfang:
Bevor das Christkind sein Glockerl läutet, klingeln die Kassen auf den Weihnachtsmärkten.
Wie war, und viel schwules Geld wird die Kassen auch in diesem Jahr klingeln lassen und deshalb sieht der Organisator von Pink Christmas mutig der Gefahr ins Auge:
Die Kombination Weihnachten und Homosexualität ist gefährlich.
Warum eigentlich? Angeblich wurde doch Jesus an Weihnachten geboren und da gibt es doch Gerüchte… Na, ich verkneif mir das jetzt und hebe mir das Thema mal für später auf. In Zusammenhang mit Weihnachten fallen mir wesentlich gefährlichere Kombinationen ein. Zum Beispiel ‘Meisner und Weihnachten’ (der Gute wird bestimmt wieder reichlich viel Geistloses als Geistvolles verkaufen) oder ‘Familie und Weihnachten’ (in den Nachweihnachtstagen werden die Zeitungen wieder voll sein mit Berichten über Familiendramen).
Aber es geht ja um den guten Zweck. Alle Trinkgelder gehen an die Aids-Hilfe.
Aha, nur die Trinkgelder. Und was ist mit den Gewinnen? Sorry, wenn ich der Aids-Hilfe etwas zukommen lassen möchte, muss ich das nicht über den Umweg ‘Trinkgeld’ machen.
Wir möchten keine Klischees bedienen, spielen aber damit
sagt der Veranstalter, Robert Maier-Kares, und ich verstehe nicht, was er damit meint. Naja, ich habe im Dezember in München zu tun, werde mir das Ganze mal anschauen und vielleicht ein wenig von meinem schwulen Geld ausgeben.
Schwules Geld? Gibt’s das? Offenbar! Paygay bietet jedenfalls nett gestaltete Kreditkarten an. Und ich habe so eine…
Okay, der aufmerksame Leser wird mir jetzt entgegen halten, dass ich mich hier und da schon mal über die allzu leichtfertigen Etikettierungen ’schwul’/'gay’ echauffiert habe. Aber erstens bin ich nur fallweise prinzipientreu und zweitens macht es mitunter Spaß, die irritierten Blicke der Verkäufer/-innen zu beobachten. Insbesondere wenn es sich um Verkäufer handelt, die mir bestimmte Dinge nicht verkaufen wollen und müssen…
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass American Express auch eine ganz besondere Kreditkarte angeboten hat (PrideCard), die allerdings in ihrer optischen Gestaltung missraten war und offenbar nicht mehr zu bekommen ist.
Bei der Gelegenheit möchte ich noch mal auf Albus Dumbledore zu schreiben kommen. Nicht nur Dumbledore konnte sich seine sexuelle Identität nicht aussuchen, sondern auch Paul Croft’s Tattoo. Denn es ist schwul geworden, meint 20minuten aus der Schweiz. Ob Frau Rowling die Tragweite des Outings wirklich bedacht hat? Und warum hat Paul Croft sich überhaupt dieses Dumbledore-Tattoo machen lassen? Besonders hübsch sieht’s nun wirklich nicht aus. Hoffte er vielleicht, in irgendeiner Weise von Dumbledore’s Zauberkräften zu profitieren?
Ob Paul Croft mit Ulrich M Schmidt übereinstimmt, der unter dem 16. Oktober 2007 in der NZZ schrieb
Prostitution, Konkubinat und Homosexualität haben ihre exklusive Schockwirkung verloren.
Wohl eher nicht.
Schmidt bespricht Michael Witkowski’s Roman ‘Lubiewo’
Seine Helden sind alternde Tunten, die sich in den verdreckten Toiletten der öffentlichen Parks herumtreiben, aidskranke Alkoholiker, denen alles egal ist, schüchterne Knaben, die dem ersten Mal mit einer Mischung aus Gier und Angst entgegenfiebern, russische Rotarmisten, die ihre Sexualnot mit polnischen Schwulen lindern, und Trickdiebe, die einen schnellen Flirt als Ablenkungsmanöver für einen Diebstahl einsetzen.
