In der Vatikanstadt sind heute fast 500 Franquisten selig gesprochen worden.
In einem der dunkelsten Kapitel der Spanischen Geschichte, der Franco-Diktatur von 1936 bis 1977, hat die römisch-katholische Kirche eine unrühmliche Rolle gespielt. Sie stellte sich bedingungslos auf die Seite des Diktators Fransisco Franco und seines, wesentliche Merkmale des Faschischmus zeigenden, Regimes.
Die nun selig Gesprochenen standen damals gegen die demokratisch gewählte Spanische Regierung und für den späteren Despoten Franco. Offenbar will die römisch-katholische Kirche sich erneut nicht mit ihrer zweifelhaften Vergangenheit auseinander setzen, sondern vielmehr gegen den Spanischen Parlamentarismus kämpfen.
Hier ein paar Auszüge aus verschiedenen Medienmeldungen:
Die Zeit schreibt
Opfer der Franco-Diktatur kritisierten die Seligsprechungen. Sie erinnerten an die Rolle der katholischen Kirche als Stütze des mit Hilfe von Hitler-Deutschland und dem faschistischen Italien an die Macht gelangten Franco und an die Hinrichtung zehntausender Gegner seines Regimes. In der US-Internet-Zeitung “National Catholic Reporter” hieß es, auch der Geistliche Gabino Olaso Zabala, der als Missionar auf den Philippinen an Folterungen beteiligt gewesen sein soll, stehe auf der Liste der “Märtyrer”. Nach Angaben von Historikern starben im spanischen Bürgerkrieg mehr als eine halbe Million Menschen.
Espace aus der Schweiz berichtet
Doch die Seligsprechung, an der Papst Benedikt XVI. und über 70 spanische Bischöfe teilnehmen werden, hat einen Schönheitsfehler: Die Märtyrer stammen ausnahmslos von der einen Seite. Sie unterstützten den Putschisten und späteren Diktator General Francisco Franco und wurden von linken Milizen umgebracht, welche die verfassungsmässige Ordnung der Zweiten Republik verteidigten. Priester, die den Faschisten zum Opfer fielen, stehen nicht auf der Liste der Seligen.
«Die Kirche zeigt einmal mehr, dass sie nicht fähig ist, ihren Standpunkt von vor 70 Jahren zu revidieren», beschweren sich deshalb die im Red Cristiana – Christliches Netzwerk – zusammengefassten 147 katholischen Gruppen. Die Kirche vergesse die Hunderttausenden von Opfern der Franco-Truppen im Krieg von 1936 bis 1939 und der darauf folgenden Repression der Generäle.
Das Netzwerk verlangt von Spaniens Amtskirche eine «Entschuldigung für alles, was passiert ist». In einem Manifest mit dem Titel «Solidarität mit allen Opfern des Bürgerkrieges» wird daran erinnert, dass sich die katholische Kirche von Kriegsbeginn an hinter die faschistischen Generäle gestellt hatte. Der Krieg gegen die Republik und die gewählte Regierung wurde zum «Kreuzzug» erklärt. Es war nicht zuletzt diese bedingungslose Parteinahme, die den Antiklerikalismus schürte. Zumal die Kirche und ihre Vertreter in Spanien seit jeher einen schlechten Ruf haben. Nirgends hatte die Inquisition so gewütet wie auf der Iberischen Halbinsel, wo sie erst Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschafft wurde. Und nirgends hat sich die Kirche stets so eindeutig an die Seite der Mächtigen gestellt. Im Zweiten Weltkrieg wurde Spanien ganz offiziell «zur spirituellen Reserve des Okzidents».
Auch aus Kreisen von Intellektuellen und Wissenschaftlern gibt es Kritik an der Zeremonie. «Die Kirche tat nichts, um die Tausenden von Morden unter Franco zu verhindern», sagt Julián Casanov, Geschichtsprofessor an der Universität Saragossa. «Auf beiden Seiten gab es Barbarei und wurden schreckliche Taten begangen. Einmal mehr stand die Stellung des Menschen als Homo sapiens in Frage. Vor diesem Hintergrund wäre bei der Kirche etwas mehr Gespür und geschichtliche Genauigkeit nötig», sagt die Schriftstellerin Julia Otxoa.
Die Bischöfe stört die Kritik nicht. Sie suchen sogar gezielt den Streit. Das für die Seligsprechung ausgewählte Datum ist kein Zufall: Am 28. Oktober vor 25 Jahren gewannen in Spaniens junger Demokratie die Sozialisten erstmals die Wahlen, und die Pressekonferenz, bei der die Bischofskonferenz die Seligsprechung bekannt gab, wurde an dem Tag abgehalten, an dem die sozialistische Regierung ein Gesetz zum «Historischen Gedenken» ankündigte, mit dessen Hilfe die Opfer der Repression rehabilitiert und Denkmäler aus der Zeit der Diktatur entsorgt werden sollen. Das Gesetz reisse alte Wunden wieder auf, beschwert sich die Bischofskonferenz. Die Seligsprechung hingegen sei «ein Fest des Glaubens, das sich gegen niemanden richtet».
Der SWR weiss
Die Seliggesprochenen waren zwei Bischöfe, 24 Priester und viele Mitglieder religiöser Orden. Der Vatikan erklärte sie zu Märtyrern und umging damit die Bestimmung, dass Verstorbenen zunächst ein Wunder zugeschrieben werden muss, bevor sie seliggesprochen werden können.
In Spanien gab es Kritik am Zeitpunkt der Zeremonie. In dieser Woche will das Parlament ein von der sozialistischen Regierung vorgelegtes Gesetz verabschieden, das eine symbolische Wiedergutmachung für die Opfer des Krieges und der anschließenden Franco-Diktatur vorsieht. Das Regime würde damit erstmals offiziell verurteilt. Kritiker sagten, der Vatikan handele aus politischen Motiven und ziele mit der Seligsprechung gegen die Regierung.
Ist es die Aufgabe der Kirche, sich durch Seligsprechungen und ähnlichen Zirkus in die innere Politik eine unabhängigen Staates wie Spanien einzumischen? Wohl kaum! Aber offenbar erträgt es der Vatikan und sein absoluter Herrscher (Vatikanstadt ist eine absolute Monarchie) nicht, dass die mit einem beeindruckenden Ergebnis gewählte Regierung Spaniens sich nicht von klerikalem Machtgehabe beeindrucken läßt. Und dass auch der Spanische König, ein Katholik, sich mehr für die Wünsche seines Volkes interessiert, als für die des rückwärtsgewandten Vatikans (”Ich bin nicht der König von Belgien, sondern von Spanien.”) wurmt den Kirchen(ver)führer im Vatikan wohl mächtig.
Vorteil dieser kirchlichen Aktion: Es besteht kein Zweifel mehr, welche Staats- und Regierungsform die römisch-katholische Kirche für die Beste hält.
30/10/2007 um 2:08 |
[...] Einen ausführlicheren, lesenswerten Kommentar zu der ganzen Angelegenheit findet mensch hier. [...]