Hier sprechen die Männer in der weiblichen Form über sich und ordnen ihr ganzes Leben einem einzigen Ziel unter: einem stiernackigen, nach Achselschweiss riechenden Kerl den Schwanz zu lutschen. Witkowski zögert nicht, seine Protagonisten als «Süchtige» zu bezeichnen: «Wenn die Tunten abends die Schwelle zum Park überschreiten, spüren sie Wellen der Erregung, wie ein Junkie, bevor er sich die Spritze in die Vene rammt, wie ein Spieler, der am scharlachroten Tischtuch Platz nimmt.» Ihre Wohnungen sind ebenso karg eingerichtet wie Wartezimmer in einem Krankenhaus – sie dienen in der Tat nur der Überbrückung der leeren Zeit zwischen den nächtlichen Beutezügen. Auch das Badezimmer dient einem besonderen Zweck: Es ist mit seinen Batterien von Crèmes, Lotions und Deodorants eine Waffenkammer im erbitterten Kampf gegen den Zerfall des schönen männlichen Körpers.
usw… Zwar versucht Schmidt dann doch noch, dem Roman einen künstlerischen Wert beizumessen, dem Autor edle Motive zuzuschreiben, aber mir reicht die Zusammenfassung von Schmidt vollkommen aus, um zu wissen, dass ich nicht 34,30 Schweizer Fränkli meines schwulen Geldes für die verzerrende, merkwürdige Wertungen enthaltende, absonderlich klischeehafte Beschreibung schwulen Leben ausgeben werde. Nein, das ist kein schwules Leben, das Witkowski in seinem Buch offenbar beschreibt, es ist irgend etwas, aber nichts Schwules.
“Eine unglaublich dumme Provokation” titelt der Stern am 1. November über einen Artikel, in dem es um den Prozess über den Neonazi-Überfall auf eine Halberstädter Theaterschauspielergruppe geht. Einer der Angeklagten versucht sich zu entlasten, in dem er behauptet, er sei durch die Rufe “Schwuler” und “Schwuchtel” einer Schauspielerin provoziert worden. Und nun erfahren wir, dass es sich nicht nur um eine Schutzbehauptung handelt und sich unsere ach so tollen Enseblemitglieder des Nordharzer Städtebundtheaters selten dämlich verhalten haben. Lassen wir mal dahin gestellt, warum sich jemand dadurch, dass er als ‘Schwuler’ zeichnet wird, beleidigt und provoziert fühlt und ausrastet.
Wie kommt ein jemand dazu, Menschen, an deren rechtradikaler Gesinnung und Gewaltbereitschaft offenbar keine Zweifel bestanden haben,
“vier oder fünf dunkel gekleidete Männer, [...] die sie anhand ihrer kurzen Haare, Glatzen und Springerstiefel als “Rechte” eingeordnet habe” so eine Zeugin.
als schwul zu bezeichnen?
Dabei habe ihre Kollegin wohl einer der Gestalten auf den Treppen zugerufen, was er denn so gucke und hinzugefügt “Bist Du schwul, oder was?”. Dies, schiebt M. schnell hinterher, meine die Kollegin aber nicht im Sinne von homosexuell, sondern eher als flapsige Beschreibung von “komisch” oder “anders”. “Wer sie kennt, nimmt das auch nicht sonderlich ernst”,
erklärt uns die Zeugin.
Nicht die Provokation ist unglaublich dumm, denn im Grunde ist sie keine Provokation, nein, die Schauspielerin und ihr Verhalten sind unglaublich dumm. Und ich fühle mich durch diese Person (die Schauspielerin!) beleidigt.
Erstens überträgt sie eine Bezeichnung (’schwul’), die ich selbst gerne für mich verwende, auf irgendwelches rechtsradikales Pack, mit dem ich nie etwas zu tun haben haben will. Da helfen auch die Abwiegelungsversuche der Zeugin nichts. Erst denken, dann reden! Und nicht, wie bei Schauspielern nur allzu oft zu beobachten, reden ohne zu denken.
Zweitens liefert diese Schauspielerin dem Richter auch noch die Vorlage für ein mildes Urteil, in dem er dem Täter zubilligen kann, sich provoziert oder beleidigt gefühlt zu haben. Dem entsprechend fragte der Verteidiger eines der Angeklagten:
Könne man die Frage dann “unter Umständen möglicherweise eventuell sogar” als Beleidigung auffassen?
Die Zeugin nickte.
Gaybestattungen. Ich habe ziemlich heftig geschluckt, als Rhein-Main.net unter der Rubrik Lebensart [sic!] und der Überschrift “Rosenblätter und Regenbogen: Bestatter erfüllt die Wünsche Homosexueller” über die Geschäftsidee des Björn Schulz berichtete.
Geschluckt habe ich nicht etwa, weil mir die Geschäftsidee nicht gefallen würde (die verkrampfte Homepage sagt mir nicht zu, aber die kann ja durchaus noch besser werden). Nein, ich kann damit mehr anfangen, als mit den oben erwähnten Weihnachtsmärkten. Und wenn Björn Schulz es gut macht, kann er für viele Menschen eine unschätzbare Hilfe sein. Geschluckt habe ich, weil ich mich noch nie mit der Frage auseinander gesetzt habe, wie ich mir meine eigene Beerdigung vorstelle, weil ich noch nie mit meinem Freund darüber gesprochen habe, welche Vorstellungen wir zu diesem Thema haben. Die finanziellen und ‘versicherungstechnischen’ Angelegenheit sind geregelt bzw werden von uns von Zeit zu Zeit auf einen aktuellen Stand gebracht. Aber der Ablauf der Beerdigung… Wenn ich sterbe, und ich bin mir sicher, dass das eines Tages geschieht, dann möchte ich nicht, dass mein Freund sich mit ‘organisatorischen’ Fragen quälen muss. Ich komme jetzt ziemlich ins Stocken, denn beim Schreiben dieser Zeilen wird mir bewusst, dass ich nicht nach dem Motto verfahren kann, dass mein Freund es schon in meinem Sinne regeln wird. Und im Grunde weiß ich nicht, was im umgekehrten Fall in seinem Sinne wäre. Es ist schrecklich daran zu denken, darüber zu schreiben, aber es hilft alles nichts: Das Leben findet mit dem Tod seinen Abschluss. Weglaufen geht nicht.
Laufen muss ich allerdings noch ganz woanders hin. Mein Freund hat übermorgen Geburtstag und ich habe bisher nur ein ‘Notgeschenk’. Ich brauche aber noch ein schwules Geschenk für meinen schwulen Freund… o)
06/11/2007 um 10:17 |
na – wenn ich mich an den letzten schwulen weihnachtsmarkt in berlin erinnere, kommt mir das gruseln …
… und schwuler unter die erde kommen ist auch nicht gar so neu … wenn ich an so manche beisetzung und ganz eigene form von trauer- und beisetzungs-kultur denke aus früheren aids-jahren …
11/11/2007 um 12:08 |
Pink Christmas ist dermaßen langweilig…
Schönster Christkindelmarkt? Weit gefehlt.
War ein ganz bescheuerter Marketing-Trick.
Die meisten Schwestern stehen sowieso am Christkindelmarkt am Sendlinger Tor… der nicht schwul deklariert ist, aber schwul frequentiert^^
22/01/2008 um 9:46 |
[...] So oder so, ich werde das Buch nicht lesen. Dennoch frage ich mich, ist der Inhalt des Buches so idiotisch (Verzeihung!) oder nur die [...]
24/03/2009 um 12:04 |
[...] Ich habe so eine Kreditkarte. [...]